Klimaschutz ist nicht ihr Schwerpunkt

„Nichts tun ist keine Option“: Grünen-Rebellin verrät ihre Pläne als Münchner Bundestagskandidatin

Vaniessa Rashid (Grüne) kämpft um das Direktmandat im Münchner Osten.
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Vaniessa Rashid (Grüne) kämpft um das Direktmandat im Münchner Osten.

Wir stellen die Münchner Kandidaten zur Bundestagswahl vor. Heute: Vaniessa Rashid von den Grünen, die im Münchner Osten um das Direktmandat kämpft.

München - Das Handy am Ohr, kommt Vaniessa ­Rashid am Treffpunkt an, noch kurz eine Absprache für die nächste Wahlkampfveranstaltung machen. „So kurz vor der Wahl ist der Terminkalender ganz schön voll“, sagt sie. Dann stellt sie sich vor, selbstbewusst und mit breitem Lächeln.

Die 30-Jährige ist seit 2013 Mitglied der Grünen und kandidiert bei der Bundestagswahl am 26. September für das Direktmandat im Münchner* Osten. Der Wahlkreis ist seit 1976 traditionell in Hand der CSU – gerade liegt aber Rashid in Umfragen vorn.

Vaniessa Rashid: „Ich versuche, die vielen Migrantinnen und Migranten zu mobilisieren“

Zu gewinnen, „das wäre schon was – da kommt die Migrantin und räumt ab“, sagt sie und lacht. Ihre Taktik: „Ich versuche, die vielen Migrantinnen und Migranten zu mobilisieren, die hier leben.“ Tatsächlich sind Ramersdorf* und Perlach* die Stadtteile mit dem höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. „Denen hat bisher eine Repräsentationsfigur gefehlt“, findet Rashid. Und die will sie sein. Dafür macht die gebürtige Kurdin Haustürwahlkampf in ihrem Viertel, druckt Flyer in verschiedenen Sprachen. In Rashids Biografie findet man die thematischen Schwerpunkte wieder, die sie sich setzt und für die sie kämpfen möchte: Integration, Kinder- und Jugendrechte, Anti-Rassismus, Frauenrechte.

Sie selbst hat als Kind die Erfahrung der Flucht machen müssen, noch heute rühren die Erinnerung daran sie zu Tränen: Im Nord­irak geboren, floh sie 1994 als Dreijährige mit ihrer jüngeren Schwester und Mutter. Nach drei Jahren zu Fuß unterwegs kamen sie in München an – und fanden hier eine Heimat.

Dann wurde die Mutter krank und der Vater gewalttätig – mit 13 zeigt sie ihn an. Kinder- und Jugendrechte liegen ihr daher am Herzen, sie setzt sich für das Wahlrecht ab 16 ein. „Die Politik interessiert sich viel zu wenig für Kinder, einfach weil die nicht wählen können und so keine Zielgruppe sind.“

Vaniessa ­Rashid (Grüne): Der Weg zur SPD wäre naheliegender gewesen

Der Weg der 30-Jährigen zu den Grünen ist alles andere als gerade. Eigentlich wäre der Weg zur SPD naheliegender gewesen, ihre Mutter ist dort langjähriges Mitglied. Aber in eine Partei einzutreten war nie Vaniessas Plan. Viel zu eng, dachte sie, seien die Partei-Schranken. Als Aktivistin könne man mehr bewegen. So wurde sie schon früh aktiv und gründete mit 16 zusammen mit ihrer Mutter eine kurdische Frauengruppe, engagierte sich bei der Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen und bei der Münchner Freiwilligenmesse. Als 2015 die Geflüchteten am Hauptbahnhof ankamen, war sie eine der Ersten, die Hilfe organisierte.

Durch ein Praktikum im April 2013 landet Rashid dann aber bei den Grünen. Unter Margarete Bause macht sie ihre ersten Schritte auf dem politischen Parkett. Und sticht nun ausgerechnet ihre politische Mentorin Bause Jahre später bei der Wahl der Grünen um die Bundestagskandidatur aus – eine Stimme mehr bekam Rashid im März, jetzt kandidiert sie für den Bundestag. Rashid sieht das pragmatisch: „Ich wollte der Partei ein Angebot schaffen, eine Wahl zu haben“, sagt sie. Das „Angebot“ wurde angenommen.

Trotzdem: Bei den Grünen sei sie ein „Paradiesvogel“ – weil Klimaschutz nicht ihr Schwerpunkt sei. „Aber das mag ich bei den Grünen. Jeder hat seine eigenen Kompetenzen und das ist okay.“ Innerhalb der Partei könne man sie in die Realo-Ecke stecken. „Am Ende des Tages muss alles, was du willst, auch umsetzbar sein.“

Bundestagswahl 2021: „Nichts tun ist keine Option“ - Mantra der Grünen-Kandidatin als Tattoo

Und Rashid will viel. „Nichts tun ist keine Option“ hat sie sich auf ihr rechtes Handgelenk tätowieren lassen, „mein Mantra seit Jahren“. Direkt drüber: Ein Tattoo der Skyline von München. Auch den anderen Unterarm schmücken Tattoos. Ein Kompass, weil sie sich „auch als Weltbürgerin“ sieht und die Umrisse Kurdistans. Für sie kein Widerspruch: „Man kann patriotisch sein, ohne nationalistisch zu sein.“ Und ein Pfeil, der zeigt, dass es „straight“ vorwärts geht, „aufstehen, Krönchen richten“, sagt sie.

Rashid ist zielstrebig und angriffslustig. Das muss sie sein, denn mit Gegenwind müsse man umgehen können – egal ob der aus den eigenen Reihen oder dem Internet kommt. Gerade Hass-Kommentare in den sozialen Medien beschäftigen sie: „Zu behaupten, ich stehe komplett drüber, wäre gelogen.“ Aber sie kenne sich und wisse, wer sie ist – eine Kämpfernatur. L. Billina - Noch mehr Nachrichten aus München lesen Sie hier. Unser München-Newsletter informiert Sie rund um die anstehende Bundestagswahl über alle Entwicklungen und Ergebnisse aus der Isar-Metropole – und natürlich auch über alle anderen wichtigen Geschichten aus München. *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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