Bußgeldskandal um TV-Sender 9Live

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Das Gebäude der ProSiebenSat.1 Medien AG mit den Sendern Kabel eins, Sat.1, N24 und 9live 02.08.2007 in Unterföhring

München - Weil Münchner Kontreulleure Fristen verschlafen haben, sind 135.000 Euro futsch. Was bei 9Live beanstandet wurde und wie geschlampt wurde.

Seit eineinhalb Jahren dürfen Fernseh-Kontrolleure auch Strafen gegen Sender verhängen, wenn diese gegen Regeln für Gewinnspiele verstoßen. In dieser kurzen Zeit hat es das Quiz-Programm 9Live mit Sitz in Unterföhring zu 28 Bußgeldern gebracht – in Höhe von 358 000 Euro. Rekord! Gezahlt hat 9Live bislang nicht einen einzigen Cent, aber das ist noch nicht der Skandal …

Der Sender muss nämlich einen Großteil gar nicht mehr zahlen: Bayerns TV-Kontrolleure haben in fünf Fällen Fristen verpennt, deswegen kann sich 9Live jetzt 115 000 Euro sparen! Der Betrag wäre der Staatskasse und so dem Steuerzahler zugute gekommen. „Bußgeld-Skandal“, protestiert die SPD im Landtag, und die Grünen poltern:

„Schlamperei“. Die Opposition fordert Aufklärung von Ober-Kontrolleur Wolf-Dieter Ring! Die Rechtsaufsicht des Wissenschaftsministeriums sei eingeschaltet, sagte eine Sprecherin auf Anfrage der tz, und drohe mit Konsequenzen. Das Branchenblatt Funkkorres­pondenz hat die Affäre ins Rollen gebracht. Gegenüber der tz erklärte die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) in München ihr Versagen so: Am 23. Februar hat die zuständige Kommission das Bußgeld von 115 000 Euro verhängt. Weil der Quiz-Sender die Zahlung verweigerte, musste die BLM die Fälle fristgerecht an die Staatsanwaltschaft weiterleiten, damit die das Geld über das Amtsgericht eintreibt. Der zuständige Jurist der 12-köpfigen Rechtsabteilung bearbeitete nach BLM-Darstellung die Papiere tatsächlich und legte sie dem Chef-Juristen zur Prüfung ins Fach. Die Fälle hätten bis Sonntag, 11. April, bei der Staatsanwaltschaft sein müssen – dem letzten Tag der Osterferien. Dass der Abteilungsleiter bis Montag, 12. April, urlaubte und die Papiere geduldig warteten, fiel niemandem auf …

Die Kontrolleure versuchten noch zu retten, was nicht mehr zu retten war, und übergaben den Ermittlern die Fälle am Dienstag, 13. April. Bei 9Live konnte man das Glück kaum fassen, als deren Advokat nach Akteneinsicht die Verjährung erkannte. Und der Steuerzahler schaut in die Röhre! Der TV-Gebührenzahler auch: Der finanziert die BLM nämlich mit zwei Prozent ­seiner TV-Abgaben – heuer macht das 22,5 Millionen ­Euro!

Doch die 9Live-Fälle markieren noch nicht das Ende der Affäre. In zwei weiteren Fällen profitierten die Verantwortlichen des in Ismaning sitzenden Senders Sport 1, der bis April DSF hieß. Auch da legte das Sportprogramm Einspruch ein, die Begründung wollte man nachreichen. Die Tage vergingen, die Frist auch, das Bußgeld wurde hinfällig. Die Panne fiel bei der BLM erst auf, als das Sport 1-Schreiben irgendwann eintrudelte. Schaden: 20 000 Euro – macht insgesamt 135 000 Euro.

Die Kontrolleure geben sich peinlich berührt. „Man geht davon aus, dass auch die anderen sich an die Fristen halten“, sagt BLM-Sprecher Wolfgang Flieger der tz. „Aber das darf nicht passieren. Da gibt es nichts zu entschuldigen.“ Jetzt würden Termine doppelt überwacht.

Eine Milliarde - wieviel ist das?

Eine Milliarde - wieviel ist das? © 
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AMEISEN: Auf einem Ameisenhügel tummeln sich im Schnitt eine Million fleißige Insekten. © dpa
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Tausend Haufen ergeben also eine Milliarde Ameisen. © 
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LOTTO: Angenommen, Sie würden jede Woche eine Million Euro im Lotto gewinnen ... © dpa
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Sie bräuchten 19 Jahre und 12 Wochen, um die Gewinnsumme von insgesamt einer Milliarde Euro zu erreichen. © dpa
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ERDE: Wie sah es vor einer Milliarde Jahren auf der Erde aus? Unser Planet hat schon etwa 3,5 Milliarden Jahre auf dem Buckel. © dpa
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Es gibt bereits Meere und Land. Die Sonne hat noch nicht die volle Leistung errreicht, doch sind alle Bedingungen für die Entstehung des Lebens erfüllt. Erste primitive Lebewesen entstehen. © dpa
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SONNE: Und wie ist die Lage in einer Milliarde Jahren auf der Erde? Die Leuchtkraft der Sonne nimmt zu, deshalb wird es auf unserem Globus so heiß, dass die Ozeane zu kochen beginnen. © dpa
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Die letzte Phase der belebten Erde wird eingeläutet! Vier Milliarden Jahre später bläht sich die Sonne zum Riesenstern auf und ein Ozean aus Lava bildet sich auf der Erde, der alle Zeugnisse einstigen Lebens vernichten wird. © dpa
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SPERMIEN: Um eine Milliarde Spermien zu produzieren, muss ein Mann nur 3,5 Mal zum Samenerguss kommen! © dpa
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Im Durchschnitt enthält ein männliches Ejakulat nämlich 300 Millionen Spermien. © dpa
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GELDSCHEINE: Nimmt man 100-Euro-Scheine und stapelt die Summe von einer Milliarde übereinander ergäbe dies eine Höhe von einem Kilometer. © dpa
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Eine Milliarde Euro in 500-Euro-Scheinen würden 2,4 Tonnen wiegen – etwa so viel wie eine afrikanische Elefantendame. Stapelt man sie als Zwei-Euro-Stücke übereinander, müsste man einen 975 Kilometer hohen Turm bauen. © dpa
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HAARE: Jeder Mensch hat durchschnittlich 100 000 Haare auf dem Kopf. Man bräuchte also eine Ansammlung von 10 000 Leuten um eine Milliarde Kopfhaare zusammenzubekommen ... © dpa
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... vorausgesetzt, alle haben welche! © dpa
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BÄUME: Ein Achtel der Wälder in Deutschland – das ergibt eine Milliarde Bäume. © dpa
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Laut Bundeswaldinventur gibt es insgesamt 8,7 Milliarden Bäume. © dpa
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WANDERHEUSCHRECKEN: Regelmäßig suchen Schwärme von Wanderheuschrecken den Norden Afrikas heim. © dpa
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Bei der Heuschreckenplage von 1988 bestanden die Schwärme zum Teil aus bis zu drei Milliarden Tieren! Sie besetzten damals eine Fläche dreimal so groß wie der Regierungsbezirk Oberbayern. © dpa
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GEMÄLDE: Wenn Sie eine Milliarde Euro investieren, können Sie sich eine Bildergalerie erkaufen! Das teuerste Gemälde der Welt, das je verkauft wurde, ist Jackson Pollocks (Foto) No. 5 (1948). Es wechselte 2006 für stolze 140 Millionen Dollar den Besitzer. © dpa
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Oder wie wäre es mit Gustav Klimts Adele Bloch-Bauer? Das Bild kostete 135 Millionen Dollar. © dpa
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OKTOBERFESTE: Das Oktoberfest lockt durchschnittlich sechs Millionen Besucher pro Jahr. © dpa
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Es bräuchte 167 mal Wiesn, um die Milliarde zu erreichen. © dpa
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ESSEN: Wer 3 203 178 Cheeseburger futtert, hat eine Milliarde Kalorien verdrückt. © dpa
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Und bei einem Kalorienverbrauch von 2000 am Tag könnte eine Frau 1370 Jahre von einer Milliarde Kalorien zehren. Oder 17 Frauen wären mit der geballten Eine-Milliarden-Energie ein Leben lang versorgt. © dpa
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ENTFERNUNG: Der Planet Jupiter ist etwa eine Milliarde Kilometer von unserer Erde entfernt. © dpa
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Zum Vergleich: Würde man 25 000 Mal um die Erde fahren, hätte man eine Milliarde Kilometer zurückgelegt. © dpa
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WETTEN, DASS...?: Wahre Wetten, dass..?-Fans träumen vielleicht davon, eine Milliarde Minuten den Witzen von Thomas Gottschalk zu folgen. © dpa
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Das entspricht etwa 6,7 Millionen Sendungen. Um sie alle anzuschauen, würde man 1902,5 Jahre benötigen. © dpa
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FUSSBALLER: Welcher Fußball-Traum-Kader könnte man aus den teuersten Spielern der Welt für eine Milliarde Euro aufstellen? Den Spitzenrekord in Sachen Ablösesumme hält der französische Mittelfeldstürmer Zinédine Zidane, für den Real Madrid 2001 75 Millionen Euro hinlegte. © dpa
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Man könnte sich 13-mal den Superkicker leisten und hätte eine komplette Elf plus zwei hochkarätige Ersatzspieler! © dpa

Wenig Jubel gab es auch bei der übergeordneten Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK) in Stuttgart, die das Bußgeld festgelegt hatte. Schließlich torpedieren die laxen bayerischen Kollegen den Auftrag, Mauscheleien bei Gewinnspielen von der Mattscheibe zu verbannen. Bei den 9Live-Fällen aus der ersten Hälfte von 2009 seien Sendungen mit klingenden Namen wie Alles auf Rot, Brunch oder Der unfassbare Gewinn abgestraft worden, sagte Sprecher Axel Dürr der tz. Es sei um bekannte Maschen gegangen, die gegen die Gewinnspielsatzung verstoßen:

- „Allzu viel Zeit haben wir nicht mehr. Lange geht die Sendung nicht mehr“, habe es im Programm geheißen. Schnell sollten die Leute noch anrufen – doch das Programm gehe immer weiter …

- „Wählen sie sich ein, gleich kommt eine schnelle Runde.“ Dann gehe das Programm weiter …

- Außerdem sei beanstandet worden, dass der Sender die Einblendung verpasste, dass die Auflösung auch im Internet veröffentlicht werde. Damit will die Gewinnspielsatzung verhindern, dass der Sender bei der Lösung der Rätsel trickse.

Die Opposition im Landtag wundert die Schlamperei nicht. SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher nennt die BLM eine „Amigo-Truppe“, die gezielt wegsehe, statt ihrer Aufsicht nachzukommen. „Wenn die Privatsender nicht den Atem der Kontrolleure spüren, machen sie, was sie wollen“, sagte er der tz. Und die medienpolitische Sprecherin der Grünen, Ulrike Gote, ärgert sich, dass die BLM Lobby-Arbeit für die Privaten mache, statt die Verbraucher zu schützen. Einzig gelassen bleibt der Delinquent selbst. 9Live hält die Regelungen nämlich insgesamt für ungültig und lässt sie vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig prüfen. Natürlich halte man sich trotzdem daran: „Die Geschäftsführung von 9Live hat sichergestellt, dass die Vorgaben eingehalten werden“, lässt der Sender verlauten. Darum habe man ja auch Widerspruch gegen die Bußgelder eingelegt.

David Costanzo

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