Was ist nur mit dem Wetter los?

BR-Wetterexperte erklärt den Dauerregen

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Der Meteorologe Dr. Michael Sachweh – hier bei der Sturmbeobachtung in Texas

München - Der lange Winter, der verregnete Mai und jetzt das Jahrtausenhochwasser – was ist bloß mit unserem Wetter los? In der tz antwortet der ­Meteorologe Dr. Michael Sachweh auf diese Frage.

Der Wetter-Experte des Bayerischen Rundfunks erklärt, warum die Tiefdruckgebiete über Mitteleuropa derzeit so stabil sind – und warum die Lappen in Nordschweden seit zwei Wochen bei 25 Grad schwitzen:

Was ist mit unserem Wetter los?

Dr. Michael Sachweh, Meteorologe und Wetter-Experte des Bayerischen Rundfunks: Wir Meteorologen reiben uns eigentlich auch schon seit Winter die Augen. Es ist äußerst ungewöhnlich, dass die Großwetterlage so stabil – in der Fachsprache heißt es stationär – ist.

Woran liegt das?

Sachweh: Eigentlich bescheren uns Westwinde über dem Atlantik ein wechselhaftes Wetter mit Tiefausläufern und Hochs im Wechsel – doch diese Winde sind fast zusammengebrochen. Deshalb ist das Wetter auf der gesamten Nordhalbkugel ungewöhnlich. Bei uns haben die Tiefs nicht den selben Schwung wie sonst. Weil sie nur sehr langsam weiterziehen, regnet es länger. Und die Zugbahn, die diese Tiefs nehmen, ist ohnehin berüchtigt für katastrophale Regenereignisse im Alpenraum, Bayern und dem östlichen Mitteleuropa.

Das reicht schon für eine solche Sintflut?

Sachweh: Da ist einiges zusammengekommen. So hat sich ein regelrechtes Tiefdrucksystem gebildet. Mehrere Tiefs haben sich gegenseitig umkreist und immer wieder abgelöst. Dadurch hat sich die Wetterlage sehr stabilisisert. Das war der Grund für den regnerischen Mai. Die spezielle Hochwasserlage ist durch ein neues stabiles Tiefdruckgebiet zustande gekommen, das feuchte Mittelmeerluft mit einbezogen hat.

Hätten wir da nicht wenigstens etwas warme Luft abbekommen müssen?

Sachweh: Die Wärme ist leider nicht zu uns gelangt, die ist über die Kaltluftmasse gehoben worden. Aber da Mittelmeerluft einen hohen Wasserdampfanteil hat, waren die Regenfälle der letzten Tage besonders ergiebig. Je wärmer eine Luftmasse ist, desto mehr Wasserdampf kann sie enthalten. Als dritter Faktor wirkte der ergiebige Alpenstau.

Was bedeutet das?

Sachweh: In unteren Luftschichten wehten nördliche Winde, die gegen die Alpen geführt wurden. Bei diesem extremen Hochwasser spielte aber auch das Timing eine wichtige Rolle. Die Hochwasserwellen sind zur gleichen Zeit aus allen Richtungen in die Donau gerauscht und haben sich dort aufgeschaukelt. In Passau müssen wir schon 500 Jahre zurückgehen, um ein vergleichbares Hochwasser zu finden. Wir haben es also nicht mit einem Jahrhundert-, sondern mit einem Jahrtausendhochwasser zu tun.

Gibt es eine Erklärung dafür, dass die Winde über dem Nordatlantik zusammengebrochen sind?

Sachweh: Darüber diskutieren die Meteorologen weltweit. Wir haben es hier mit so genannten Oszillationen zu tun. Dabei gibt es eine Art Ruck, der durch die gesamte Atmosphäre der Nordhalbkugel geht und dazu führt, das Hochs und Tiefs eine ungewöhnliche Position einnehmen. Die Atmosphäre verhält sich wie ein riesiger Organismus. Wenn also in der einen Ecke von Europa etwas Ungewöhnliches passiert, hat das Auswirkungen auf das Nordpolargebiet und umgekehrt. Diese klimatischen Oszillationen untersucht man, genau wie das El-Niño-Phänomen. Wären diese Oszillationen besser erforscht, könnte man solche Situationen auch vorhersehen. Da besteht aber noch Forschungsbedarf.

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Erwarten Sie denn eine Normalisierung?

Sachweh: Das ist gar nicht absehbar. Zwar hört der Regen jetzt erst mal auf, trotzdem bleiben die Westwinde weiter zusammengebrochen. Und auch das ungewöhnliche Hoch über Skandinavien, das den Lappen in Nordschweden seit zwei Wochen Temperaturen von 25 Grad beschert, bleibt bestehen. Es kann also sein, das wir nochmal eine solche Hochwassersituation erleben. Zumindest für das nächste Wochenende werden wieder ordentliche Regenfälle mit Gewittern erwartet. Wenn diese Tiefs wieder so langsam ziehen, haben wir ein neues Problem.

Welche Rolle spielt mit Blick auf das Hochwasser der Dauerregen im Mai?

Sachweh: Die Böden sind dadurch so gesättigt wie schon seit 1962 nicht mehr. Die Folge ist, dass der Boden nicht mehr wie ein Schwamm wirken kann. Stattdessen wird jeder Regentropfen sofort in die Flüsse weitergeleitet.

Hat diese Ozillation ­Ihrer Einschätzung nach etwas mit dem Klimawandel zu tun?

Sachweh: Der Klimawandel spielt sich in anderen Zeitrahmen ab. Diese Oszillationen überlagern den Klimawandel. Dabei entwickelt sich über Jahre hinweg ein ähnliches Muster. So hatten wir von 1995 bis 2005 ein Jahrzehnt mit sehr vielen Hochwassersituationen. Ein weiteres Beispiel: Die Winter der 90er Jahre waren außergewöhnlich mild und sturmreich – seitdem sind Winterorkane seltener geworden. Das hängt alles miteinander zusammen.

Interview: Marc Kniepkamp

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