tz-Serie: Geschichten aus der Altstadt

Bräute & Bestatter: Hier sind sie Tür an Tür

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Sabrina (27) aus Sendling beim Entscheidungskampf

Beim Spaziergang durch das Hackenviertel zeigt sich ein ungewöhnliches Straßenbild

Freude und Trauer liegen im Hackenviertel ganz nah beieinander. Acht Brautmodengeschäfte verteilen sich entlang der Sonnenstraße und im Bereich der Damenstiftstraße. „Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele Brautgeschäfte auf so engem Raum wie in der Münchner Altstadt“, sagt Eberhard Horn, Sohn der Gründerin des ersten Brautmodengeschäfts Deutschlands. Die zweite Filiale der Republik eröffnete seine Mutter 1963 am Altstadtring in der Sonnenstraße. „Einerseits wegen der Kunden aus dem Umland, die im nahegelegenen Bahnhof ankommen, andererseits wegen der vielen Autos, die hier vorbeifahren.“ Bald darauf zogen andere Brautmodenläden nach. Macht einer zu, kommt der nächste – denn die Inhaber wissen: Wer in einem nichts Passendes findet, findet es vielleicht nebenan. Auffällig ist im Hackenviertel aber auch, dass unweit der Brautgeschäfte sowohl die Städtische Bestattung als auch die Volksbestattung liegen. Bräute und Bestatter – Tür an Tür. Die tz hat eine Münchnerin beim Brautkleidkauf beobachtet und mit dem Leiter der städtischen Bestattung einen Rundgang durch das Institut gemacht.

Peter Kotzeder (49), Leiter des städtischen Bestattungsamtes, im Sarg-Ausstellungsraum

Er findet selbst für die flippigsten Typen die passende Ruhestätte

Von außen strahlt das elegante Altmünchner Adelspalais Lerchenfeld in weiß-beiger Farbe, über den Fenstern ranken sich edle Frührokoko-Friese. Auch im Büro von Peter Kotzbauer deutet nichts daraufhin, dass in diesem Gebäude in der Damenstiftstraße 8 der Tod zuhause ist.

Der Leiter des städtischen Bestattungsamtes hat sein Zimmer bewusst hell und gehalten. Seit acht Jahren berät er hier jährlich rund 7000 Angehörige oder Freunde von Menschen, die in München gestorben sind oder hier beerdigt werden wollen. Bei einigen Beerdigungen ist Kotzeder auch für die Koordination vor Ort zuständig: so zum Beispiel bei Bestattungen von Stadträten oder kürzlich bei der des Justizminister Hans Engelhard.

Der 49-Jährige kümmert sich auch um Münchner, die ihre eigene Bestattung planen. 20 000 Vorsorgeanträge hat er im Schrank. „Die Vorsorge wird immer beliebter. Weil man die Bestattung nach eigenen Vorstellungen gestalten kann. Viele wollen ihren Verwandten nach dem Tod auch nicht zur Last fallen.“

Nach der Beratung geht Kotzeder mit den Kunden hinunter ins Erdgeschoss. Hinter einer großen Holztür neben dem verwachsenen Innenhof startet der Rundgang durch die Ausstellungsräume.

Die Blumenausstellung: Jeden Tag stellt eine Gärtnerei hier frische Kränze und Bouquets aus. Kostenpunkt: ab 78 Euro aufwärts. Das Bouquet mit roten Rosen und weißen Lilien für rund 250 Euro wird nach wie vor am häufigsten gewählt. „In den letzten Jahren fragen die Kunden aber auch verstärkt nach bunten Blumen, zum Beispiel Sonnenblumen.“

Die Diamantenvitrine: Am Eingang zur Sargausstellung steht eine hell beleuchtete Glasvitrine. Auf roten Tüchern steht eine große Schmuckschatulle, darin stecken feinsäuberlich 16 Edelsteine. „Neuerdings kann man bei uns über die Schweiz eine Diamantbestattung veranlassen“, erklärt Kotzeder. Aus der kohlenstoffhaltigen Asche des Verstorbenen wird dann im Nachbarland ein Diamant nach Wunsch gepresst. Ein Karat kostet 13 328 Euro. „Dann können die Kunden ihren Liebsten ewig am Finger oder an der Brust tragen.“ Bislang hat das erst ein Münchner hier gewünscht.

Die Sargausstellung: In zwei Räumen wechseln sich einfache Holzsärge mit verzierten Särgen ab. Ganz am Rand: das Modell Cocoon für 2440 Euro. Ganz ohne Kanten, in ovaler Form und mit blauer Hochglanzlackierung gleicht der Sarg eher einem kleinen Ufo. „Den gibt es auch in hellgrün. Der wurde schon zwei Mal gekauft, einmal für einen DJ, das andere Mal für einen flippigen Sohn.“ Pietätslos findet Kotzeder solche modernen Särge nicht: „Die letzte Ruhestätte soll zu dem Menschen passen, der darin liegt. Wenn er in einer modernen Wohnung gelebt hat, warum soll er jetzt plötzlich in Eiche rustikal liegen?!“ Der am häufigsten gekaufte Sarg sei jedoch noch immer Kiefer natur.

Das Urnenregal: Bei der Form der Urnen gibt es ein festes Repertoire, beim Motiv sind der freiberuflichen Malerin (fast) keine Grenzen gesetzt. „Von der Gebirgshütte über die Sonnenblume zum Golfschläger, das geht alles. Nur bei einem Vereinswappen hat ein Fußballverein mal dazwischengefunkt.“

Am Ausgang der Ausstellungsräume liegen Prospekte. Die meisten Angehörigen, erzählt Kotzeder, würden sich einen Grab wünschen, das nah am Ausgang oder der Wasserstelle liegt oder das eine Bank in der Nähe hat.

Immer häufiger fragten Kunden nach einer Naturbestattung. Die Bestattung über Gletschern, in Bächen oder Seen sei nur im Ausland erlaubt. Sogenannte Friedwaldbestattungen unter Bäumen in speziellen Wäldern seien hier aber legal. „Weniger gern führe ich anonyme Bestattungen durch. Da wird die Asche auf eine abgeschottete Wiese auf dem Waldfriedhof gestreut.“ Der Bestattungsamtsleiter findet ein Grab wichtig: „Das hält den Menschen vor Augen, das alles vergänglich ist.“

Trotzdem rät Kotzeder seinen 70 Mitarbeitern, die Sterbefälle hier nicht zu den eigenen zu machen. „Bei Kindern funktioniert das nicht immer.“ Wenn den zweifachen Vater ein Tod sehr mitnimmt, hat er einen Trost: „Wer den Tod nicht verdrängt, hat die Chance, vorher bewusster zu leben.“

Sabrina (27) aus Sendling beim Entscheidungskampf

Wie aus dem schlichten Kleid der Prinzessinnen-Traum in Tüll wird

Kein Kleid ist so wichtig im Leben einer Frau wie das Hochzeitskleid – kein Kleid ist so schwer zu finden. Protokoll eines Brautkleider-Kaufes im Brautmoden Horn in der Sonnenstraße 23:

13.12 Uhr: Die Tür geht auf, Sabrina (27) stürmt herein, Freundin Ina (25) trottet hinterher. Inhaberin und Verkäuferin Fatameh Mastoureh eilt herbei. „Hallo, ich suche ein Brautkleid. Was ganz Schlichtes, ohne Träger.“ Die Inhaberin grinst ihre Kollegin an. „Jaja, das wollen sie alle – am Anfang.“ Zu den Kundinnen sagt sie: Wir werden schon was Passendes finden.“ Ina murmelt: „Das müssen wir auch. Ist ja schließlich schon der dritte Laden.“

13.30 Uhr: Sabrina zieht ein schlichtes, weißes Kleid ohne Träger wieder aus. „Naja, ich will mich schon als Prinzessin fühlen.“ Die Verkäuferin holt ein Kleid mit Pailetten heraus.

13.40 Uhr: Sabrina schreitet aus der Umkleide. „Und – Wie findste’s?“ Ina blickt vom Boden auf. „Schön, schön.“ „Nee, das ist langweilig“, winkt Sabrina ab. „Es kann fei auch was mit Farbe sein.“

13.55 Uhr: Das dritte Kleid, cremefarben mit Tüll und Glitzer. Sabrina: „Nee, zu pompös.“

14.15 Uhr: Sabrina dreht sich vor der Spiegelwand. Das Kleid hat eine Schärpe. „Oooh, wie hübsch!“ Zu ihrer Freundin sagt sie: „Meine Mutter hat doch gesagt, der Preis sei ihr egal …“ Zustimmung heischend blickt sie auf Ina. Die tippt eine SMS und erschrickt. Sabrina schaut schon wieder in den Spiegel. „Ich muss noch mal ein anderes probieren.“

14.30 Uhr: Als Sabrina im Spiegel ihr Dekolletée sieht, schreit sie auf: „Da schaut’s ja aus, als ich hätte ich gar nichts da vorne.“ Die Verkäuferin eilt mit Polstern herbei.

14.47 Uhr: Sabrina druckst herum. „Äh, vielleicht könnt‘ ich noch mal das von vorhin …“ Verkäuferin Mastoureh greift zur Stange, sie hat Schweißperlen auf der Stirn. „Wir können einen Reifrock drunter probieren.“ „Ui ja!“ jubelt Sabrina. Ina verdreht die Augen.

14.57 Uhr: Nach zehn Minuten in der Umkleide schiebt sich Sabrina mit dem Reifrock aus der Kabine. „Da kann ich ja was drunter verstauen“, grummelt sie. „So, jetzt probieren wir mal das Hinsetzten“, sagt Mastoureh und schiebt Sabrina einen Stuhl unter die Beine. Beim ersten Versuch kippt der Stuhl um, mitsamt Sabrina. „Das muss ich noch üben.“

15. 20 Uhr: Die Verkäuferin eilt mit Handschuhen, einem Diadem und Schleier heran. Sabrina streckt die Arme von sich, die Verkäuferin schmückt sie. Sabrina zieht den Schleier vors Gesicht. „Die Mama würde schon einen haben wollen. Am besten vors Gesicht. Man darf doch die Braut vor dem Kuss nicht sehen.“ Sie streicht ihn wieder hinter den Kopf.

15.30 Uhr: „Duu, Ina, sag mal: Soll ich nicht doch lieber eins mit längerer Schleppe …?“ Bevor die Freundin zum Antworten kommt, prustet Sabrina los: „Obwohl – bloß nicht. Weißt du noch, das ist doch der Steffi passiert. Wo sie in der Kirche draufgetreten ist und dann hat’s sie voll hingehauen.“

15.40 Uhr: „Ina, was sagste jetzt? Soll ich’s nehmen?“ Sabrina dreht sich im Spiegel. Ina springt vom Stuhl auf und fällt Sabrina in die Arme. „Jaaaa!“

15.50 Uhr: Sabrina dreht sich immer noch. „Heißt das, ich habe tatsächlich mein Hochzeitskleid? Oh mein Gott!“

16.10 Uhr: Die Frauen stehen an der Kasse, Inhaberin Mastoureh tippt in den Taschenrechner ein. „Das wären dann insgesamt 1390 Euro.“ Sabrina schluckt. „Oh, oh, die arme Mama. Zahlen nicht normalerweise die Schwiegereltern das Kleid?“

16.20 Uhr: Während die Inhaberin die Rechnung schreibt, sagt Sabrina: „Jaja, der Steffen sagt, er wird bei der Hochzeit nicht heulen. Das werden wir ja sehen …“

16.30 Uhr: Beim Herausgehen wedelt Sabrina mit der Rechnung. „Lustig, ich war mir mein halbes Leben lang sicher, dass ich in einem schlichten Kleid ohne Träger heirate …“ Vom hinteren Ende des Ladens ruft eine blonde Frau: „Echt lustig. Bei mir war’s ganz genauso.“

Die Verkäuferin lächelt.

Quelle: tz

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