Aus dem Buch "Daheim is ned dahoam"

Baustellen am Chiemsee

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Ein Schiff der Chiemseeschifffahrt überquert am Donnerstag vor der Kulisse der Alpen den Chiemsee.

München - "Daheim is ned dahoam" heißt das neue Buch des Kabarettisten Helmut Schleich. Die tz druckt vorab Auszüge. In der heutigen Folge "Gamsbart Ahoi“ geht es um Erlebnisse während zweier Kabarett-Projekte am Chiemsee.

(...) Die MS Edeltraud, (...) Helmut Schleich hat sie mit seiner Gamsbart-Ahoi- Truppe fünf Jahre lang in ein sommerliches Kabarettschiff verwandelt. Kabarett auf einem Schiff folgt seinen eigenen Gesetzen, denn schließlich hatte Helmut neben Sebastian Knözinger, Manfred Kempinger und Traudi Siferlinger mit der Gruppe Pitu Pati bei jeder Fahrt noch einen weiteren Mitspieler: den See (...).

Lust bekommen auf mehr? Daheim is ned dahoam – Bayerische Ein- und Durchblicke erscheint am Freitag, 22. März, im Verlag LangenMüller, 192 Seiten mit 47 Fotos, 19,99 Euro, ISBN 978-3-7844-3321-9.

Der See spielte aber noch in anderer Weise bei Gamsbart Ahoi mit: In Form der vielen Geschichten, die wir an seinen Ufern fanden (...). Chiemseefischerin Josefa Steinbeisser, die uns auf jeder Fahrt begleitete und mit ihrem herben Charme die Zuschauer begeisterte, und die Geschichte des lang gestreckten Baus unterhalb der Kampenwand in Felden bei Bernau – Hitlers erster Reichsautobahnraststätte, die (...) in eine Reha- Klinik umfunktioniert wurde. Eine Reha-Klinik direkt neben der Autobahn – da kommt man schon ins Grübeln. Für Tinnitus- Patienten vielleicht, die dort vor lauter Verkehrslärm das Pfeifen im eigenen Ohr nicht hören?

Und dann war da natürlich das Schloss auf der Herreninsel, König Ludwigs ganz persönliches Kulissen-Versailles. Bei Gamsbart Ahoi spielte es nur eine Nebenrolle, aber dafür wurde es bei unserer zweiten Chiemsee-Produktion, dem von 2009 an drei Jahre lang aufgeführten Ludwig IV. – ein echter König geht nicht unter, zur Hauptperson.

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Als wir das Angebot bekamen, das erste Kabarettprogramm in einem bayerischen Königsschloss zu realisieren, waren wir wie elektrisiert (...). Freilich gab es bei allem Wohlwollen von offizieller Seite auch gewisse Auflagen für unser Kabarett im Märchenschloss. Ob wir denn in unserem Programm behaupten würden, Ludwig II. wäre verrückt oder schwul gewesen, wurden wir gefragt.

(...) Der Raddampfer, auf dessen Oberdeck wir immer noch sitzen, hat mittlerweile seinen Zwischenstopp an der Herreninsel beendet. Sämtliche vom Schlossbesuch noch sichtlich beseelten Asiaten sind an Bord, die Gangway aus Aluminium wird rumpelnd zurück auf den Steg gezogen (...). Rückwärts paddelt der Raddampfer zurück in den See, wendet und nimmt Kurs auf die Fraueninsel (...)

Auch wenn sie von ihrer Ausdehnung um ein Vielfaches kleiner ist als ihre große Schwester Herreninsel, drängen sich auf der Fraueninsel fast zwanzig mal mehr Einwohner, und an schönen Tagen kommt dazu noch mal ein Zigfaches an Touristen. Man spürt’s, wenn man sich im Sommer auf schmalen Wegen im Menschenstau um die Insel quält oder im Christkindlmarkt in Ermangelung von freiem Platz kaum mehr sein Glühweinglas an den Mund bewegen kann. Von den Querelen der Inselbewohner untereinander – nimmt man die Nonnen des Klosters Frauenwörth einmal aus – kann man auch im fernen München hin und wieder in der Zeitung lesen: Wenn man zum Beispiel auf dem idyllischen Eiland jahrelang über den Neubau eines Stegs diskutiert oder dem Nachbarn den Seeblick nimmt, indem man ihm ein neues Haus vor die Nase setzt. Aber wer will so was den Insulanern denn wirklich verübeln? Bei jedem zusätzlich bebauten Quadratmeter klingelt die Kasse, denn die Mieten auf der Insel haben inzwischen Münchner Niveau erreicht.

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EbensowiedieRestaurant- Preise drüben in Prien, wie wir beim Mittagessen kurz vor Antritt unserer Inselrundfahrt feststellen mussten. Wenn der Schweinsbraten in einer der Touristen- Abfütterungsanstalten am See wenigstens sein Geld wert gewesen wäre, würde man ja nichts sagen, aber das faserig-trockene Etwas, das man uns nach einer halben Ewigkeit mit geschmacksneutraler Packerlsoße und Gummi-Kartoffelknödel auf den Tisch pfefferte, mochten wir nicht mal für den Hund mitnehmen. Als der Kellner beim Abräumen die mutmaßlich ironisch gemeinte Frage „Hat’s g’schmeckt?“ stellte, antwortete Helmut – zum ersten und bislang einzigen Mal in seinem Leben – mit einem lauten „Nein!“ und bekam darauf prompt die von oberbayerischer Überheblichkeit strotzende Antwort: „Normal passiert des ned, aber jetzt hat’s Eana halt amoi dawischt!“ Kein Versöhnungsschnapserl, kein Kaffee umsonst, gar nichts – möglicherweise besser so. (...)

Obwohl, was den Niedergang der bayerischen Esskultur betrifft, ist man hier nicht allein. Der ist in ganz Bayern deutlich sichtbar und schmeckbar, nicht nur in seinen Fremdenverkehrsregionen. Das geht schon mit der Brezn los, dem Münchner Biergarten-Grundnahrungsmittel und der urbayerischsten aller bajuwarischen Backwaren. Früher mussten die Bäcker um drei Uhr aufstehen, um die Teigstränge geschickt zu verdrehen, in die Lauge zu tauchen und dann mit genau der richtigen Menge Salz zu bestreuen, bevor es ab in den Ofen ging. Wenn man diese handwerklich hergestellten Kunstwerke nicht gegen hohen Blutdruck jedes Salzkörnchen abzupfen lassen, mal könnte man mit einer einzigen von ihnen einen ganzen Kilometer Bundesstraße eisfrei machen (...).

Aber wen interessiert heute noch eine „gscheide“ Brezn? Die bayerische Alltagskulinarik haben wir mittlerweile exklusiv ausgelagert an einen Fernsehkoch, der aus Brezen Knödel macht und Weißwürste paniert, weil’s „nix Scheenas und nix Bessas gibt wia was Guads“ (...). Dass es in ganz Bayern so gut wie kein Gasthaus mehr geben dürfte, in dem die Kartoffelknödel noch selbst gerieben werden und dass das, was heute in der bayerischen Gastronomie direkt aus dem Großmarkt- Kübel als Kartoffelsalat auf die Teller kommt, zumeist jeder Beschreibung spottet, gerät im Glanz des Schuhbeck’schen Küchenzaubers zunehmend zum Randphänomen.

Aber was soll’s? Hauptsach’, mir bleib’n mir, unsere Seen haben immer genügend Wasser und unsere Berge sind auch weiterhin so schön wie die Kampenwand, die jetzt links von uns klar und fest vor einem weiß-blauen Bilderbuchhimmel steht. Die Seilbahnen, Skilifte, Schneekanonen, Mountainbike- Trails und Almstraßen, mit denen wir unsere alpinen Landschaften seit Jahrzehnten malträtieren, kann man aus der Ferne nicht sehen, und so entringt sich selbst unseren kritischen Lästerkehlen auf diesen letzten paar hundert Metern bis zum Hafen ungewollt der klassische Bayernseufzer: „Mei, schee hamma’s scho, bei uns dahoam.“

Bestünde doch nur die ganze Welt aus Chiemseen, Oberammergaus, Rupertiwinkeln und Fränkischen Schweizen – dieser Glaube ist uns Bayern quasi genetisch eingeimpft –, dann wäre sie um so viel besser, schöner und friedlicher, und alles Böse, Schlechte, Hässliche könnte in eine solche Welt nur von außen hineingetragen werden. Fast möchte man es glauben, zufrieden auf dem Deck eines alten Raddampfers sitzend, hoch über diesem wunderschönen See, der die wunderschöne Landschaft, die ihn umgibt, noch genauso wunderschön spiegelt, wie er es die ganzen 10 000 Jahre seit der letzten Eiszeit getan hat.

Hier geht's zu Teil 1 der Serie: München - Hauptstadt der Schnösel

Hier geht's zu Teil 2 der Serie: Das ist der Gipfel

Hier geht's zu Teil 3 der Serie: Bayerischer Größenwahn

tz

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