"Der Zorn junger Männer"

BR-Doku begleitet Schläger: Gewalt pflanzt sich fort

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In der Opfer­rolle: Jugendliche Straftäter müssen im Anti-Agressivitäts-Training die Perspektvie wechseln – sie werden schonungslos mit ihrer Tat konfrontiert.

London - Für den Dokumentarfilm "Der Zorn junger Männer" hat Autor Uli Kick jugendliche Straftätern beim Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) begleitet. Im tz-Interview spricht der Filmemacher über die Begegnung mit den Schlägern.

Zwanzig Tritte, der letzte gezielt gegen den Kopf. „Keine Ahnung, warum ich das gemacht hab“, sagt Elia. „Der Typ war besoffen und hat gepöbelt.“ Er selbst habe auch ein paar Flaschen gekippt. Jetzt sitzt der 17-Jährige auf richter­liche Anordnung mit ­anderen jugendlichen Straftätern beim Anti-­Aggressivitäts-Training (AAT). Acht Monate lang sollen sie in wöchent­lichen Sitzungen zwei Therapeuten Rede und Antwort stehen, sich ihrer Tat bewusst werden. Was die prügelnden Täter eint, ist Der Zorn junger Männer. Für den gleichnamigen Dokumentarfilm hat Autor Uli Kick die Gruppe begleitet. Im tz-Interview spricht der Filmemacher über die Begegnung mit den Schlägern.

Herr Kick, der 90-minütige Dokumentarfilm ist im Fernsehen eher selten geworden. Es war sicher schwer, die Verantwortlichen vom Thema Jugendgewalt zu überzeugen.

Uli Kick: Genau hinzuschauen ist ja nicht mehr so modern, aber vieles lässt sich in einer halben oder Dreiviertelstunde nicht richtig erzählen. Auch wenn der lange Dokumentarfilm nicht so häufig im Programm ist, wie wir Autoren es uns wünschen würden, gibt es doch glücklicherweise noch Sender wie den BR, die seine Berechtigung sehen.

Was hat Sie zu dem Thema bewegt?

Uli Kick: Irgendwann saß ich mal wieder fassungslos vor einer dieser Schlagzeilen über U-Bahn-Schläger. Die Brutalität, mit der die Täter auf jemanden eintreten, der bereits am Boden liegt, ist mir unbegreiflich. Wenn ich jemandem mit dem Fuß gegen den Kopf kicke, nehme ich billigend in Kauf, dass er stirbt. Das ist für mich ein Mordversuch.

Sie wollten wissen, was in diesen meist jungen Männern vorgeht?

Uli Kick: Wer Bilder aus den Überwachungskameras sieht, fragt sich: Warum um Himmels Willen tut ein Mensch das? Und: Was macht man mit diesen Leuten? Einfach wegsperren kann es nicht sein. Gefängnis ist meiner Meinung nach eine recht hilflose, ja, wenn nicht sogar dumme Idee. Wer glaubt schon, dass ein junger Mann, der ins Gefängnis wandert, besser wieder rauskommt?

Für Ihren Film haben Sie acht Monate lang ein Anti-Aggressivitäts-Training begleitet, zu dem die Verurteilten verdonnert wurden ...

Uli Kick:  Ja, weil ich wusste: An der Stelle krieg ich die Jungs. Mir allein als Filmemacher hätten sie nicht einfach so Rede und Antwort gestanden. Beim AAT aber saßen junge Männer mit den unterschiedlichsten Biografien in einem Raum. Das war wie in einem Dampfkochtopf. Da war Schluss mit Ausreden und mit Umdrehen und Weggehen.

Welche Wirkung hatte ­Ihrer Meinung nach das ­Training?

Uli Kick:  Während der Recherchen hab ich gesehen, wie ziemlich schwere Jungs ziemlich dicke Tränen geweint haben. Das AAT ist kein Allheilmittel und keine Therapie. Aber ich finde, es ist ein guter Anfang. Es ist überhaupt mal eine Möglichkeit, mit Leuten, die schwer zugänglich sind, ins Gespräch zu kommen. Am Anfang sind ja alle nur gekommen, um die Haft zu vermeiden. Da hatten die noch jede Menge Entschuldigungen für ihre Tat im Gepäck: Das war nicht so schlimm, das war nur Notwehr oder der Suff war schuld. Wenn man in so einer Situation nicht den Faden aufnimmt, dann machen die einfach so weiter.

Haben Sie etwas über die Gründe für das gestörte Sozialverhalten erfahren?

Uli Kick:  Die meisten haben nur Frust in ihrem bisherigen Leben erlebt. Sie haben keinen oder einen schlechten Schulabschluss, keinen Job, keine Perspektive. Sie kennen die Welt nur als Ort des Versagens. Deshalb sind sie extrem schnell kränkbar und auch unberechenbar. Und: Sie sind selbst alle von den Eltern geschlagen worden. Vielleicht ist das das wichtigste Fazit: Eltern, schlagt eure Kinder nicht! Gelernte Gewalt pflanzt sich fort.

Was hat Sie überrascht?

Uli Kick:  Dass die Jungs wirklich erst bei diesem Training erfahren haben, welch schlimmen Schaden ein Faustschlag oder ein Tritt anrichten kann. Dass sie sich die Qualen des Opfers klargemacht haben. Die hatten gar keine Vorstellung der Wirkung, die ihre Gewalt hat. Erstaunt hat mich auch, dass sie eigentlich alle einen ganz bürgerlichen Traum haben: den vom Auto, der Familie, dem Zuhause – nur, dass sie meilenweit davon entfernt sind, ihn verwirklichen zu können.

„Der Zorn junger Männer“, heute, 22.45 Uhr, BR

A. Kistner

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