Die Buam und ihr Bier: Das ist Münchens urigster Stammtisch

+
Die „Aventinus Buam“: Michel Kohler, Matze Hoffmann, Herwig Schaffer, Werner Urban, Guido Hirsch, Peter Hermann, Wolfgang Antl (v. l.).

München - Sie sind ein Beweis dafür, dass das Urbayerische auch in der Großstadt noch seinen Platz hat: Seit 30 Jahren treffen sich die „Aventinus-Buam" im „Weissen Bräuhaus“. Ein Besuch.

Einmal, es war Weihnachten 1986 oder 1987, saß Peter Hermann mutterseelenallein am Stammtisch. Mit stoischer Gelassenheit, oder sagen wir lieber mit bayerischer Bierruhe, nahm der „Bräse Bäda“ dieses Malheur hin. „Des war mir auch wurscht“, schmunzelt Hermann. „Da ham sich dann schon Leit dazua ghockt. Und a Gaudi gibt’s immer.“

Peter Hermann hat seit der Gründung vor 30 Jahren keinen Stammtisch der „Aventinus-Buam“ im Weissen Bräuhaus verpasst. Das waren immerhin an die 400, und man möchte nicht wissen, wie viele Halbe Aventinus seither durch seine Kehle geflossen sind. Aventinus, das ist der dunkle Weizendoppelbock mit furchteinflößendem Alkoholgehalt von 8,2 Prozent. Die Trinkfestigkeit eines normalsterblichen Menschen ist nicht dafür ausgelegt, ein derartiges Bier im Überfluss zu konsumieren. „Fünf Affen, dann zerlegt’s di“, warnt Peter Hermann. „Affe“, das ist Stammtisch-Fachjargon für den Aventinus.

Ursprung des Vorzeige-Stammtischs in der urigen Gaststätte im Tal war der Junggesellenabschied Hermanns. Damals - am 7. Mai 1982 - mögen es schon „zwölf Affen“ gewesen sein, mutmaßt das Giesinger Original. Von den sieben Gründungsmitgliedern ist nur noch der heute 55-Jährige übriggeblieben. Die Ursprungsrunde hat sich zerstreut. Berufliche Gründe oder „manche ham nimma derfa“, wie Hermann witzelt. Allein am Tisch muss er dennoch nicht sitzen. Im Laufe der Jahre gesellten sich neue Stammtischbrüder dazu. Zwölf „Aventinus-Buam“ sind es derzeit. Auch wenn sie dem Knabenalter nun knapp entwachsen und zwischen 38 und 67 Jahre alt sind, der Humor ist spitzbübisch geblieben.

Selbstverständlich kommen alle in Tracht. An der Kopfseite sitzt - nein thront - Peter Hermann unter der Stammtischfahne. Mit seiner barocken Gestalt, dem akkurat gepflegten Zwirbelbart, dem Gamsbarthut, den unüberhörbaren Trinkkommandos ist er unumschränkter Herrscher der Aventinus-Enklave im „Weissbräu“. Hermann ist ein Gesamtpaket bayerischer Wirtshauskultur mit Schnupftabak und traditionellem „Feitl“-Messer in der Lederhosen. Ein Original, das pure Lebensfreude ausstrahlt und für den der Aventinus-Stammtisch „Passion“ geworden ist. Auf den „Bäda“ lässt niemand etwas kommen. „Aventinus-Bua“ Werner Urban sagt: „A griabiga und liaba Mo. Er macht es mit Herz und Verstand.“ Eine Gegenkandidatur ist auch in den nächsten Jahrzehnten kaum zu erwarten.

Um Mitglied bei den „Buam“ zu werden, muss man ein Jahr lang jeden Monat zu den Stammtischen kommen. Vor allen Dingen aber, so der „Bräse“, müsse die Chemie stimmen. Das habe nichts mit politischen Weltanschauungen zu tun oder so profanen Fragen, ob jemand Bayern- oder 1860-Fan ist (er selbst ist als Giesinger Original natürlich Löwe). Es gehe um Gemütlichkeit und Tradition. Hermanns Beruf klingt zwar weniger lustig, ist vermutlich aber ein guter Nährboden für Stammtischwitze: Der „Bäda“ ist Vollziehungsbeamter bei der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung Franken und Oberbayern - sprich, er treibt Geld von säumigen Bauern ein.

Die besten Brauereien Deutschlands

Die besten Brauereien Deutschlands

Otmar Mutzenbach, der „Weissbräu“-Wirt, bezeichnet den Stammtisch als „Unikat“. Gut 100 Stammtische mit über 900 Stammgästen gibt es in seinem Lokal. Doch die „Aventinus-Buam“ seien „etwas Besonderes“. „Es herrscht immer positive Stimmung.“ Ein Umstand, der natürlich nicht schlecht fürs Geschäft ist. Denn Peter Hermann und seine Getreuen unterhalten das ganze Lokal, wenn es sein muss. Zu fortgeschrittener Stunde steigen dann Thomas Hoffmann und Harry Justl auf den Tisch. Wenn sie ihren „Oarschplatter“ aufführen, jubelt die Menge. Touristen fotografieren, während die „Aventinus-Buam“ voller Inbrunst singen und im Stakkato-Takt auf den Tisch klopfen.

Der „Oarschplattler“, man ahnt es, hat etwas mit dem menschlichen Hinterteil zu tun. „Tomml“ (Thomas Hoffmann) - ein Bulle von einem Mann - hält Harry Justl fest, der sich kopfüber bei ihm einklemmt. So können sich beide gegenseitig auf den Hintern „plattln“. Sieht lustig aus und verlangt dem „Tomml“ so viel Kraftanstrengung ab, dass er hernach lange durchschnaufen muss. Mutzenbach sagt, man platziere Touristen schon mal bewusst in Stammtischnähe und fügt an: „Es sind Freundschaften entstanden.“

Christian Sachs, 51, kennt man von der Wiesn. Er ist Kapellmeister im Schottenhamel und häufig Gast im „Weissbräu“. Ab und zu musiziert er dort mit dem Flügelhorn. Zu den „Buam“ unterhält er besten Kontakt. Sie seien einzigartig und immer wohlgelaunt. „Und auf den Bäda kannst dich verlassen.“ Gemeinsam, so erinnert er sich, hätten sie einmal einen Zechpreller bis zum Marienplatz verfolgt.

Am Jubiläumstag ist auch Brauereichef Georg Schneider zugegen. Peter Hermann begrüßt ihn mit einem herzlichen: „Ja, der Schorsch.“ Man kennt sich. Schneider sagt, der Stammtisch sei der einzige Ort, an dem selbst der Brauereichef kein Recht habe, Platz zu nehmen. Mit einem Schmunzeln fügt er an: „Aber ich darf mich hinsetzen.“ Und das sei eine Ehre.

Die Stammtisch-Tradition mag im Zeitalter von Facebook anachronistisch wirken. Für Georg Schneider ist sie das nicht. Er habe den Eindruck, dass sich junge Leute wieder öfter zusammenschließen. Gastwirt Mutzenbach, 48, ist ähnlicher Meinung. Tradition und Moderne seien kein Widerspruch. Er glaubt an einen Retro-Trend. Die Menschen sehnten sich wieder nach Geselligkeit, nach jemandem zum Anfassen, weil eines sei doch klar: „Liebe und Sex kann ich nicht mit Facebook machen.“

Klaus Vick

Auch interessant

Meistgelesen

Kommentare