Brutale Attacke in der U-Bahn: Mädchen schlagen 23-Jährige

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Der U-Bahnhof Thalkirchner Straße: Hier griffen zwei Mädchen (13 und 15) eine 23-jährige Physiotherapeutin an. Insgesamt sollen mindestens zehn ähnliche Angriffe auf das Konto des jungen Duos gehen.

München - Völlig aus dem Nichts haben zwei Minderjährige in der U-Bahn Thalkirchen eine 23-Jährige beleidigt und geohrfeigt. Durch Videoaufzeichnungen wurden die Mädchen überführt.

Was bilden sich diese Gören eigentlich ein? Zwei erst 13 und 15 Jahre alte, hochaggressive Mädchen terrorisierten offensichtlich über Wochen wahllos Passanten in München. So aggressiv, dass selbst Erwachsene keine Gegenwehr mehr wagten. Bisher ist der Polizei erst ein Opfer – eine Physiotherapeutin (23) – bekannt. Es besteht jedoch der begründete Verdacht, dass zumindest diese beiden Mädchen noch viel mehr Passanten verfolgt, beleidigt und auch noch geschlagen haben.

Es handelt sich um eine Gruppe von drei Mädchen und drei Buben – minderjährig allesamt und zum Teil sogar strafunmündig. Die Kinder kannten sich aus Therapieeinrichtungen und trafen sich in den vergangenen Wochen mehrfach in München. Dabei entwickelten speziell die beiden Mädchen einen Zeitvertreib, den sie als „Leute durchziehen“ bezeichneten und der nichts weiter ist als die reine Lust an der Gewalt.

Geradezu unglaublich das Horrorerlebnis der Physiotherapeutin, die am 4. Dezember – einem Samstag – im U-Bahnhof Thalkirchen auf die nächste Bahn wartete. Plötzlich schlenderte die dicke 15-Jährige auf sie zu und begann, sie zu beschimpfen: „Hey, Du Hure. Alte Schlampe“. Die Therapeutin war völlig perplex. Schon traf sie die erste Ohrfeige. Hinter dem Mädchen tauchten die anderen fünf Jugendlichen auf. An diesem Punkt wagte die 23-Jähirge keine Gegenwehr mehr: „Ich wusste nicht, ob die mich auch angreifen würden“, sagte sie der Polizei. Auch von den Passanten auf dem Bahnsteig war keine Hilfe zu erwarten.

So blieb die Frau einfach sitzen. Nun setzte sich die zierliche 13-Jährige neben sie: „Wenn Du Dich wehrst, wird’s noch viel schlimmer“, sagte die Kleine frech. Schon packte die Haupttäterin den Kopf der Freundin – und schlug ihn voll gegen den Kopf der Physiotherapeutin! In genau dem Moment kam der Zug, mit dem das Sextett davonfuhr. Mit einer Schramme am Kopf floh die Frau zur Polizei und erstattete Anzeige. Bei der Auswertung der Überwachungskameras erkannte ein Polizist einen 15-Jährigen wieder, der vernommen wurde und auspackte. Er kannte die Namen der Kopfstoß-Gören, die in Traunstein bei den Eltern leben und längst polizeibekannt sind – auch wegen Gewalttaten.

Nach seinen Schilderungen war er bei etwa zehn ähnlichen Attacken dabei. Stets taten sich dabei die beiden Mädchen als Anführerinnen hervor, während die anderen passiv zuschauten. Die Polizei (Kommissariat 23, Tel. 2910-0) bittet weitere Opfer, sich zu melden.

Beschreibung der Täterinnen: Ein Mädchen auffallend klein (altersentsprechend 13 Jahre), zweites Mädchen wirkt etwas älter (als 15 Jahre) und ist kräftig gebaut.

Zeugenaufruf: Die Münchner Kriminalpolizei sucht Zeugen bzw. Geschädigte weiterer Straftaten, die von den beiden Mädchen im Zeitraum Dezember 2010 verübt worden waren. Personen, die sachdienliche Hinweise geben können, werden gebeten, sich mit dem Polizeipräsidium München, Kommissariat 23, Tel. 089/2910-0, oder jeder anderen Polizeidienststelle in Verbindung zu setzen.

Dorita Plange

„Haare ziehen war gestern“

Wie gewaltbereit sind Mädchen? Die tz sprach mit dem Marburger Psychologen Dieter Krowatschek, der 2008 ein Buch zu dem Thema veröffentlicht hat („Wenn mir eine dumm kommt, schlag ich zu: Gewalt und Aggression bei Mädchen“).

Immer wieder landen Mädchen mit Gewalt in den Schlagzeilen. Sind sie heute aggressiver als früher?

Dieter Krowatschek: In den letzten Jahren hat die Gewaltbereitschaft unter Mädchen zugenommen. 1987 etwa wurden nur 1000 Straftaten von Mädchen im Alter zwischen 14 und 17 verübt – heute sind es drei Mal so viele!

Im Schnitt geht jede fünfte Körperverletzung, die von Jugendlichen in diesem Alter verübt wird, auf das Konto eines Mädchens. Wie kann man das erklären?

Krowatschek: Die Gesellschaft hat sich verändert. Heute haben Mädchen Zugang zu vielen Dingen, die ihnen früher verwehrt waren. Sie treiben Sportarten wie Fußball, tragen andere Kleider und haben andere Vorbilder. Was früher Sisi war, ist heute Actionheldin Lara Croft.

Trotzdem haut nicht jedes Mädchen zu …

Krowatschek: Die Erziehung ist ein großer Faktor. Oft fehlen bei aggressiven Kids Strukturen: Sie kommen heim, wann sie wollen, haben keine Verbote. Auch häusliche Gewalt spielt eine Rolle: Ein Kind, das geschlagen wird, schlägt oft selbst. Und das Fernsehen hat Einfluss: Bis zum Alter von 16 sieht ein Jugendlicher im TV 180 000 Gewaltszenen.

Wer ist gewaltbereiter?

Krowatschek: Bei Kleinkindern ist das Gewaltpotential von Mädchen und Jungen gleich hoch. Erst ab etwa drei Jahren sind Mädchen weniger aggressiv. Das liegt vor allem an der Erziehung. Mädchen sollen sanft sein, bei Söhnen drücken Eltern ein Auge zu. Doch wenn Mädchen zuschlagen, dann genauso gnadenlos wie die Jungen. Kratzen, Beißen und Haare ziehen war gestern!

Wie besorgniserregend ist diese Entwicklung?

Krowatschek: Die Zahlen sind kein Grund zur Panik, aber sollten uns zu denken geben. Wir wissen seit Jahren, dass man schon früh im Kindesalter ansetzen muss, aber es ändert sich nichts. Nur wenn etwas passiert wie jetzt in München, schreit jeder.

Interview: Christina Schmelzer

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