Häftlinge verkaufen Telefonverträge für Sendlinger Firma

Call-Center im Knast!

München - Falls Sie dieser Tage einen Anruf bekommen sollten, in dem Ihnen der Wechsel zu einem privaten Münchner Telefonanbieter angeboten wird, kann es gut sein, dass sie mit einem Schwerverbrecher verbunden sind.

Denn: Die Firma MyPhone in Sendling bedient sich der Dienste eines Callcenters in dem österreichischen Gefängnis Graz-Karlau. Das Telefonmarketing von MyPhone ist übrigens reichlich umstritten.

Schon seit drei Jahren läuft der Modellversuch des österreichischen Justizministeriums in Karlau. Mit der Beschäftigung der Häftlinge will die österreichische Justiz gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. „Das Callcenter b ringt der Justizanstalt rund 40 000 Euro jährlich“, so der stellvertretende Gefängnischef Gerhard Plotho. Außerdem gehe es darum, die Häftlinge zu beschäftigen und auf das Leben nach dem Knast vorzubereiten.

Der Personalvertreter der Justizanstalt Graz Christian Sikora ist hingegen gar nicht einverstanden mit der Beschäftigungstherapie im Callcenter. Das rund 470 Häftlinge zählende Gefängnis suche für das 20-köpfige Callcenter-Team „Verkaufsgenies mit einschlägiger Erfahrung“ aus. Das seien dann just jene Insassen, die ohnehin schon wegen Betrügereien und Hochstapeleien im Knast sitzen.

Die Methoden, zu denen die Häftlinge bei ihren Telefonaten angehalten würden, seien fragwürdig. Kunden würden ohne Zustimmung angerufen, was in Deutschland und Österreich verboten sei. Sikora: „Die Telefonisten melden sich mit falschem Namen und deutscher Adresse. Die Kunden haben das Gefühl, mit der Deutschen Telekom zu sprechen.“

Das österreichische Justizministerium weist die Vorwürfe zurück. „Es werden nur Leute angerufen, die ihr Einverständnis gegeben haben“; so Ministeriumssprecher Thomas Geiblinger. „Die Telefonate werden ständig überwacht.“ Was im Gefängnis passiert, sei rechtlich einwandfrei. Geiblinger weiter: „Was außerhalb läuft, ist allerdings nicht mehr unsere Sache.“

Die Firma MyPhone ist bei den Verbraucherschutzorganisationen wohlbekannt. „Wir haben MyPhone wegen sechs Fällen abgemahnt“, so Susanne Novarra von der Verbraucherzentrale Berlin. „Die Daten der Angerufenen werden gern bei Preisausschreiben im Kleingedruckten gesammelt.“ Wenn am Telefon ein Vertrag verkauft wurde, komme zwar die Auftragsbestätigung per Post. „Die Widerufsbelehrung darauf ist aber so klein gedruckt, dass sie kaum jemand lesen kann.“ Auch bei der Münchner Verbraucherzentrale liegen rund 20 Beschwerden vor. Im Internet findet man auch zig Klagen über die Firma. Und was sagt MyPhone selbst? Trotz Anfrage war die Firma gestern zu keiner Stellungnahme bereit.

Quelle: tz

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