Häppchen hinter Panzerglas

Flick-Villa: Promis feiern Abriss-Party

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Abriss-Party in der Flick-Villa in München-Bogenhausen: Die Gastgeber Detlev Freiherr von Wangenheim, Chef des Immobilenbüros Wangenheim (v-l), seine Frau Leslie, Eva Mayr und Stefan Mayr, Geschäftsführer von M-Concept Real Estate, Bauträger für Luxus-Immobilien, bei der Cocktailparty.

München - Abriss-Party in Münchens bester Wohnlage: Ein letztes Mal drängte die Prominenz durch die Münchner Villa des Milliardärs Friedrich Karl Flick: Häppchen hinter Panzerglas.

Ein letztes Mal also schlängelt sich eine Karawane von Luxuslimousinen durch die Pienzenauer und staut sich vor der berühmten Nummer 111 – der Villa von Friedrich Karl Flick († 79). Man drängt zur Abrissfete. 300 vor allem Neugierige, eine Handvoll Wehmütige. Letztere zählten zu F. K.s echten Freunden und waren vor 35 Jahren schon bei der Einweihungsparty dabei – im Haus mit den 153 Räumen und 2000 Quadratmetern Wohnfläche – die Fenster aus schusssicherem Panzerglas, die Eingangshalle aus rotem und weißen Marmor, viele Räume vertäfelt und mit schweren Balken durchzogen. Die Holzverbauten wurden dem Haus am Ende auch zum Verhängnis – für die Ewigkeit wurden sie mit hochgiftigem Formaldehyd getränkt: Abriss. Und demnächst: zehn Luxuswohnungen.

Der Bauträger Stefan Mayr (M-Concept) und der High-End-Makler Detlev Freiherr von Wangenheim – Letzterer mit F. K. Flick bis zu dessen Tod 2006 eng befreundet – luden denn auch zur Abschiedsparty. Eine Art Verkaufsveranstaltung, wo es um mehr als nur neue Wohnungen geht. Da steht auch gleich noch das aktuellste BMW-Modell für die potentielle neue Garage. Und 30 zeitgenössische Kunstwerke bieten sich feil – gehängt für eine Nacht von den Kunsthändlern Karin Srb und Sven Ley, selbst illustre Mitglieder der Münchner So­ciety. Die Privatbank Bethmann sponserte mit Veuve Cliquot die Sause, bei der es eher Bürgerliches wie Zürcher Geschnetzeltes und Tomaten-Mozarella gab.

Früher hatte noch Tafel­decker Gerd Käfer bei dem Milliardär für Kaviar-Stimmung gesorgt – er fehlt. Genauso wie F. K.s Familie – Ehefrau Ingrid oder eine der erwachsenen Töchter – und ein paar der engsten Freunde. Ex-Herrenausstatter Harry Lindmeyer zum Beispiel. Er war überall dabei, so lange sein Freund noch lebte. „Für mich ist das Kapitel abgeschlossen“, erklärt er am Telefon. Paulaner-im-Tal-Wirt Putzi Holenia oder Leopold Prinz von Bayern wollten den Abgesang auch nicht mehr miterleben – Flicks Jagdfreunde.

Wie übrigens auch Detlev von Wangenheim, der durchaus respektvoll mit der Erinnerung an den Freund F. K. umgeht: Die meisten Zimmer bleiben verschlossen, wie auch das Schwimmbad oder der Atombunker – nur die Gesellschaftsräume sind frei zugänglich.

Wobei der überaus großzügige Milliardär – auf Reisen ließ er für gewöhnlich seinen Freunden auf dem Nachtkastl ein ­Kuvert mit Spielgeld hinterlegen – selbst weniger Berührungsängste mit den Räumlichkeiten anderer Leute hatte. Nach seinen legendären Einladungen war oft Renovierungsbedarf. Der Wirt des Côte-d’Azur-Restaurants Le Pirat stand nach einer Flick’schen Partynacht praktisch vor Ruinen – und die einzige Palme vor dem Lokal in Flammen. F. K. hat’s selbstredend großzügig gerichtet.

Bei der letzten Party in Flicks Haus hinterlässt nur eine Kürbissuppe gelbe Flecken auf dem hellbeigen Teppich. Wen kümmert’s. Flicks Freunde schwelgen in Erinnerungen. Edi Reinbold etwa, in dessen Franziskaner F. K. Stammgast war und schon mal drei Tage am Stück geblieben ist. Ihm ist ganz blümerant. Er war schon zur Einweihungsparty da. Da ist der Aufzug steckengeblieben. „Wir hatten ungefähr 15 Minuten die Krise, bis wir erlöst wurden“, erzählt Reinbold. „Leider sind heute die schönsten Räume nicht zu besichtigen.“ Das Stüberl zum Beispiel, in dem jede Einladung ihr feucht-fröhliches Ende fand. „Aber der schönste Platz war in der Personalküche“, erinnert sich Reinbold.

Und das Herrlichste waren die Überraschungen, die sich F. K. für seine Freunde einfallen ließ, doch aus dem Nähkästchen will keiner plaudern. Nur noch einmal alles nachspüren, wenn auch das Mobiliar längst weg ist. „Er war der beste und großzügigste Gastgeber und hat alle Freunde unendlich verwöhnt.“

Das war vielleicht auch die größte Freude des Milliardärs, den eine ständige Angst vor Entführung und Attentaten begleitete. Der auf den Todeslisten der RAF stand. Der auch gefangen in sich und hypochondrisch war. Doch entführt wurde am Ende erst die Leiche.

Der rote Alarmknopf mit direkter Verbindung zur Polizei in der Eichenvertäfelung leuchtet jedenfalls immer noch.

Luxuriöse Flick-Villa: Vorher und nachher

Vor dem Abriss: Einblicke in die Flick-Villa

„Allein die Panzerverglasung hat vier Millionen Mark gekostet“, weiß Orthopädie-Professor Dr. Wolfgang ­Pförringer, der F. K.s Leibarzt und Trauzeuge bei der letzten Hochzeit war. Flick fragte ihn auch, ob die Rezeptionistin ­Ingrid vom Arlberg-Hospiz-Hotel auch eine zum Heiraten wär’, woraufhin Pförringer meinte: „Die Frage ist, ob sie dich heiratet.“

Pförringer war auch auf etlichen Weltreisen dabei. „Da habe ich gelernt, wie es ist, mit Milliardären zu verreisen. Für 14 Tage hatte er mindestens 60 bis 80 Koffer dabei, stets seinen eigenen Koch, eigenes Bettzeug und eigenes Kochgeschirr. Jeden zweiten Tag wurde eine Kiste mit Lebensmitteln eingeflogen – besonders Schwarzbrot und bayerische Schmankerl.“

Der gebürtige Berliner F. K. wuchs auf einem Gutshof bei Bad Tölz auf – und so schätzte er besonders die einfachen Dinge: Bratwürstl und Leberkäse. Die bayerische Lebensart. Das Unkomplizierte in einem höchst komplexen Industriellenleben.

„Am Lustigsten waren immer die Spontan-Partys und die Grillabende“, erinnert sich Pförringer, „und obwohl hier Spitzenpolitiker und Wirtschaftskapitäne ein- und aus gegangen sind, hat er sich am wohlsten mit seinen Jägern oder dem Skilehrer gefühlt.“

Es war wohl der unerfüllte und unbezahlbare Traum von Freiheit, der F. K. immer wieder trieb. Eben auch bei seinen Partys. Eine stand mal unter dem Motto Zirkus. Karl und ­Honoré Wamsler (Süd-Chemie) brachten dazu ein Elefantenbaby mit. Das brachte selbst den alles erprobten Flick aus dem Konzept. Er wurde ganz bleich.

„Eigentlich war er ein armer Mann“, sinniert ein Partygast in den ehemaligen Prunkräumen, wo Leben und Glanz längst fehlen. Vor 35 Jahren waren die stoffüberzogenen Wände, die gekalkten Eichentüren und der ganze Stuckzierrat noch eine Sensation.

Mit offenem Mund blieb Dr. Franz Georg Strauß als 17-Jähriger Begleiter seiner Eltern Franz Josef und ­Marianne Strauß stehen, obwohl er durchaus barocke Lebensart kannte – bei Flicks Einweihungsparty 1978. „Ich bin fast umgefallen! Das war eine Welt, die ich nicht kannte – es gab von Kaviar bis Hummer alles, was Käfer zu bieten hatte. Die Gäste – lauter große Namen. Mein Vater wollte ewig nicht mehr gehen.“ Jetzt ist der Medienunternehmer aus Neugierde hier. „Schade, dass das Haus abgerissen wird“.

„Es ist kaum vorstellbar, dass dies hier alles in Schutt und Asche versinken wird“, meinte Unternehmer ­Thomas Haffa. Die Wände voller Geschichten! Flick-Freund Fritz Wepper hat sie seiner Tochter Sophie erzählt – ­pikante Details behält er lieber für sich. Wie oft hatte er hier mit F. K. das Leben gefeiert!

Und jetzt feierten das Ende u.a.: Dr. York Otto, der noch mit seinem Vater in der Villa zu Gast war („Aber rein geschäftlich – im vernetzten Denken war Flick schnell“), Ex-Mode-Experte Michael Maendler, der als Kind mit dem Fahrrad immer an der geheimnisvollen Villa vorbeigefahren ist und den Security-Leuten zugewunken hat; Dr. Dominik Pförringer („Der Herzogpark ist halb so groß wie New Yorks Zentralfriedhof, aber doppelt so tot.“); Baumogul Rolf R­ossius, Klatschreporter-Legende Michael Graeter, Alexa Agnelli und Anwalt Uli Hieronimi, Ski-Ass Christa Kinshofer, Lodenfrey-Boss Ralph ­Michael Nagel, Chemie-Boss Dr. Wolfgang Schnell mit Sohn Philipp, Prof. Dr. Jürgen Schrempp („Ich folge meiner Frau überall hin – auch in die Villa Flick, in der ich noch nie war“); die Papier-Mogule Olga und Clemens Haindl, BMW-Statthalter ­Peter Mey, Getränke-Mogul Walter Orterer und seine Söhne Stefan und Florian, die von der Historie des Hauses beeindruckt sind („Es hat uns gereizt, einmal dieses geheimnisvolle Haus von Innen zu sehen“) und Caroline Gräfin von Saurma.

Linda von Beck & Ulrike Schmidt

P.S.:

Vor der Abrissbirne sollen Liebhaber eine Chance bekommen. Marmor, Kamin, Türen und Holzvertäfelungen könnten unter den Hammer kommen: „Wir überlegen, ob wir eine Auktion machen“, kündigte Wangenheim an.

Promis feiern: Abriss-Party in der Flick-Villa

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