Bundestagswahl 2017

Wahlkreis Nord: Das sind die Bundestagskandidaten im Münchner Norden

Bei der Bundestagswahl sind 923.820 Münchner aufgerufen, in vier Wahlkreisen ihre Stimmen abzugeben. In einer Serie stellen wir die Direktkandidaten vor. Heute: Der Wahlkreis 217 München-Nord.

Alle Kandidaten: Sie wollen für München in den Bundestag

München - Der Münchner Norden gilt gemeinhin als wankelmütig – zumindest in Sachen Bundestagswahl. Bei den vergangenen beiden Wahlen 2013 und 2009 hatte CSU-Kandidat Johannes Singhammer die Nase vorn. Zuvor jedoch war der Wahlkreis drei Mal an Axel Berg von der SPD gegangen. Davor wiederum an die CSU und in den 70ern zog sogar Alt-OB Hans-Jochen Vogel (SPD) über den Münchner Norden in den Bundestag ein. Nachdem Platzhirsch Johannes Singhammer nicht mehr antritt, dürfen sich Bernhard Loos (CSU) und Florian Post (SPD) die besten Chancen ausrechnen. Der 36-jährige Post war bereits 2013 angetreten, aber Singhammer deutlich unterlegen. Post erreichte 31,4 Prozent der Erst- und 24,7 Prozent der Zweitstimmen. 43,2 der Erst- und 36,8 Prozent der Zweitstimmen gingen an die CSU. Ob Bernhard Loos diese Ergebnisse wird verteidigen können, ist freilich offen. Loos gilt als eher unbekannte Variable, groß politisch in Erscheinung getreten ist der 62-Jährige bislang nämlich nicht.

Das ist bei Doris Wagner, der Kandidatin der Münchner Grünen für den Norden, anders. Denn die 54-Jährige kandidiert bereits zum zweiten Mal im Wahlkreis München-Nord. 2013 zog sie über die Landesliste (Platz 9) in den Bundestag ein. Und immerhin holte sie 10,3 Prozent der Erst- und 13,6 Prozent der Zweitstimmen. Dieses Mal steht Wagner auf Platz 13, es dürfte sehr eng werden für einen erneuten Einzug angesichts der aktuellen Umfragen für ihre Partei.

Als sicherer Abgeordneter gilt indes Daniel Föst. Die FDP wird wahrscheinlich wieder in den Bundestag einziehen, und Föst steht auf Platz eins der Landesliste. Vorgängerin Ruth Hohenadl hatte 2013 3,7 Prozent der Erststimmen, aber immerhin 8,2 Prozent der Zweitstimmen im Münchner Norden geholt.

In den nächsten Bundestag wird mit ziemlicher Sicherheit auch Petr Bystron einziehen. Seine AfD hatte ohne eigenen Kandidaten 2013 bereits 4,6 Prozent der Zweitstimmen erreicht. Dass Bystron das Direktmandat holt, gilt gleichwohl als ausgeschlossen. Aber Listenplatz vier ist aussichtsreich.

Die Bundestagswahl im Live-Ticker: Ab 18 Uhr gibt es erste Prognosen und Hochrechnungen.

Florian Post (SPD): Der Querdenker

„Ich habe viel gelernt“, sagt Florian Post.

Er macht es der Partei nicht immer leicht – trotzdem hat sie Florian Post, 36, zum wichtigsten Direktkandidaten im Freistaat gemacht. Der Münchner Norden – der einzige Wahlkreis in Bayern, in die SPD eine realistische Chancen auf ein Direktmandat hat. „Die Partei hat zurecht eine gewisse Erwartungshaltung an mich – die teile ich übrigens“, sagt Post.

Er nimmt kein Blatt vor den Mund – Sigmar Gabriel hat ihn als „Mitglied im Verein für deutliche Aussprache“ bezeichnet. Post polarisiert. Als er im vergangenen Jahr einen Mann dabei erwischte, wie der im U-Bahn-Zwischengeschoss an die Wand pinkelte, entlud Post seine Wut auf Facebook. „Ich bleibe dabei: So eine Verhaltensweise ist und bleibt asozial“, sagt Post.

Die Kritik trifft auch die eigene Partei. Post ist stolz darauf, beim Gesetzespaket zur Autobahnmaut gegen die Große Koalition gestimmt zu haben. „Ich hoffe, dass der ein oder andere Wähler mein persönliches Abstimmungsverhalten auch seiner Wahlentscheidung zugrunde legt.“ Er sei nicht Abgeordneter geworden, um auf anderen Ebenen Karriere zu machen. Ein Privatleben habe er in Berlin nicht, erzählt Post. „Da bin ich nur zum Arbeiten.“ Seine Freundin ist Ärztin – „da freut man sich umso mehr, wenn man sich mal sieht“.

Im Wahlkreis will der 36-Jährige jetzt seine Erfahrung ausspielen. Bei der letzten Wahl habe der CSU-Kandidat „völlig zurecht“ gewonnen – jetzt glaubt Post an seinen Mandatsbonus. Und: „Ich habe viel gelernt.“

Lernen will er auch von Alt-OB Christian Ude – seinem „politischen Wahlkampfleiter“. Post: „Die Chemie zwischen uns stimmt.“ Das dringlichste Problem in seinem Wahlkreis ist für Post der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. „Ein Mieter der die CSU wählt, die die Mietpreisbremse ablehnt und in München 35 000 staatliche GBW-Wohnungen verscherbelt hat, der kann nicht ganz dicht sein“, sagt Post. „Wenn’s nach denen gegangen wäre, dann müssten die Mieter noch heute den Makler zahlen.“ Die Mietpreisbremse müsse verschärft werden, findet er.

Post ärgert, dass seine SPD die eigenen Verdienste zu schlecht verkaufe. Eine Groko kommt für ihn nicht mehr infrage: „Die Gemeinsamkeiten sind erschöpft und mir fällt nichts ein, was in einem Koalitionsvertrag stehen könnte, für das ich bei unseren Mitglieder noch werben könnte.“

Bernhard Loos (CSU): Der Erbe

Will etwas schaffen: Bernhard Loos.

Themen hat Bernhard Loos genug. Bildungspolitik? Da hat der Mann eine Mission – und legt sie wortreich dar. Aber eigentlich sei er „eher ein Schaffer“, sagt er. Motto: Wenig reden, mehr machen. Das scheint keine Frage des Alters zu sein. Vorgänger Johannes Singhammer hört gerade mit 64 auf – Loos fängt mit 62 an.

Für Loos wäre es eine neue Erfahrung – und Erfahrungen hat der neugierige Sohn eines Religionslehrers schon genügend gemacht. In der Lehre bei Hertie am Hauptbahnhof war er „Mädchen für alles“, später studierte er Wirtschaftswissenschaften an der LMU, engagierte sich in der CSU. „Franz Josef Strauß hat mich sehr geprägt“, erinnert sich Loos. Als Chef der Studentenorganisation RCDS saß Loos in der Parteizentrale, in direkter Nähe des CSU-Schwergewichts. Die Polit-Karriere schien vorgezeichnet – aber Loos wollte erst mal schaffen. Statt ins Parlament zog es ihn die Geschäftsführung verschiedener Bildungsträger – erst Kolping, dann Sabel-Stiftung. 1991 machte sich Loos mit einer Wirtschaftsschule selbstständig, 2003 ging er mit BMW nach China, organisierte dort die duale Berufsausbildung.

Berufliche und akademische Ausbildung will Loos gleichwertig fördern. Seine Neugier führte ihn auch an ungewöhnliche Orte – nach Ost-Berlin, im November 1989. „Direkt nach der Wende habe ich mich beurlauben lassen, um in Ost-Berlin die DSU aufzubauen. Das waren wilde Zeiten“, erinnert er sich. Plakate kleben, Flugblätter drucken, Veranstaltungen organisieren – und das in Berlin, wo sie nicht gerade auf einen CSU-Ableger gewartet haben.

Auch heute klebe er seine Plakate noch selber, betont Loos. Die Plakate sind wichtig, er muss den Wählern ein Begriff werden. Sein Vorgänger Singhammer eroberte den Wahlkreis von der SPD zurück. Loos will das halten. Darum zieht er von Tür zu Tür, absolviert Termine bis zum Umfallen. „Ich glaube fest daran, dass ich in Berlin etwas bewegen kann“, sagt er.

Loos redet gerne in Beispielen, um seinen Standpunkt klar zu machen und will so auch in den Ausschüssen des Bundestages überzeugen. „Ich komme aus dem Leben und weiß um die Konsequenzen, wenn wir dieses oder jenes Gesetz erlassen.“ Mit dieser praktischen Erfahrung will er punkten. „Ich bin Idealist. Ich weiß aber auch, dass man als einsamer Rufer wenig bewegen kann.“

Daniel Föst: Der Unbekannte

Daniel Föst (FDP) kommt aus der „Mitte der Gesellschaft“

Daniel Föst (41) sieht aus, als sei er eben aufgewacht, aber das ist Blödsinn. Es ist halb zehn und Föst ewig wach. Aufgestanden mit den zwei kleinen Söhnen, Kaffee, dann Wahlkampf. Mit dem gelben FDP-Lastenrad durch die Goethestraße, Geschenktütchen und Gummibärchen verteilt. Versucht, abgehetzten Anzugträgern die FDP schmackhaft zu machen – morgens, um 7.45 Uhr. „Lief nicht so geil heute“, resümiert Föst. Er sitzt jetzt im Café Münchner Freiheit. „Gestern war’s besser.“

Warum tut er sich das an? Vielleicht treiben ihn die dreißig Weißwürste an. Er hat eine Wette am Laufen, dass er das beste Ergebnis für die FDP holt – in ganz Bayern. Föst lacht, sagt dann: „Ne, im Ernst. Ich will die Zukunft für 80 Millionen Menschen besser machen. Megageil!“

Föst, der mal Möbel verkaufte und sonst Kleinunternehmer berät, hat ein „Sabbatical“ genommen für den Wahlkampf. Er steht jetzt auf Listenplatz eins und wird in den Bundestag einziehen – mit ihm die FDP. „Außer es passiert noch was, ein Anschlag, dann kann sich alles ändern“, sagt Föst. Er habe gerade einen Thriller gelesen, „Blackout“ – Untertitel: Morgen ist es zu spät. Ein Stromausfall legt Europa lahm. „Spannend und sehr authentisch“, sagt Föst, der in einem Dorf in der fränkischen Rhön aufgewachsen ist.

Die Digitalisierung will er dennoch vorantreiben, da folgt er Christian Lindner. Der sei übrigens „ein geiler Typ“: „nahbar“ und „klar in der Botschaft“. „Er hat es geschafft, die FDP auf den Kern zurückzubringen, wir eiern nicht mehr rum.“

Dabei wollte Föst schon hinschmeißen, 2013. Föst war Chef der Münchner FDP, hatte „die Schnauze voll“. Dann packte ihn der Kampfgeist. Überraschend wurde er Generalsekretär der Bayern-FDP. Seine Themen? Wohnungen bauen, Kita-Zeiten ausweiten, Bildung verbessern. Alles was einen Familienvater eben angehe. „Ich komme aus der Mitte der Gesellschaft – und werde sie vertreten.“ Die Familie sei wichtiger als alles andere, sagt Föst. Und: „Politik muss Spaß machen. Wenn ich keinen Spaß mehr habe, höre ich auf.“

Petr Bystron (AfD): Der Umstrittene

Petr Bystron (AfD) wird sehr sicher in den Bundestag einziehen.

Er ist damals mit Pass nach Deutschland gekommen. „So wie es sich gehört“, sagt Petr Bystron (44). Als 16-Jähriger war er mit seinen Eltern aus der Tschechoslowakei geflohen. Heute, „als echter Asylant“, macht er in München Stimmung gegen „unkontrollierte Massenzuwanderung“ und mehr: Linksradikalismus, islamistischen Terror, Rundfunkgebühren, die Russland-Sanktionen.

Bystron will in den Bundestag. Für einige ist er einer, der weit rechts außen steht – er selbst nennt sich „liberal-konservativ“. Bystron provoziert gern. Auf den Wahlplakaten schaut er ernst, im Gespräch lacht er viel, auf Facebook formuliert er scharf, warnt vor der „Selbstzerstörung unseres Staates und Volkes“. Im Landesverband, den Bystron seit zwei Jahren führt, ist er umstritten: Als es um die Verteilung der Listenplätze ging, waren Kollegen unter anderem wegen fragwürdiger Berührungspunkte mit Rechtsextremen auf Distanz gegangen. Bystron bekundete Sympathie mit Aktionen der Identitären Bewegung, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Auch er wird nun beobachtet. Bystron sagt, er sei in „einen Fettnapf“ getreten, er werde in die Opferrolle gedrängt und zu unrecht in die rechte Ecke gestellt. Parteichefin Frauke Petry hat er unterstützt, als sie den Thüringer Rechtsaußen Björn Höcke aus der Partei werfen wollte. Fest steht: Unter Bystron ist die Partei nach rechts gerückt – auch wenn nicht alle 4000 Mitglieder Rechtspopulisten sind.

Studiert hat Bystron Ökonomie und internationale Beziehungen an der Hochschule für Politik in München. Bevor er 2013 zur AfD wechselte, war er FDP-Mitglied. Beruflich war Bystron als Berater selbstständig. In seinem Blog bezeichnet er sich als Politologen und Publizisten, zudem tritt er für den europakritischen Sender „Russia Today Deutschland“ als Experte auf. Bystron hat sich auch schon als hauptberuflichen „Politiker“ führen lassen.

Das Direktmandat gewinnt Petr Bystron ziemlich sicher nicht. Über die Liste aber – Platz 4 – wird er ziemlich sicher einziehen in den Bundestag.

Weitere Kandidaten

Seit September 2013 ist die gebürtige Bremerin Doris Wagner (54, Grüne) Bundestagsabgeordnete. Die gelernte Übersetzerin und Textilbetriebswirtin widmet sich vor allem den Themen Rüstung und der gemeinsamen Verteidigungspolitik der EU. Sie kritisiert die Rüstungsexporte der Bundesrepublik. „Seit 2000 hat sich der deutsche Rüstungsexport verdreifacht“, bemängelt Wagner. Sie fordert ein Rüstungsexportkontrollgesetz. Außerdem setzt sie sich für Frauenrechte ein.

Der Musikwissenschaftler Ates Güpinar (32, Die Linke) will auf die teuren Mieten aufmerksam machen. Er fordert bezahlbaren Wohnraum statt Luxusimmobilien – und lehnt die Zweite Stammstrecke ab. Er will einen Ausbau des Südrings. Wichtig sei ihm Gerechtigkeit. „Ich setze mich ein für den gleichberechtigten Zugang zu Bildung, für eine friedliche Welt und für eine Gesellschaft, in der alle Menschen von ihrem Einkommen gut leben können.“

Das sind die Münchner Bundestags-Kandidaten

Der 73-jährige Horst-Engler-Hamm (Freie Wähler) ist Zahnarzt – seine politische Karriere begann er als Stadtrat in Bad Wörishofen. Elf Jahre war er zudem Konsul für Nicaragua. Als Blogger schreibt er für die Huffington Post. Er setzt sich für die deutsch-europäischen Beziehungen ein. „Wir brauchen immer gesunden Menschenverstand, keine Parteipolitik.“

Tobias Ruff (40) geht in die Natur, wenn er nachdenken will. Der Forstwissenschaftler hat sich auf Gewässerökologie spezialisiert. „Wir müssen die Fehlentscheidungen der letzten Jahre korrigieren“, sagt er. Bei der ÖDP kämpft er für den Erhalt von Grünflachen. „Mit hoher Lebensqualität, großer Wirtschaftskraft und geringer Arbeitslosigkeit wird die Stadt weiterhin tausende Menschen anziehen.“

Der 45-jährige Holger van Lengerich fordert wirksamere Mittel gegen die rasant steigenden Mieten als Mietpreisbremse oder Erhaltungssatzungen. Für die Piraten will er in Berlin dafür sorgen, den Münchner Nahverkehr auszubauen –„um bessere Alternativen für den Individualverkehr zu schaffen“.

Stephan Mannseicher (32) von der Bayernpartei hat das Thema „Bezahlbarer Wohnraum“ im Blick. Aber der Kaufmann greift auch konservative Themen auf – Innere Sicherheit, Verringerung der Staatsschulden, Altersarmut und die Unterstützung von Familien mit Kindern. Auch der Naturschutz ist ihm offenbar wichtig: „In München brauchen wir dringend einen S-Bahn-Ring, um die CO2- und Verkehrsbelastung in der Stadt zu reduzieren.

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