Nach dem Liebesdrama in Bogenhausen

Das Verbandszeug wurde zur tödlichen Schlinge

+
Der Tatort in der Flemingstraße. Hier schoss Klaus H. seiner Freundin Sandra W. ins Gesicht.

München - Die Nachricht erschütterte im Januar die beschauliche Nachbarschaft in Bogenhausen: Zahnarzt Dr. Klaus H. soll seiner Lebensgefährtin ins Gesicht geschossen haben, anschließend sprang er vom Balkon. Die Frau überlebte, der Arzt kam in U-Haft. Jetzt ist er im Gefängnis gestorben.

Wer alles zerstört und verloren hat, woran Herz und Existenz hingen – der hat wahrscheinlich nichts mehr zu verlieren. Außer dem eigenen Leben. Doch dieses Leben im Gefängnis, das ihm in den nächsten Jahren wegen Mordversuchs bevorgestanden hätte – das wollte der Münchner Zahnarzt Dr. Klaus H. (65) nicht mehr. Und so reifte in seinem Kopf der Plan, den er in der Nacht zu Sonntag in der U-Haft auf der Krankenstation der JVA Stadelheim umsetzte.

Heimlich wickelte der prominente Häftling, der auf den Tag genau vor einen Monat seiner Lebensgefährtin (37) ins Gesicht geschossen hatte, eine Mullbinde um seinen Hals. Das andere Ende der Schlinge befestigte er am Griff der Aufrichthilfe über seinem Bett. Bei der ersten Kontrolle am frühen Morgen fand ihn ein Pfleger. Doch da war Klaus H. schon tot – gestorben an der massiven, selbst herbeigeführten Strangulation. Sein Bettnachbar in dem Doppelzimmer hatte von dem Suizid nichts mitbekommen.

In dieser Villa in Bogenhausen geschah die Bluttat im Januar 2015.  

Am späten Abend des 22. Januar hatte sich die seit Monaten schwelende Beziehungskrise zwischen dem Arzt und seiner Lebensgefährtin – der Juristin Sandra W. (37) – gefährlich zugespitzt. Schließlich teilte Sandra W. ihrem Partner bei der von ihm erzwungenen Aussprache mit, dass sie ausziehen und die gemeinsame Tochter (7) mitnehmen werde. Damit kam Klaus W. nicht klar. Aus dem Handschuhfach seines Porsche Cayenne holte er eine Waffe (Browning, Kaliber 6.35). Noch im Auto löste sich ein Schuss und durchschlug die Frontscheibe. Kurz vor Mitternacht schoss Klaus H. der im Bett liegenden Frau aus nächster Nähe ins Gesicht. Das Projektil verfehlte die Halsschlagader nur knapp und wurde Sandra W. in einer aufwändigen Operation entfernt. Als die Polizei in der Flemingstraße im eleganten Herzogpark eintraf, lag Klaus H. mit einem gebrochenen Arm und Schnittwunden am Rücken im Garten. Er hatte sich vom Balkon im zweiten Stock auf einen Glastisch gestürzt. Sandra W. hat sich mittlerweile zumindest körperlich erholt und kann sich auch wieder um ihr Kind kümmern.

Im Freundeskreis des Zahnarztes löste die Nachricht von dem Suizid tiefe Betroffenheit aus. Ein Studienfreund erinnert sich oft an gemeinsame Zeiten in Freiburg, wo Klaus H. zunächst Volkswirtschaft und dann Zahnmedizin studierte. Nach seiner Assistentenzeit in München baute er schließlich seine eigene Praxis an der Sonnenstraße auf, machte sich schnell einen guten Namen. Finanziell ging es ihm gut. Er begann, Oldtimer zu sammeln, reiste gern, war sehr sportlich und ein gern gesehener Partygast. Doch was wirklich in ihm vorging – darüber sprach er selbst mit engen Freunden nicht. Seine persönlichen Nöte versteckte der introvertierte Mann allzu oft hinter seiner stets präsenten Fröhlichkeit, die er zuweilen wie einen Schutzschild vor sich hertrug. Auch seine Beziehungen hielten nie lange. Alles änderte sich, als Sandra W. vor einigen Jahren in sein Leben trat. Sie gab ihm, was ihm fehlte und schenkte ihm die kleine Tochter, die er über alles liebte.

Drei Monate vor der verhängnisvollen Nacht hatten sich die Studienfreunde noch einmal getroffen. Auch damals erwähnte Klaus H. mit keiner Silbe, dass seine Beziehung bereits Risse hatte. Tieftraurig sagte der Freund: „Ich kann verstehen, dass er keinen Sinn mehr sah in seinem Leben.“ Die Staatsanwaltschaft ordnete eine Obduktion an. Schlusspunkt unter ein sinnloses Drama, in dem es nur Opfer gab.

Dorita Plange, Ulrike Schmidt

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

So will die Stadt das Feiervolk bremsen
So will die Stadt das Feiervolk bremsen
MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion