Sie streitet die Tat ab

Zündete diese Bogenhausener Ärztin ihre Praxis an?

+
Zahnärztin Julia W. (62) sagt: „Ich habe keine geistigen Probleme!“

München - Julia W. soll am 22. August 2013 in ihrer Wohnung sowie ihre Praxis in der Mauerkircherstraße Feuer gelegt haben. Im Haus waren zu dem Zeitpunkt mindestens fünf Menschen.

Am Ende der Vernehmung hat der Staatsanwalt eine letzte Frage: „Warum haben Sie den Brandbeschleuniger gekauft, wenn Sie Ihre Praxis gar nicht abbrennen wollten?“ Dr. Julia W. (62) ringt sekundenlang mit den Worten, die Finger mit den knallrot lackierten Nägeln zittern. Dann flüstert sie: „Ich wusste nicht, ob ich meine geliebte Praxis zurückbekomme. Ich dachte: dann übergieß ich mich mit dem Brandbeschleuniger und mach Schluss.“

Das abgesperrte Treppenhaus.

Über zwei Stunden sitzt die Bogenhausener Zahnärztin da schon vor Gericht. Den Fragen des Richters weicht sie immer wieder aus. Ob sie die sieben Kanister mit Bio-Ethanol gekauft habe? Ob sie ihre Wohnung angezündet habe? Ob sie zu den Vorwürfen etwas zu sagen habe? Julia W. blickt starr in den Raum, die Schultern heben und senken sich heftig. Äußerlich scheint sie zunächst gefasst, innerlich tobt offenbar ein stiller Sturm.

Die Anklage: Julia W. soll am 22. August 2013 in ihrer Wohnung sowie ihre Praxis in der Mauerkircherstraße Feuer gelegt haben. Im Haus waren zu dem Zeitpunkt mindestens fünf Menschen, darunter eine Mutter mit ihrem fünfjährigen Sohn. Verletzt wird letztlich niemand. Schaden: 200 000 Euro. W. wird nach vier Tagen auf der Flucht in Kaiserslautern festgenommen. Dass sie den Brand gelegt hat, leugnet sie. Dass sie die Kanister mit Brandbeschleuniger gekauft und diese in die Praxis gebracht hat, dagegen nicht.

Der Großeinsatz in Bogenhausen am 22. August 2013.

Gleich zu Beginn des Verfahrens fordert W. einen anderen Verteidiger: „Ich selbst bin kein Jurist. Ich brauche jemanden der mich vor Gericht vertritt – Herr Borchert ist dafür nicht der Richtige.“ Der Verteidiger sagt später zur tz: „Ich habe W. am Donnerstag im Isar-Amper-Klinikum besucht. Ich komme nicht ran an die Frau. Sie ist krank.“ Das Gericht lehnt den Antrag ab. Von da an muss sie praktisch ohne Anwalt durchkommen. Sie, allein und verlassen, gegen den Rest der Welt – so sieht Julia W. offenbar den Fall. Ihr Ex-Mann, auch Zahnarzt, ließ sich 2006 scheiden. Die gemeinsame Praxis betrieb W. alleine weiter. Laut Anklage soll sich ein Schuldenberg von einer halben Million Euro aufgetürmt haben, die noble Wohnung und die Praxis standen unmittelbar vor der Zwangsräumung. Dann wanden sich offenbar auch beide Töchter von Julia W. ab. Die Ältere habe erklärt, sie wolle die Wohnung für sich haben, sagt die Ärztin vor Gericht.

Hat Julia W. deshalb ihre Praxis angezündet? Das Urteil fällt voraussichtlich am 23. Januar.

Tobias Scharnagl

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare