Emmeramsmühle

Todkranke Wirtin schreibt ihrem Mann rührenden Brief

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Die Zachers bewirten die Emmeramsmühle im Englischen Garten.

München - Nina Zacher ist unheilbar krank, schon bald wird sie sterben. Bevor es soweit ist, hat sie ihrem Mann einen letzten Brief geschrieben - und er hat geantwortet.

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, manche Paare haben sich dann nichts mehr zu sagen. Nina (45) und Karl-Heinz (46) Zacher, die Wirtsleute der Emmeramsmühle, sind anders. Sie leben jeden einzelnen Tag so, als wäre es der letzte. Denn die Zeit verrinnt ihnen zwischen den Fingern. Nina hat ALS, sie wird bald sterben. Sie hat ihrem Mann einen Brief geschrieben: „Was ich Dir noch sagen wollte.“ Er hat geantwortet.

„Lieber Kalle, wenn ich an unsere Anfänge denke, sehe ich dich auf meinem Sofa sitzen“, schreibt Nina im Magazin myself. Kalle habe ihr beim Umzug geholfen – und sei einfach geblieben. „Jetzt, 21 Jahre später, haben wir vier Kinder. Und ich werde bald sterben.“ Erste Symptome kamen vor fast vier Jahren, bis zur Diagnose vergingen Monate. „Amyotrophe Lateralsklerose“, eine unheilbare Nervenkrankheit. Ninas Zellen werden zerstört, ihr Geist ist wach dabei. „Meine Arme und Beine sind gelähmt, das Atmen ist mühsam und meine Stimme wird versiegen.“

Manchmal will Nina nicht mehr. Vor sechs Monaten teilte sie ihre Gedanken im Internet mit: „Ausziehen“ würde sie ihren Körper am liebsten. „Wie ein zu enges, unbequemes, kratziges Kleid und mir ein neues nehmen, ein schönes leichtes, buntes, das mit dem Wind tanzt.“ Sie weiß, dass das nicht geht.

Ohne Karl-Heinz geht gar nichts mehr. „Ich bin total abhängig von Dir und es hat mich Überwindung gekostet, Deine Hilfe zuzulassen“, schreibt Nina. „Du musst mich tragen, füttern und waschen.“ Karl-Heinz schreibt: „Ich will Dir immer das Gefühl geben, dass Du nicht von mir abhängig bist. Ich frage viel, damit Du um wenig bitten musst.“

Hält eine Beziehung das aus? „Du warst nie ein Mädchen, sondern immer eine starke Frau“, schreibt Karl-Heinz. „Ich weiß, dass wir auch das jetzt gemeinsam bewältigen können.“ Nina schreibt: „In guten wie in schlechten Zeiten – das ist der Deal. Ich würde dasselbe für Dich tun.“ Und dennoch: Das Miteinander hat sich verändert. Nina an Karl-Heinz: „Ich vermisse Deine Unbefangenheit – es ist, als ob ein Schleier über Dir liegt. Manchmal denke ich, dass ich Dir lästig bin.“ Karl-Heinz sagt, es sei ihm wichtig, dass der Alltag reibungslos laufe. „Du sagst, ich sei jetzt manchmal genervt. Aber Du weißt doch, dass ich nie deinetwegen gestresst bin.“

Als Nina noch laufen konnte, waren die beiden viel unterwegs: Ibiza, Ägypten, Nevada. Nina schreibt heute: „Wir leben viel in der Vergangenheit, schauen Videos an, man sieht mich mit den Kindern basteln und tanzen. Wir leben von Erinnerungen.“ Karl-Heinz hat lange gehofft. Doch als die Diagnose kam, war da nur dieses eine Bild im Kopf: ALS-Kranke, Rollstuhl, Beatmungsschlauch. Heute sagt er: „Wir sind jetzt auf einer Insel. Um uns herum läuft das Leben der anderen weiter.“ Nina und er lachen viel in diesen Tagen. Und das in einer Situation, „in der man eigentlich nur noch heulen könnte.“

Tobias Scharnagl

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