Aus dem Buch "Daheim is ned dahoam"

Wenn die Bayern Landschaften formen

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Helmut Schleich beobachtet die Umgebung.

München - "Daheim is ned dahoam" heißt das neue Buch des Kabarettisten Helmut Schleich. Die tz druckt vorab Auszüge. In der letzten Folge geht es um Erlebnisse im Fränkischen Seenland.

Drei Tretboote namens „Melanie“, „Dina“ und „Vanessa“ dümpeln an einem kleinen Steg. Hinter dem Steg ein Schild: „Betreten verboten“, hinter dem Schild ein künstlich aufgeschütteter, vollkommen menschenleerer Sandstrand, und hinter dem Sandstrand wiederum ein Dorf mit schlanken Dachgiebeln und mattgrün schimmernder Kirchturmspitze. (...) Man könnte fast meinen, eine Neutronenbombe hätte hier sämtliches menschliches Leben ausgelöscht. Keine plantschenden Kinder, keine Schwimmer, keine Segler oder Paddelbootfahrer, nur ein paar schwimmende Inseln aus leuchtend grünen Algen um einen verlassen daliegenden Badeponton.

Über die glatte Wasserfläche des Großen Brombachsees schiebt sich ein plumpes Passagierschiff , das aussieht wie eine maritime Schimäre, halb Taschenkrebs, halb Parkhaus, auf eine menschenleere Anlegestelle zu. (...) Vor dem schreiend orangefarbenen Hinweisschild eines Seeufer-Restaurants – vom 1. April bis zum 31. Oktober durchgehend warme Küche! – stehen die mit schweren Packtaschen beladenen E-Bikes eines ältlichen Ehepaars (...). In uns keimt die Frage auf, was einen in diese künstliche Welt zieht, in diese traurigen Tropen unter fränkischer Frühsommersonne?

Wer braucht diese künstlichen Verköstigungsbetriebe? (...) Wie vieles, was man an touristischen Neueinrichtungen in diese neu geschaffene Seenlandschaft gestellt hat, tragen sie wässrig-maritime Namen, die da lauten „See-Stern“, „See-Bär“ oder „See-Rose“, wir aber finden, dass man wenigstens eines auch „See-Lenlos“ hätte nennen sollen, als Symbol für dieses Disneyland ohne Märchenschloss und Piratenbucht, dieses Spaßbad ohne Spaß, diese überregulierte Kunstwelt, geformt vom Gestaltungswillen bayerischer Ministerialbürokratie an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert.

(...) Aber all das sind nur die Fingerübungen für die „Satzung für die Benutzung der öffentlichen Strandanlagen und Freiflächen des Zweckverbandes Brombachsee“, die Magna Charta des neuen Fränkischen Seenlands – ein Regelwerk, das vom Umfang her die Verfassung eines Kleinstaats sein könnte, aufgestellt auf einer riesigen Tafel am Seeufer.

Am Abend sitzen wir dann in diesem ortlosen Hotel am Seeufer, einem zwanzig Jahre alten Kasten mit dem Charme sozialistischer Erholungsparadiese in Serbien oder Bulgarien. Zimmer mit Resopal- und Spanplattenmöbeln an langen Gängen, in denen man Rollschuh laufen könnte.

(...) Natürlich hat auch das neue Fränkische Seenland einen oberbayerischen Vorgänger, den Sylvenstein-Stausee. Wir Oberbayern brauchen uns von unseren nördlichen Landsleuten in puncto Landschaftsverschandelung nichts vormachen lassen (...). Und wir haben bei unserer künstlichen Landschaft nicht nur ein paar Meiler und Mühlen unter Wasser gesetzt wie die da droben am Brombachsee, wir haben gleich ein ganzes Dorf in den Fluten versinken lassen. Und das war nicht irgendein Dorf, sondern der Schauplatz von Ludwig Ganghofers Wilderermelodram Der Jäger von Fall, dem immer wieder verfilmten Urvater aller Heimatschmonzetten.

Heute kann man die Grundmauern des berühmten Ortes nur noch bei Niedrigwasser erahnen, bei dem auch der Sylvenstein, ein einst von den Flößern gefürchteter Felsen, gelblich grün unterhalb der Faller Klammbrücke heraufschimmert. Die Brücke selbst ist der Beton gewordene Wunschtraum fortschrittsgläubiger Alpenstraßenseligkeit der 50er-Jahre. Unzählige Male fotografiert (...), war sie für Generationen der leuchtende Pfad in ein Wunderland motorisierter Gebirgseroberung.

Neben dem Parkplatz vor der Brücke liegen noch die Überbleibsel des Sommers herum – Sekt- und Weinflaschen in einem kleinen Bachbett und auf dem Brückengeländer steht ein Glas, das früher Spreewaldgurken beherbergte und jetzt vollerkleiner, toter Fische ist – vermutlich die Hinterlassenschaft eines vergesslichen Anglers aus den neuen Bundesländern. Menschenleer sind die Ufer des künstlichen Fjords, nur hin und wieder rumpelt ein Bulldog mit Anhänger vorbei, surrt ein einsames Auto über die Brücke. Wolken hängen in den Bergen, spiegeln sich wie ein graues Frotteehandtuch im See. Es ist kalt, und ich ärgere mich, dass ich keine Handschuhe mitgenommen habe.

(...) Ein Automat verspricht für einen Euro englischsprachige Auskünfte über den Sylvenstein, auf die man in Ermangelung passender Münzen leider verzichten muss. Aber möglicherweise finden sich ja Informationen zur Mutter aller neuen bayerischen Seenländer auch anderswo. Im neuen Fall vielleicht, dem Ort, den sie 1954 als Ersatz für das alte Fall auf höher gelegenem Gelände hingestellt haben. Und wie in den ersatzfreudigen 50er-Jahren, als in den Fischsemmeln knallroter Lachsersatz und auf den russischen Eiern Kaviar aus Seehasenrogen fröhliche Urständ feierten, sieht es am Sylvensteinsee auch heute noch aus: Bayerische Landschaft mit Dorfersatz, heute im Angebot.

In der vermuteten Dorfmitte – einem komplett leeren Platz zwischen einem Erholungsheim der deutschen Polizeigewerkschaft und einem Kirchlein, das an eine Kreuzung zwischen Gnadenkapelle und Sparkassengebäude erinnert – stelle ich den Wagen ab, misstrauisch beäugt von einer alten Frau in blau gemusterter Kittelschürze, die gerade einen Komposteimer aus dem Haus bringt. Ein Auto mit Münchner Kennzeichen, „des ko nix Guads ned sei“.

Lust bekommen auf mehr? Daheim is ned dahoam – Bayerische Ein- und Durchblicke erscheint am Freitag, 22. März, im Verlag LangenMüller, 192 Seiten mit 47 Fotos, 19,99 Euro, ISBN 978-3-7844-3321-9.

Von den Ortsansässigen sind Informationen zur Geschichte des jungen Dorfes offenbar nicht zu bekommen, aber als ich in meiner Verzweiflung das modernistische Kirchlein betrete, finde ich doch noch, wonach ich suche. Im Vorraum hängt doch tatsächlich eine gut einen Quadratmeter große Schautafel, auf der mit großen, handschriftlichen Lettern „Vom alten Fall zum neuen Fall“ geschrieben steht. Darunter ein Mosaik aus bernsteinfarben vergilbten Zeitungsausschnitten mit endzeitschwangeren Schlagzeilen: „Fall erlebt seinen letzten Frühling“, „Das Ende naht“, „Der See verschluckt das Dorf der Jäger und Förster“. Weg mit dem alten Fall, her mit dem neuen, das – so kann man in einem der alten Artikel lesen – „dereinst wohl eine der größten Attraktionen in den Alpen werden wird“.

(...) Irgendwo, so sage ich mir, habe ich das alles hier doch irgendwann schon einmal gesehen: Diese Kirche wie aus dem Kinderbaukasten, den See, der aussieht wie türkis eingefärbtes Gießharz, die Plastikkuh und die Häuser, wie mit der Alpinschablone ausgestanzt. Natürlich! Häuschen wie diese habe ich als Kind aus vorgefertigten Plastikteilen zusammengebaut. Für die Modelleisenbahn.

Und dann habe ich kleine Autos davor gestellt und vor das Wirtshaus einen Biergarten mit winzigen Plastikmasskrügen und auf die Wiesen aus grün gefärbtem Sägemehl kamen Kühe aus braunem Kunststoff. Ich kann das ganze Zeug richtig vor mir sehen, in der Abteilung „Alpenregion“, Seite 159 im FALLER-Modellbau-Katalog … Moment mal! Wie heißt dieser Katalog???

Schnell weg von hier, bevor noch eine riesige Hand aus dem Himmel herabgreift, das Dorf an der Kirchturmspitze packt und einfach mitsamt See, Bergen und Alpenstraßenbrücke weghebt, weil sich darunter die Geleise eines von einer gigantischen Pressspanplatte überdachten Eisenbahntunnels befinden.

Hier geht's zu Teil 1 der Serie: München - Hauptstadt der Schnösel

Hier geht's zu Teil 2 der Serie: Das ist der Gifpel

Hier geht's zu Teil 3 der Serie: Bayerischer Größenwahn

Hier geht's zu Teil 4 der Serie: Baustellen am Chiemsee

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