Direktkandidat im Porträt

Geerdet zur „Richtungswahl“ - Stephan Pilsinger kandidiert für die CSU

Sein zweites Standbein nennt Stephan Pilsinger den Arztberuf, der ihn als Politiker unabhängig macht.
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Sein zweites Standbein nennt Stephan Pilsinger den Arztberuf, der ihn als Politiker unabhängig macht.

Am 26. September ist Bundestagswahl. Bis dahin stellen wir die Kandidaten aus München vor. Heute Stephan Pilsinger (CSU) aus dem Wahlkreis München-West/Mitte.

München – Der rote Arztkoffer liegt noch im Kofferraum. Erst gestern war Stephan Pilsinger (34) im Einsatz für den Notdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. Dass er seine Ausrüstung dabei hat, ist keine Seltenheit. Der Kandidat für den Bundeswahlkreis München-West/Mitte ist Bundestagsabgeordneter und Arzt. In einer Oberhachinger Praxis hat Pilsinger eine 50-Prozent-Stelle.

Jetzt, so kurz vor der Bundestagswahl* am 26. September, steht freilich die Operation Wahlkampf im Vordergrund. Dass es heuer knapper wird als vor vier Jahren – für seine Partei und für ihn persönlich –, das weiß der Ortsvorsitzende der CSU Obermenzing*. Und er legt sich mächtig ins Zeug, um wieder nach Berlin zu kommen.

Pilsinger verteilt im Straßenwahlkampf unter anderem Grillzangen an die Damen und Kochlöffel an die Herren. Wohl durchdacht nicht andersrum. Nicht, dass ihm irgendjemand Schubladendenken vorwirft. Der gebürtige Pasinger ist zielgerichtet, überlässt nichts dem Zufall. Pilsinger sagt im Gespräch mit unserer Zeitung: „Ich glaube, dass die Union besser abschneiden wird als in den aktuellen Umfragen.“

Bundestagswahl 2021: Münchner CSU-Kandidat Pilsinger arbeitete als Hausarzt

Dennoch ist der 34-Jährige froh über sein zweites Standbein – auch wenn er dafür, so sagt er, bis zu 70 Stunden in der Woche arbeitet. „Ich will unabhängig von der Politik bleiben. Ich habe ein Mandat auf Zeit.“ Und wenn es diesmal nicht klappt mit der Wahl? Dann leckt der CSU-Mann nicht lange Wunden. „Dann werde ich wieder vollberuflich Hausarzt.“

Wenn Stephan Pilsinger mal Freizeit hat, geht er gerne mit seinem Dackel „Jennerwein“ zum Bergsteigen, ins Karwendelgebirge oder in die Tegernseer Gegend. Vor dem Fernseher sitzt er selten („Hubert und Staller finde ich lustig.“), dafür liest er gerne. Derzeit auf seinem Nachtkästchen: das aktuelle Buch von Sahra Wagenknecht von den Linken. „Es ist wichtig, sich mit dem politischen Gegner zu beschäftigen“, erläutert Pilsinger die Wahl seiner Lektüre und fügt hinzu: „Und in manchen Dingen hat sie ja sogar Recht.“ Er führt das Beispiel Migrations-Begrenzung an.

Gegenüber seinen potenziellen Wählern macht Pilsinger – „Diese Wahl ist eine Richtungswahl“ – aber ganz klar, dass nur mit der Wahl der CSU ein Linksruck vermieden werden könne. Als Halbgott in Weiß punktet er aber auch mit seinem Job. Als Mitglied des Gesundheitsausschusses im Bundestag kann er Erfolge vorweisen: Er habe das Gesetz zur Stärkung der Organspende federführend mitbetreut, erzählt Pilsinger. Und er hat Bundeszuschüsse für seinen Wahlkreis durchgesetzt, etwa für die soziale Einrichtung „Lebensräume e.V.“in Pasing. Die Erfahrung unterscheide ihn auch von seiner Konkurrentin, der SPD-Kandidatin Seija Knorr-Köning, die als Krankenschwester zufällig aus dem gleichen Sektor kommt.

Bundestagswahl 2021: CSU-Kandidat Pilsinger ist klarer Befürworter von Corona-Impfungen

Seine weiteren Ziele, falls er wieder in den Bundestag einzieht: „Eine bessere Präventionspolitik – dann wären viele Erkrankungen vermeidbar. Und ich will weg von der reinen Apparatemedizin. Wir brauchen mehr Zeit für den Patienten.“ Die Corona-Politik der aktuellen Regierung verteidigt er: „Im Vergleich zu anderen Ländern sind wir relativ gut aus der Krise gekommen.“ Beim Thema Impfen wird der sonst so besonnene Politiker resoluter. Wenn Impfstoff weggeschmissen werde, weil Patienten ihren Termin nicht wahrnehmen, „dann sollte der Patient auch die Kosten tragen“, fordert er. „Ich will niemanden zum Impfen zwingen. Aber wer sich nicht impfen lässt, der muss damit leben, dass er sich wahrscheinlich infizieren wird –mit allen Konsequenzen.“

Mit seiner klaren Haltung pro Impfen hat sich Pilsinger auch Feinde gemacht. Er bekomme Hassmails von Querdenkern, berichtet er. Nicht nur die haben etwas gegen ihn. Vergangenes Jahr haben offenkundig rechtsradikale Täter „Volksverräter“ an die Scheibe seines Bürgerbüros an der Verdistraße gesprüht. Heuer an Ostern bewarfen Unbekannte die Fenster mit Eiern, einige Scheiben warfen sie mit Steinen ein. „Danach habe ich Kameras aufgehängt“, erzählt der Kandidat.

Bei diesem Thema scheint im routinierten Politiker plötzlich der Mensch Pilsinger auf. Er wirkt nicht mehr so professionell, redet leiser. „Da fragt man sich: Folgt als Nächstes der Angriff auf den Menschen? Da mache ich mir natürlich Gedanken um meine Familie“, gesteht der 34-Jährige. Schnell gewinnt aber wieder der Politiker Oberhand: „Andererseits: Ich bekomme Hassbotschaften von links und rechts. Das beweist mir, dass ich in der Mitte der Gesellschaft stehe.“ Und das mit beiden Beinen auf dem Boden, so Pilsingers Selbsteinschätzung. „Meine Arbeit als Hausarzt erdet unendlich.“ (nba)

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