Brauche ich jetzt einen Geigerzähler?

München - Brauche ich jetzt einen Geigerzähler? Kann ich noch bedenkenlos Fisch oder gar Sushi essen? Was wird jetzt teurer? In der tz beantworten Experten die Fragen der Münchner zum Atom-GAU.

Live-Ticker: Alles Aktuelle zur Katastrophe in Japan

Die Atom-Katastrophe in Japan treibt die Münchner um. Neben Mitleid mit den japanischen Erdbeben- und Strahlenopfern machen sich viele Münchner auch Sorgen, welche Folgen die drohende Kernschmelze in dem japanischen AKW für unser aller Leben auch hier in Bayern haben könnte. In der tz beantworten Experten die Fragen der Münchner Bürger zum Atom-GAU.

Japan im Chaos: Die Bilder vom Mittwoch

Japan im Chaos: Die Bilder vom Mittwoch

Was bringt ein Dosimeter, der die individuelle Strahlendosis misst?

„Nichts!“, meint Atom-Physiker Prof. Kaindl. „Das Dosimeter ist ein empfindliches Instrument, mit dem ein Laie überhaupt nicht umgehen kann. Das ist nur für Arbeiter in einem Kernkraftwerk oder Strahlenforscher interessant.“

Werden nun mehr Geigerzähler verkauft?

Ja, beim Elektrohändler Conrad sind die zwischen 300 und 550 Euro teuren Messgeräte für Radioaktivität sogar ausverkauft. „Wir können derzeit keinen Geigerzähler liefern, nicht ein einziges Stück“, so eine Conrad-Sprecherin. Die Vorbestellungen lägen bereits „im Hunderterbereich“.

Was passiert, wenn noch mehr Radioaktivität in den Pazifik gelangt?

Sollte noch mehr Cäsium freigesetzt werden, wird die lokale Fischerei vor den Küsten Japans große Probleme bekommen, so Ulrich Rieth, zuständig für Fischereiökologie beim staatlichen Johann Heinrich von Thünen-Institut. „Vor allem in Zuchtanlagen für Sushi-Algen, aber auch in Muscheln werden dann hohe Belastungen zu finden sein.“

Kann ich jetzt noch ohne Bedenken Fisch essen?

Das Verbraucherschutzministerium teilt mit, dass Verbraucher in Deutschland keine Angst vor verstrahltem Fisch haben müssten. Es sei bislang keine erhöhte Belastung von Lebensmitteln in Deutschland festgestellt worden. Auch werde derzeit so gut wie nichts aus Japan importiert: „Der Handel ist praktisch zum Erliegen gekommen.“

Und was ist mit Fischstäbchen?

Kein Problem! Fischstäbchen bestehen aus Seelachs – und der wird im Nordost-Atlantik gefangen, weit weg von Japan. n Wieviel japanischer Fisch kommt nach Deutschland? Von den rund zwei Millionen Tonnen Fisch, die Deutschland jährlich importiert, stammen nur 76 Tonnen aus Japan – die Wahrscheinlichkeit, japanischen Fisch zu kaufen, ist also gering.

Kann ich noch Reis essen?

Ja, denn Japan exportiert keinen Reis. Der Bedarf ist dort so groß, dass Japan sogar noch aus China und Vietnam Reis einführt.

Wie erkläre ich die schrecklichen Bilder aus Japan meinen Kindern?

„Das wichtigste ist, dass man den Kindern Sicherheit gibt“, so Michael Gurt vom Institut für Medienpädagogik (JFF) in München. Eltern könnten beispielsweise auf Unterschiede zwischen der Situation in Japan und Deutschland hinweisen. Gut wäre es auch, mit den Kindern gemeinsam kindgerecht aufgearbeitete Nachrichten auf dem Kinderkanal anzuschauen. „Vor allem Kinder unter 12 Jahren können die Bilder aus Erwachsenen-Nachrichten noch nicht verarbeiten“, so Gurt.

Was ist schlecht an Jodtabletten?

Julia Möllmann, Apothekerin in der Marienapotheke am Sendlinger Tor: „Zu viel Jod kann zu Schilddrüsenüberfunktionen führen. Und die, die Jod für den Fall der Fälle bunkern wollen, können mit den derzeit in Deutschland angebotenen Tabletten nichts anfangen – sie sind zu niedrig dosiert.“ Während herkömmliche Jod-Tabletten für Schilddrüsenunterfunktion pro Tablette 0,1 Milligramm Kaliumiodid enthalten, sind es bei den hochdosierten, die im Falle eines Atom-GAUs verteilt würden, 65 Milligramm.

Wie kontrollieren Behörden Güter aus Japan?

Thomas Meister vom Zollamt am Münchner Flughafen: „Waren werden standardmäßig auf Strahlenbelastung überprüft. Die Kontrollen sind jetzt intensiviert worden.“ Vor allem lande am Münchner Flughafen Elektronik. Auffälligkeiten habe es bisher aber nicht gegeben.

Wird Elektronik jetzt teurer?

Ja. Auch wenn auf vielen Geräten „Made in China“ steht, kommen wichtige Bauteile aus Japan. Bereits jetzt sind die Preise dafür massiv gestiegen, stellte die Marktforschungsfirma iSuppli fest. Besonders sogenannte Flash-Chips – die in MP3-Spielern, Kameras und USB-Sticks stecken – würden in Japan gefertigt. Eine Auswirkung der Engpässe wird für Anfang April erwartet.

Werden Reisende am Flughafen auf Strahlung überprüft?

Nein. „Dafür bräuchte es eine behördliche Anordnung“, so ein Sprecher des Münchner Flughafens. Auf Wunsch von Lufthansa und der japanischen All Nippon Airways misst die Flughafenfeuerwehr die ankommenden Maschinen innen und außen auf Radioaktivität. Bisher gab es aber keine erhöhten Messwerte.

Wie helfen bayerische Städte den Japanern?

Wolfratshausen, deren Partnerstadt Iruma nur 240 Kilometer von Fukushima trennen, bereitet sich schon auf die Hilfe für japanische Kinder vor. Unter der Nummer (0 81 71) 21 44 01 können sich Bürger beim Rathaus Wolfratshausen melden, die eventuell einen Japaner aus Iruma aufnehmen würden. Die Stadt München will lieber konkrete Hilferufe aus Japan abwarten. „Wir setzen auf eine koordinierte Aktion des Auswärtigen Amtes“, erklärt Stadt-Sprecher Stefan Hauf.

Die schwersten Erdbeben der vergangenen 50 Jahre

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Gibt es eigentlich noch Strahlenbelastung in Bayern wegen des Super-GAUs in Tschernobyl?

Ja, noch immer ist im Süden Bayerns und im Bayerischen Wald Cäsium im Boden, das vor allem Wildschweine und Röhrenpilze belastet.

Was wird aus dem Asien-Urlaub?

Die deutschen Reiseveranstalter haben wegen der atomaren Katastrophe in Japan alle Reisen in das Land bis Ende April abgesagt – ausgerechnet in der Hochzeit des Japan-Tourismus, der Kirschblüten-Feier im Frühling. Andere asiatische Reiseziele sind bislang unbedenklich.

Was bedeutet die Katastrophe für den Tourismus in Bayern?

Deutliche Einbrüche sind zu erwarten. Die Touristenhochburg Rothenburg ob der Tauber rechnet mit deutlich weniger Urlaubsgästen. Die rund 110 000 japanischen Touristen haben im vergangenen Jahr rund zwölf Prozent aller Rothenburg-Besucher gestellt.

Gibt es noch Direkt-Flüge nach Tokio?

Ja, die japanische Fluggesellschaft ANA fliegt noch täglich von München nach Tokio. Lufthansa hat seine Tokio-Flüge vorerst bis zum Wochenende nachNagoya und Osaka im unverstrahlten Süden umgeleitet.

Diese deutschen AKWs müssen sofort vom Netz

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Die Fragen unserer Leser:

Kann ich ohne Bedenken ins Sushi-Restaurant gehen?

Hannah Rosner (20) und Markus Lahner (24), Studenten

Die meisten Lokale werden mit Fisch aus anderen Regionen beliefert. Aber besorgte Kunden sollten sich beim Wirt über die Herkunft des Fisches informieren.

Erhalte ich für meinen Toyota jetzt noch Ersatzteile?

Bankkaufmann Thomas Stephan (44) und Industriekauffrau Beate Isigkeit (48)

Eine Sprecherin von Toyota Deutschland gibt Entwarnung: Die Produktion von Ersatzteilen in Japan soll heute wieder anlaufen. Kunden in Deutschland merkten den Produktionsausfall vorerst ohnehin nicht, weil der Transport auf dem Seeweg sechs bis acht Wochen dauere. Zudem stellte Toyota die meisten Ersatzteile und Autos für den deutschen Verkauf in Europa her. 2010 kamen nur 23 Prozent der neuen Toyotas in Deutschland auch aus Japan.

Woran erkenne ich, ob Lebensmittel aus Japan kommt?

Bianca Heimann (25), Standl-Verkäuferin

Bei Frischfisch sollte der Kunde seinen Händler nach dem Herkunftsort fragen. Bei verpacktem Fisch gilt: Vorsicht, wenn dort „Fanggebiet 61“ steht – das ist der Pazifik vor Japans Küste. Importiert werden vor allem Soßen und Tee. Das Verbraucherschutzministerium beruhigt aber, dass derzeit fast nichts aus Japan importiert wird, da der Handel zum Erliegen gekommen ist.

Welche Strahlenbelastung ist in Europa zu erwarten?

Wilhelm Blenk (80), Rentner

Karin Wurzbacher vom Münchner Umweltinstitut: „Die Voraussetzung für erhöhte Strahlung in Europa müsste sein, dass in Fukushima eine Explosion oder starkes Feuer Radioaktivität in höhere Luftschichten schleudert und Luftströmungen diese über den halben Erdball zu uns tragen.“ Strahlung würde hier dann zwar messbar, aber durch die Verdünnung in der Luft nicht mehr gefährlich sein. Beim Super-GAU im 1375 Kilometer entfernten Tschernobyl habe die Wolke vier Tage gebraucht. Im Fall Japans würde es über einen Monat dauern.

Können Japaner, die nach München kommen, radioaktive Strahlung einschleppen, zum Beispiel über ihre Kleidung?

Inge Renner (65), Inhaberin Café Renner

Atom-Physiker Prof. Günter Kaindl: „Man muss hier unterscheiden zwischen oberflächlich kontaminierten und verstrahlten Personen. Ein verstrahlter Mensch, der einem hohen Strahlungsfeld ausgesetzt war, ist völlig ungefährlich für die Außenwelt. Ein kontaminierter Mensch hat radioaktive Partikel auf seiner Haut oder seiner Kleidung, die auch die Umwelt verstrahlen könnten. Doch diese Kontamination lässt sich einfach abwaschen oder abduschen.“

Kann ich mich durch Medikamente gegen Strahlung schützen?

Christa Schöttl (69), Rentnerin

Jod-Tabletten verhindern, dass sich radioaktives Jod aus der Luft oder aus Nahrungsmitteln in der Schilddrüse anreichert. Je mehr nicht-radioaktives Jod sich dort befindet, desto weniger Platz haben schädliche radioaktive Jod-Isotope. Jod-Präparate sollten aber nur nach behördlicher Aufforderung genommen werden, warnt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

Im Fall eines Super-GAUS: Darf mein Kind noch draußen spielen?

Sylivie W. (46), Hausfrau

Derzeit gibt es laut BfS in Deutschland überhaupt keine Gefährdung für Kinder – aber im Fall eines Super-GAUS in unmittelbarer Nähe ist das beste die Evakuierung aus der verstrahlten Region. Nach der radioaktiven Wolke aus Tschernobyl galt: Kinder möglichst nicht in der Wiese oder im Sandkasten spielen lassen, lieber Dosen-­Nahrung als frisches Obst und ­Gemüse.

Bringt es etwas, sich einen Geigerzähler zu kaufen?

Friedrich Gärtner (82), Rentner

Prof. Günter Kaindl, Atomphysiker an der FU Berlin: „Das ist das unsinnigste, was man machen kann. Es gab bei uns keinen Atom­unfall, und deshalb brauche ich bei uns jetzt kein Mess­gerät für Radioaktivität. Wenn man das Gerät – was keiner hoffen mag – irgendwann tatsächlich bei uns brauchen sollte, wäre die Batterie längst leer oder der Geigerzähler ist kaputt. Zudem geraten Laien durch den Geigerzähler nur in Panik: Der Mensch, der ihn bedient, strahlt im Schnitt mit 6000 Becquerel, der Geigerzähler schlägt aus wegen der natürlichen Strahlung des Betonbodens, von Holz und Ziegelsteinen. Der Laie kann diese Ausschläge überhaupt nicht richtig bewerten

Text: Nina Bautz, W. Schneeweiß, K. Rimpel

Rubriklistenbild: © Götzfried

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