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Campino im Interview: Auf dem Weg nach München

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Campino.

München - Tote-Hosen-Sänger Campino gibt im tz-Interview exklusive Einblicke in das neue Album und verrät, dass er Deutschland für einen großen Bären hält.

30 Jahre haben sie auf dem Buckel, aber die Toten Hosen erscheinen frischer denn je. Ihr Album Ballast der Republik eroberte auf Anhieb Platz eins der Charts in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es wurde bereits vergoldet, ebenso wie die Single Tage wie diese. Und natürlich gehen die Hosen nach den Festivals auf große Tour. Am 1. Dezember kommen sie, präsentiert von der tz, in die Oly-Halle. Das Interview mit Sänger Campino:

Campino ist – wie der Rest der Band – ein großer Fußballfan. Während des Gesprächs wird er regelmäßig mit Spielergebnissen gefüttert, kehrt aber immer konzentriert zurück zum Gespräch…

Mit welchem Gefühl seid ihr an dieses Album herangegangen?

Campino: Vor zwei Jahren gab es halt diese Diskussion: Bald kommt die 30, machen wir uns vom Acker, lassen wir es über uns ergehen oder stellen wir uns der Sache? Wir beschlossen, uns zu stellen. Dann arbeitest du bis zu dem point of no return, an dem du entscheiden musst, alles hinzuschmeißen oder die Sache durchzuziehen. Vor einem Jahr hatten wir noch kein wirklich gutes Material, haben aber trotzdem gesagt, wir schaffen das. Wir haben bis zur letzten Sekunde geschwitzt und gearbeitet. Es war keine einfache Zeit und ein anstrengendes Jahr.

So klingt das Album eigentlich gar nicht ...

Campino: So soll es auch sein. Das ist es ja. Man durchschreitet verschiedene Phasen, ist frustriert. Man denkt, man wiederholt sich. Dann tritt man sich in den Hintern, um die Kurve zu kriegen und wieder über sich und das Leben lachen zu können.

So wirkt Musik auf unseren Körper

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Gibt das einen Schub, wenn man das hingekriegt hat?

Campino: Das ist auf jeden Fall eine Erlösung. So als ob du einen Waldlauf machst mit fünf Kilo Gewicht auf jeder Schulter, und dann darfst du diese fünf Kilo in die Ecke werfen und noch eine Runde drehen. Da hoppelst du wie ein Hase über den Platz. So geht es uns gerade.

Das Vorgängeralbum war recht hart, jetzt sind mehr Mitsingstücke drauf. Hat man da an die Fans gedacht?

Campino: Das ist eine Entscheidung für uns selbst. Beim letzten Album wollten wir zeigen, dass wir noch hart sind, und haben dabei die Melodien ein wenig vergessen. Aber es gibt dort draußen Tausende harte Bands, gut und schnell und laut. Wem müssen wir etwas beweisen? Das neue Album ist ein Versuch, uns zurückzubesinnen auf unsere Stärken und auf unsere Liebe zu Melodien. John Caffery, unser alter Produzent, nannte uns nie die Jungs von der Opelgang, sondern die Jungs von der Vocalgang. Wir hatten immer Spaß an Chören.

Auf „Reiß Dich los“ beschreibt ihr den Zustand, dass man nicht Ruhe geben kann. Woher dieser Drang?

Campino: Ich weiß gar nicht, ob der schön ist, aber es ist einfach eine Unruhe, die man immer hat und nicht loswird, selbst wenn alles perfekt inszeniert ist wie auf einer schönen Insel. Man kann das auch alles anerkennen, aber am Schluss sagt man doch: Schön und gut, aber das ist nicht meine Endstation. Die Unruhe, noch etwas entdecken zu wollen, loslaufen zu wollen und zu gucken: Gibt es nicht noch mehr, etwas anderes? Ich weiß nicht, ob das ein schönes Gefühl ist. Vielleicht ist es auch etwas Feines, irgendwann einmal zu sagen: Ich habe genug gesehen und bin zufrieden, hier mit meinen Freunden zu sitzen.

Das Album fängt mit „Ballast der Republik“ politisch an und wird zunehmend persönlich. War das Absicht?

Campino: Es ist immer eine Möglichkeit, mit einer Neuveröffentlichung eine Form von Tagebuch zu führen, was uns in den letzten Jahren für Gedanken durch den Kopf gegangen ist. Es wäre nicht richtig gewesen, ein rein politisches Album zu machen, denn dann würde ich vieles aus meiner Gefühlswelt nicht berichten können. Es ist schwer, heutzutage politische Lieder zu schreiben, weil die Ereignisse sich ständig überschlagen. Über das Internet wird abends schon diskutiert, was du morgens gesagt hast. Das war vor 20 Jahren anders. Es hat länger gedauert, bis Nachrichten sich verbreiteten. Da kannst du heute mit einem Lied sehr schnell ins Abseits geraten, wenn es auf Aktualität beruht. Trotzdem wäre es fatal für uns, jetzt ein Album nur mit Ich- und Du-Geschichten zu veröffentlichen.

„Ballast der Republik“ ist eine Art Bestandsaufnahme Deutschlands. Wo stehen wir heute?

Campino: Deutschland ist ein großer Bär, der seit einiger Zeit wieder bei Kräften ist und nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Deutschland muss sich noch zurechtzufinden in diesem Gerüst Europa und auch in der Welt. Wir machen noch recht unsichere Gehversuche mit unserer neuen Souveränität.

Deutschland in Europa, das Thema habt ihr auch in Zusammenhang mit illegalen Einwanderern gesetzt.

Campino: Ja, ich wundere mich, mit welcher Abgebrühtheit man täglich Meldungen hinnimmt über Flüchtlingsboote im Mittelmeer, die kentern oder zurückgeschickt werden. Man reagiert kaum noch darauf. Es ist den wenigsten Leuten klar, dass wir genauso verantwortlich dafür sind wie die italienischen Grenzbehörden, die diesen Job machen. Das ist eine europäische Abmachung, die wir alle, auch ich und du mit unterschrieben haben. Dass man das so abkoppelt, diese Verbindung nicht herstellt, finde ich erschütternd. Dieses Lied ist ein Versuch, ins Bewusstsein zu rufen, dass wir diese Festungspolitik mit verantworten.

Das Wechselspiel zwischen Privat und öffentlichem Leben thematisiert ihr im Stück „Das ist der Moment“, wo du zunächst dein Kind in die Schule bringst und später beim Festival auf der Bühne stehst. So nah an euren Alltag habt ihr die Fans selten kommen lassen.

Campino: Ich habe gedacht, dass die zweite Strophe über Rock am Ring und die Vorbereitungen auf das große Festival unerträglich wäre in ihrer Arroganz, wenn diese erste Strophe nicht wäre. Als ich sie geschrieben habe, fühlte ich mich trotzdem unwohl. Ich wusste nicht, gehe ich zu weit, weil die erste Strophe ist alles andere als Rock’n’Roll. Es ist ein Versuch von mir, zu beweisen, dass ich aufrichtig sein will, dass ich mich nicht verstecke vor meinem Leben in der Pose des ewig rockenden 30-Jährigen. Vieles in meinem Leben ist eben nicht mehr so wie es einmal war.

Als Abschluss dann das Lied „Vogelfrei“ über deinen eigenen Tod.

Campino: Die Vorstellung, dass nach dem Tod alles eine Party ist und leicht, hat mir gefallen. Es gibt auch viele Religionen, die so ein Weltbild haben.

Es ist auf jeden Fall ein positives Todeslied.

Campino: Das soll es sein. Der Tod ist ein Grundthema, das kann man je nach Verfassung anders sehen. Es ist völlig legitim, öfter eine andere Meinung dazu zu haben. Mal voller Angst, mal nachdenklich, mal über sich selbst lachend.

Antonio Seidemann

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