Erzieher-Dilemma in München

Trotz Vertrag mit Kita - plötzlich stehen Eltern ohne Krippenplatz da -  „Gibt keine Erzieher mehr“

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Bange Zeiten: Hanna Raif (32) hatte für ihren Sohn einen Platz ab September zugesagt bekommen. Wenige Wochen vor dem Start des Kita-Jahres weiß sie nun nicht, ob sie wie geplant ab Oktober wieder arbeiten gehen kann.

Die Zusage für einen Kitaplatz im Münchner Norden wird plötzlich zurückgezogen, weil sich der Personalmangel nicht beheben lässt. Wie lässt sich das Erzieher-Dilemma bei den Krippen beheben?

München/Bogenhausen - Die Sportjournalistin Hanna Raif (32) freut sich auf den Wiedereinstieg in den Job nach einem Jahr Elternzeit. Von Oktober an will sie wieder drei Tage pro Woche arbeiten. Alles ist gut geplant, schon seit Längerem hat sie den Vertrag für den Platz ihres Sohns Moritz (1) in der Krippe St. Bernadette in Bogenhausen unterschrieben. Jetzt, im September 2019, soll es für „Mo“ losgehen, der Elternabend für die Neuen hat stattgefunden, Raif war beim Sommerfest – mit Moritz, der „alles ganz toll fand“.

Kita-Problem in München: Plötzlich kam der Schock

Doch dann der Schock: Am 30. Juli, einen Tag vor Ablauf der Kündigungsfrist, bekommt Raif ein Einschreiben. Die Krippe kündigt den Vertrag! Der Grund: Das Haus, das von der Katholischen Jugendfürsorge der Erzdiözese München und Freising e.V. getragen wird, hat Personalprobleme. Nicht nur, dass die Einrichtung seit Januar eine Vollzeitstelle zu besetzen hat – und niemanden findet. Nun ist eine weitere Erzieherin schwanger. Wer mit kleinen Kindern arbeitet, hat wegen des hohen Infektionsrisikos ab Bekanntwerden der Schwangerschaft ein Beschäftigungsverbot. So auch in diesem Fall.

Trotz Vertrag mit Münchner Kita - plötzlich stehen Eltern ohne Krippenplatz da

„Das hat das Kartenhaus zum Einsturz gebracht“, sagt Raif verzweifelt. Den Eltern aller 16 Kinder, die zum neuen Kita-Jahr anfangen, wurde gekündigt. „Ich weiß nicht, wie es jetzt für uns weitergeht“, sagt Raif. „Die Krippe versucht alles Menschenmögliche.“ In ihrem Job kann sie aber auf keinen Fall nur halbtags arbeiten. Und bei anderen Einrichtungen hat sie mitten in den Sommerferien natürlich keine Chance mehr.

Wie viele andere Kindertagesstätten hat auch die Krippe St. Bernadette in München-Bogenhausen Personalprobleme.

Carina Rainer, Leiterin der Kinderkrippe St. Bernadette, ist um Schadensbegrenzung bemüht. Es werde eine Kurzzeitgruppe mit Vier-Stunden-Betreuung bis zwölf Uhr geben, in die zwölf Kinder aufgenommen werden können. Dafür werde sogar sie als Leitung pädagogisch tätig sein, um den Personalschlüssel erfüllen zu können. Zusätzlich werde das Haus versuchen, einzelnen Eltern sogenannte Splitting-Plätze anzubieten. Die Kinder müssten dann nachmittags in die Vollzeitgruppen wechseln.

München: Was sind die Ursachen für den Personalmangel in den Kitas?

Carina Rainer geht es aber ums Grundsätzliche. „Die Lage spitzt sich seit fünf Jahren immer weiter zu“, sagt sie. Früher habe man Personalmangel nicht gekannt. „Jetzt machen immer mehr Einrichtungen auf, und es gibt keine Erzieher mehr.“ Private Kitas hätten einfach bessere Chancen, noch Personal zu finden. „Die können locker 1500 Euro auf das normale Gehalt drauflegen“, sagt Rainer. Die Stadt habe die Gebühren für Kitas zuletzt gesenkt oder ganz abgeschafft. „Die Frage, die sich viele Kollegen stellen, ist, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, das Geld dauerhaft in das Gehalt für Erzieher zu investieren oder in Ausbildungsplätze.“

München: Personalmangel ist großes Problem bei Kindertagesbetreuung

Der Personalmangel ist zu einem großen Problem in der Kindertagesbetreuung geworden. Laut Bildungsreferat sind allein in den städtischen Kitas aktuell 8,5 Prozent der Erzieherstellen (250 von 3032) und 7,2 Prozent der Kinderpflegerstellen (100 von 1622) nicht besetzt. Es komme immer wieder zu Engpässen. Städtische Einrichtungen mussten bislang nicht schließen. Das Erzbistum München und Freising bestätigt ohne Umschweife, dass es „in den meisten kirchlichen Kindertageseinrichtungen offene Stellen gibt“. Der Arbeitsmarkt für pädagogische Kräfte sei „nahezu leer gefegt“. 

In diesen Tagen bekommen hunderte Münchner Eltern Post mit schlechten Nachrichten von der Stadt. Der nervenaufreibende Kampf um einen Platz in Krippe, Kindergarten, Hort & Co. geht in eine neue Runde.

Caroline Wörmann

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