Guido Limmer

Buch des Münchner Chef-Ermittlers: „Der perfekte Mord ist Zufall“

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Der Münchner Chef-Ermittler Guido Limmer hat ein Buch über seine Arbeit geschrieben.

München - Der Münchner Chef-Ermittler Guido Limmer hat ein Buch über seine Arbeit geschrieben. „Überführt: Spektakuläre Fälle der Kriminaltechnik“. Zum Interview.

Guido Limmer (52) war lange Chef der Spurensicherung in Bayern. Der Münchner Jurist leitete von 2009 bis 2016 das Kriminaltechnische Institut im Landeskriminalamt. Jetzt hat er ein Buch über seine Arbeit geschrieben. Der Titel: Überführt (Riva Verlag, 19,99 Euro). Wir sprachen mit dem Spurensucher:

Herr Limmer, gibt es in der Realität den perfekten Mord?

Limmer: Ich glaube, den perfekten Mord gibt es nicht geplant, der entsteht durch Zufall – wenn es keine Beziehung zwischen Täter und Opfer gibt und kein Motiv. Die meisten Mörder übertreiben es mit der Planung, sie legen zu viele falsche Spuren.

Die Ermittlungstechnik wird stetig besser. Alte DNA-Spuren werden plötzlich sichtbar. Haben es Täter immer schwerer?

Limmer: Wenn man sich Handys und Computer anschaut, hinterlassen die Menschen heutzutage viele, viele Spuren. Aber manchmal ist die Datenmenge zu riesig, um sie auszuwerten. Und oft kommen wir nur schwer an die Daten ran. Viele Dateien oder Chats sind verschlüsselt. Da hat man erst mal einen riesigen Datensalat, den müssen unsere Mathematiker entschlüsseln. Aber gerade darin sind wir in Bayern sehr gut.

Geht Ihnen ein geplanter Mord oder einer aus Affekt näher?

Limmer: Mir gehen vor allem Fälle nah, in denen Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch oder von Mord sind.

Welcher Fall hat Sie geprägt?

Limmer: Der Fall hat 2004 gespielt: Ein junger Mann hat zehn Briefbomben an Lokalpolitiker, Abgeordnete und auch den polnischen Generalkonsul verschickt. Der Druck von Vorgesetzten und Politikern, den Fall schnell zu lösen, war riesig. Aber wir hatten einfach keine Spuren.

Sie waren Chef der Sonderkommission. Schläft man da ruhig?

Limmer: Irgendwann muss man schlafen. Aber ich bin oft aufgewacht, lange bevor der Wecker geklingelt hat und habe gegrübelt: Was könnten wir noch probieren? Wir haben gehofft, dass die nächste Bombe nicht jemanden verletzt – und dass wir irgendwann eine Spur finden. Und tatsächlich: Im vierten Brief war eine Hautschuppe!

Waren Sie erleichtert, als Sie wussten, wer der Täter war?

Limmer: Schon, weil der Druck weg war. Aber wir hätten ihn gerne noch gefragt, warum er das gemacht hat. Das ging leider nicht mehr, er hatte sich in die Luft gesprengt. Freilich stellt man sich da die Frage: Hat ihn der Ermittlungsdruck in den Tod getrieben? Aber wir mussten Schlimmeres verhindern.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Limmer: Es kam in meiner Zeit beim Kriminaltechnischen Institut schon mal vor, dass ein Ermittler anrief und eine bestimmte Untersuchung von uns wollte. Auf meinen Hinweis, dass es diese Untersuchung nicht gibt, meinte der: „Aber das habe ich doch im Fernsehen gesehen!“ Ich will im Buch zeigen, was realistisch ist und was nicht. Und ich wollte zeigen, wie Wissenschaftler und Ermittler zusammenarbeiten.

Interview: Carina Zimniok

Drei spektakuläre Fälle und ihre Aufklärung

  • Vorgetäuschter Selbstmord: Ein Freund meldete 2004 den Münchner Zahnarzt Armin Frank vermisst – zugleich wies er die Polizei auf das seltsam enge Verhältnis zu Johannes B. hin. Dem hatte der Arzt sein ganzes Vermögen überschrieben. Sogar die Wohnung, in der er lebte. B. gab an, der Mediziner sei nach Italien gezogen. Dann tauchte in Österreich die Leiche des Vermissten mit Waffe in der rechten Hand auf. Selbstmord? Nein – die Ermittler fanden B.s DNA an der Kleidung des Opfers. Im Blut hatte der tote Arzt zudem Schlafmittel. Johannes B. wurde schnell als Mörder überführt. Das Urteil: lebenslang.
  • Das Testament des Dr. Mord: Dem Mörder Dr. Werner R. wurden Handschrift-Experten beim Landeskriminalamt zum Verhängnis. Was passiert war? Kurz nach Ostern 2008 wurde die Leiche des Finanzbeamten Anton Fanger in einem Bauernhaus in Bockhorn (Kreis Erding) gefunden – mit einem Einschuss im Nackenbereich. Ein später gefundenes (handschriftliches) Testament benannte eine Ex-Kollegin zur Erbin seines Vermögens (immerhin über 1,2 Millionen Euro). Die Dame war zufällig mit Dr. Werner R. befreundet – und schnell fanden die Kriminalisten heraus: Das Testament wurde nicht von dem Opfer unterschrieben, sondern die Unterschrift war von Dr. Mord gefälscht worden. Er bekam lebenslänglich.
  • Der Terror des Briefbombers: Eine Briefbombenserie hält Bayern 2004 in Atem. Immer wieder tauchen in Vorzimmern von Politikern und hohen Beamten Schreiben auf, aus denen schwarzes Schießpulver rieselt – die Zünder funktionieren zum Glück nur ein einziges Mal: Eine Sekretärin wird im Gesicht leicht verletzt. Aber: Im vierten Brief finden die Experten eine Hautschuppe. Die DNA führt zu einem Einbruch in Niederbayern – und zu einem 17-Jährigen. Dieser sprengt sich wenig später auf einem Feld selbst in die Luft.

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