Bundestagswahl 2017

Wahlkreis München-West: Das sind ihre Direktkandidaten für den Bundestag

+

Am 24. September ist Bundestagswahl. 923.820 Münchner sind aufgerufen, in vier Wahlkreisen ihre Stimmen abzugeben. Doch wen mit der Erststimme wählen? In einer Serie stellen wir die Direktkandidaten vor. Heute: Der Wahlkreis 220 München-West.

Alle Kandidaten: Sie wollen für München in den Bundestag

München - Eines gilt schon vor der Wahl als sicher: Ein neues Gesicht wird das Direktmandat im Münchner Westen erringen. Denn der ehemalige Kreisverwaltungsreferent Hans-Peter Uhl (CSU) tritt nicht mehr an. Gemeinhin sind die Chancen besser, sogenannte Open Seats („Offene Sitze“) zu erringen, denn ein Amtsinhaber mag es leichter haben, sein Mandat zu verteidigen, da er bekannter ist. Nun steigen also zumindest bei den beiden großen Parteien mehr oder weniger Unbekannte in den Ring: Stephan Pilsinger (CSU) und Bernhard Goodwin (SPD). Wobei Pilsinger wohl doch etwas mehr verlieren kann. Denn der Wahlkreis ist seit 1976 in der Hand der Union. 

2013 hat Hans-Peter Uhl 42,6 Prozent geholt, SPD-Herausforderer Roland Fischer kam auf 28,6 Prozent, der Grünen-Kandidat Dieter Janecek auf 13,1. Letzterer wiederum ist ein bekanntes Gesicht. Janecek hatte 2013 über die Liste den Einzug ins Parlament geschafft. Und auch heuer stehen seine Chancen dafür nicht so schlecht. Einzig der SPD-Kandidat Goodwin ist zum Siegen verdammt. Über einen Listenplatz wird er nicht einziehen können, das gilt mit Platz 43 selbst bei grenzenlosen Optimisten unter den Genossen als unwahrscheinlich. 

Bei den kleineren Parteien stehen viele Fragezeichen, denn auch hier treten mehr oder weniger Unbekannte an. Daniel Volk hatte 2013 für die FDP noch vier Prozent der Erst-, und immerhin 7,4 der Zweitstimmen erreicht – bei einem für die Liberalen insgesamt doch desaströsen Wahlergebnis. Daran wird sich der Laimer Lukas Köhler messen lassen müssen, der zudem als Spitzenkandidat der bayerischen Julis antritt. Neben der Kandidatur im Wahlkreis München-West/Mitte steht er zugleich auch auf Platz sechs der FDP-Landesliste.

Für die Linken strebt Dominik Lehmann das Mandat an, Vorgängerin Nicole Fritsche hatte 2013 4,1 Prozent der Erst- und 4,8 Prozent der Zweitstimmen geholt. Für Überraschungen kann AfD-Kandidat Bernhard Zimniok sorgen. Die Alternative war 2013 ohne Direktkandidaten angetreten, hatte aber immerhin 4,2 Prozent der Zweitstimmen geholt.

(Hier fassen wir alles zusammen, was Sie über die Bundestagswahl 2017 wissen müssen.)

DIETER JANECEK (GRÜNE)

DIETER JANECEK (GRÜNE).

Kürzlich war Dieter Janecek (41) mal wieder in Kopenhagen – zwischen den zahlreichen Terminen seiner Bayern- Wahlkampftournee. Die dänische Hauptstadt ist für ihn Vorbild in Sachen Radverkehr. 60 Prozent der Verkehrsteilnehmer sind hier mit dem Radl unterwegs. Für München gibt es noch keine aktuellen Zahlen, die letzte Erhebung ist von 2011. Damals schätzte man den Anteil der Räder am Verkehr auf 17 Prozent. Problemlos, glaubt Janecek, könne er binnen fünf Jahren verdoppelt werden. München habe die Verkehrswende verschlafen. Eine der zentralen Ansagen im Wahlkampf des Umweltpolitikers lautet: „Weniger Platz für Autos.“ Eine unpopuläre Forderung, könnte man meinen. Doch Janecek versichert: „Bei all meinen Veranstaltungen bekomme ich dafür viel Applaus.“ Beim Bau von Radschnellwegen von der Peripherie ins Zentrum der Stadt sei München weit hinterher. Unlängst hat Janecek auch eine City-Maut angeregt. Der Grüne fordert viel mehr Maßnahmen für bessere Luft, als die Große Koalition seiner Meinung nach zu unternehmen bereit ist. „Wir sind der kranke Mann Europas beim Thema Klimaschutz“, sagt er. Und setzt noch eins drauf: „Alle drücken sich vor der Wahrheit: Es wird Fahrverbote geben.“ Die Umfragen sahen die Grünen zuletzt auf konstant eher niedrigem Niveau. Janecek weiß um den Auftrag seiner Partei im Wahlkampf- Endspurt: „Wir müssen klarmachen, dass wir relevant sind.

Sieben bis acht Prozent auf Bundesebene reichen mir nicht.“ Janeceks Wahlkreis ist für die Grünen immerhin eine Hochburg. 15,6 Prozent Zweitstimmen erreichte die Öko-Partei 2013, bei den Erststimmen kam Janecek auf 13,1 Prozent und zog in den Bundestag ein. Beide Ergebnisse würden ihn diesmal nicht zufriedenstellen. Manche trauen dem Parade-Realo durchaus zu, den Kandidaten der großen Parteien auf die Pelle rücken zu können. Stephan Pilsinger (CSU) und Bernhard Goodwin (SPD) sind eher unbeschriebene Blätter. Janecek aber konnte während der vergangenen Legislaturperiode an Profil gewinnen. Er habe das Gefühl, das Rennen in seinem Wahlkreis werde als Dreikampf wahrgenommen. „Ein gutes Ergebnis der Grünen wäre ein starkes Signal.“ Janecek, das weiß man, ist der Merkel-Union wesentlich näher als einer Seehofer-CSU.

„Schwarz-Grün ohne CSU wäre leichter vorstellbar“, sagt er. Sein Lieblingsfeind ist Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt: „Dieses Ressort muss man der CSU entreißen. Was Dobrindt aufführt, ist ein Skandal. Ein Lobbyist erster Schule.“ Dass die Große Koalition nicht weitergeführt werden sollte, steht für Janecek fest: „Die GroKo lähmt das Parlament.“ Am liebsten wäre ihm Rot-Grün, aber er weiß, dass das illusorisch ist. Schwarz-Gelb wäre nach Meinung die schlimmste aller denkbaren Optionen: „Das wäre ein kompletter Rückwärtsschritt.“ Janecek, der Realo, scheut sich auch nicht, in der Flüchtlingspolitik Dinge anzusprechen, die nicht ganz auf Parteilinie sind. Ja, es gebe berechtigte Ängste der Bürger vor Zuwanderung, sagt er. Und es bringe auch nichts, die AfD auszugrenzen. Man müsse sich

mit der Partei beschäftigen – deren Basis bestehe nicht nur aus Rassisten. Janecek hat im Übrigen auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszustroms im Herbst 2015 nicht nur geredet, sondern auch gehandelt. In seiner Wohnung in Berlin nahm er eine Familie aus Syrien auf. Für ihn nichts Besonderes.

BERNHARD GOODWIN (SPD)

BERNHARD GOODWIN (SPD).

Bei Christian Ude hat er offenbar nicht genug genervt. Bernhard Goodwin hatte den damaligen OB mal interviewt, als junger Radioreporter. Allerdings war ihm hinterher aufgefallen, dass sein Aufnahmegerät den Dienst verweigert hatte. „Ich habe dann im OB-Büro anfragen lassen, ob er noch mal mit mir redet“, erzählt Goodwin. Nein, hieß es. Der OB habe zu viele Termine. „Heute redet Christian Ude aber wieder mit mir“, sagt Goodwin und lacht. Jetzt will Bernhard Goodwin, 38, dunkle Haare, Kinn- und Oberlippenbart, in den Bundestag und dort nerven. „Sehr freundlich und nachhaltig. Das ist etwas, das ich gut kann“, sagt er. Mit 17 Jahren ist Goodwin in Stuttgart in die SPD eingetreten. „Ich wollte schon immer mitgestalten.“ Aber es sei von Anfang nicht die Karrieregeschichte gewesen, auch wenn in der Abizeitung über den gebürtigen Schwaben steht, er werde mal Bundeskanzler. „So wie das vermutlich über jeden in der Abizeitung steht, der sich schon früh politisch engagiert hat“, sagt Goodwin. Bundeskanzler und den Berufspolitiker hat er für sich dennoch zunächst ausgeschlossen. 

Er studierte Kommunikationswissenschaften, Informatik, Psychologie und Recht. „Ich habe gemerkt, dass ich sehr vielfältig interessiert bin. Und wenn ich in die Verlegenheit komme, doch in die Politik zu gehen, dann wollte ich etwas im Rücken haben.“ In die Verlegenheit könnte er Ende September kommen, wenngleich es auch kein Geheimnis ist, dass er nur Außenseiterchancen hat im tiefschwarzen Münchner Westen. Große Lust hätte er gleichwohl, jene in Berlin zu nerven, „die München nerven“, sagt er. „Wohlgemerkt: freundlich!“ Da müsste sich beispielsweise Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) das ein oder andere anhören. „Es geht einfach nicht, wenn er meint, er müsse in München die Grundstücke für den Wohnungsbau hochpreisig veräußern.“ Das sei vor allem im Bahnbereich passiert. „Vor Kurzem hat mich eine Genossenschaft angeschrieben, von der das Ministerium den Realpreis für ein Grundstück haben wollte. Doch das ist unrealistisch, denn die wollen dort ja günstigen Wohnraum schaffen.“ Und das ist auch schon das Steckenpferd des 38-Jährigen, der Kampf um bezahlbaren Wohnraum. Den könne man nur in Berlin führen. „In der Kommunalpolitik sind die Steuerungsmöglichkeiten bei diesem Thema beschränkt.“ Das gilt auch für den ÖPNV, für dessen Ausbau in München Goodwin sich engagieren will. Denn in Berlin gibt es die Fördergelder. Und dort müsse sich die Grundlage der Berechnung ändern. „Wir haben in München einen anderen Mechanismus. In den letzten zehn Jahren hatte München einen Bevölkerungszuwachs, der zweimal Ulm entspricht. Das muss einfließen, wenn es um die Verteilung von Geldern geht.“ Dafür will sich Goodwin einsetzen. Und freundlich nerven.

STEPHAN PILSINGER (CSU)

Ein Vormittag reiche nicht aus, um über all jene Themen zu sprechen, die er angehen will, sagt Stephan Pilsinger. Der CSU-Mann peilt im Westen das Direktmandat an. Er tritt in große Fußstapfen. Hans-Peter Uhl hat den Wahlkreis seit 1998 stets gewonnen. Und auch zuvor war der Westen über 20 Jahre tief schwarz. Doch anders als Uhl oder dessen Vorgänger Kurt Faltlhauser will Pilsinger mit Gesundheitsthemen punkten. 

STEPHAN PILSINGER (CSU)

Pilsinger, 30, Hornbrille, gegelte Haare, wurde der Westen in die Wiege gelegt: in Pasing geboren, in Obermenzing aufgewachsen, in Neuhausen zur Schule gegangen. Vater Arzt, Mutter Krankenschwester – der Werdegang schien vorgezeichnet. „Mein Vater hat mir aber eher abgeraten, Arzt zu werden“, erzählt Pilsinger. Der Beruf sei nicht mehr so wie früher. Gehört hat er nicht auf den Papa. Er studierte Medizin, arbeitet als Arzt in einem kommunalen Krankenhaus. Eigentlich war alles klar. „Ich habe gedacht, ich mache eine Hausarztpraxis auf.“ Doch es kam bekanntlich anders. Als Uhl erklärte, er werde nicht mehr antreten, war das Mandat frei. „Und ich habe im Gesundheits- und Pflegewesen Erfahrungen gemacht, wo ich sage, da muss man etwas ändern.“ Und das geht eben nur in Berlin. Absicht sei es keine gewesen, beteuert Pilsinger. „Politik war immer ein Hobby von mir.“ Dazu kam es, weil er dann doch mal auf seine Eltern gehört hat. Auf die Mama. „Wir haben schon viel über Politik gesprochen. Und sie hat mir gesagt, du musst immer dafür sorgen, dass du das Gefühl hast, dass du was verbesserst. Man darf nie sagen, man kann ohnehin nichts ändern.“ Eintritt in die Junge Union mit 15, Vorsitzender der JU, für die CSU im Bezirksausschuss, Vorsitzender CSU in Obermenzing: Der Sprung in den Bundestag ist ein gewaltiger. „Aber wenn du im Leben diese Chance bekommst, etwas zu ändern, dann darfst du sie auch nicht verstreichen lassen“, sagt Pilsinger. Ändern will er beispielsweise die Bezahlung für Pflegekräfte. „Wir werden in den nächsten Jahren 15 Prozent mehr Pflegebedürftige haben, aber die Pflegekräfte gehen lieber aufs Land, weil die Stadt zu teuer ist.“ Also müsse man schauen, dass diese Arbeiter in München besser bezahlt werden und leichter an Wohnungen kommen. 

Pilsinger will sich für den Abbau der Bürokratie in der Medizin einsetzen, die Kompetenzen der Pflegekräfte stärken, sich um die Einführung der Gesundheitskarte kümmern. „Es ist doch paradox, dass wir es nicht schaffen, auf einer Chipkarte die letzten drei Krankenbriefe abzuspeichern. Nur die Medikamente und die Diagnose.“ Das würde gerade bei älteren Patienten oft die Arbeit erleichtern. Pilsinger weiß, dass es große Herausforderungen sind. Und er sagt deshalb auch, wenn er merke dass er nichts bewegen kann, dann gehe er auch wieder, dann höre er auf. „Ich gehe nicht in die Politik, um was zu träumen. Ich will etwas verbessern.“

LUKAS KÖHLER (FDP)

LUKAS KÖHLER (FDP).

Der Laimer Lukas Köhler (31, FDP) steht für ein zentrales Wort seiner Partei: Freiheit. 1001 und Chancen gebe es auf der Welt. Und er selbst möchte nun die Chance nutzen, als Spitzenkandidat der bayerischen Jungliberalen in den Bundestag zu ziehen. Besonderen Fokus legt der Landesvorsitzende auf die jungen Menschen: „Wir müsen Jugendlichen zeigen, dass sie nicht ohnmächtig sind gegenüber Politik und Wirtschaft.“

DOMINIK LEHMANN (DIE LINKE)

Der 34-jährige Bundestagskandidat Dominik Lehmann (Die Linke) schätzt an seinem Wohnort im Münchner Westend sehr, dass es weltoffen ist. Doch die explodierenden Immobilienpreise verändern das Gesicht dieses Viertels, das ehemals von einfachen Arbeitern geprägt wurde. Deshalb sind die Münchner Mietpreise eines seiner zentralen Themen, auch wenn er nach Berlin in den Bundestag gewählt werden würde.

BERNHARD ZIMNIOK (AFD)

Der 67-jährige Bernhard Zimniok (AfD) schätzt an seinem Viertel Allach- Untermenzing besonders den Gartencharakter mit seinen dörflichen Elementen, die Würm und die Randlage. Der frühere Offizier, Diplomat – unter anderem in Syrien und Pakistan – und Geschäftsführer ist verheiratet. Für ihn ist vor allem die Flüchtlingspolitik ein wichtiges Thema für Berlin.

LUDWIG GEBHARD (FREIE WÄHLER)

Ludwig Gebhard (Freie Wähler) ist schon in dritter Generation Münchner, und daher ist ihm seine Heimatstadt ein besonderes Anliegen. Seine politischen Schwerpunkte sind die Innere Sicherheit, die Steuervereinfachung, die Kirche und Jugendförderprogramme.

ANDREAS KLAUKE (ÖDP)

ANDREAS KLAUKE (ÖDP).

Andreas Klauke (50, ÖDP), Bundestagskandidat mit ökologischen Schwerpunkten, setzt sich mit Künstlern aus dem Münchner Arbeiterviertel Schlachthof/Großmarkt für die Abschaltung des Steinkohlekraftwerks und für gerechtes und sozialverträgliches Wohnen ein.

DIETMAR HÖLSCHER (PIRATENPARTEI)

Der 50-jährige Projektleiter Dietmar Hölscher aus Freimann ist seit November Vorsitzender der Piratenpartei in Bayern. Auch für ihn sind die hohen Mieten in München eines der drängendsten Probleme, welchem er in Berlin Gehör verschaffen will.

NORBERT SEIDL (BAYERNPARTEI)

Der Untermenzinger Norbert Seidl (Bayernpartei, 53) ist trotz seiner Parteizugehörigkeit ein Freund themenbezogener, überparteilicher Bündnisse. „Sie sind ein wirksames Mittel, um die Krise der Unglaubwürdigkeit der lobbyhörigen Regierung zu beenden“, sagt Seidl.

Lesen Sie auch: 

Wahlkreis München-Süd: Das sind die Direktkandidaten für die Bundestagswahl

Wahlkreis Nord: Das sind die Bundestagskandidaten im Münchner Norden

München-Ost: Das sind die Kandidaten für die Bundestagswahl 

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Mann suchte Kontakt zu Pädophilen - „Abartiges Material“ schockiert Ermittler
Mann suchte Kontakt zu Pädophilen - „Abartiges Material“ schockiert Ermittler
Die Stadt München plant Verdopplung der Parkgebühren
Die Stadt München plant Verdopplung der Parkgebühren
Wer hat Pablo „ins Auto gelockt“? Neue Bilder des vermissten Jack Russells
Wer hat Pablo „ins Auto gelockt“? Neue Bilder des vermissten Jack Russells
Polizei auf Oktoberfest: Italiener sind gar nicht so schlimm
Polizei auf Oktoberfest: Italiener sind gar nicht so schlimm

Kommentare