Cannabis als Medizin

Medizinalhanf: Bekommt München das erste Therapiezentrum? 

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Bisher ist Medizinalhanf in Deutschland nur schwer zu bekommen. Frank Wolf hat eine der wenigen Ausnahmegenehmigungen.

Seit der Freigabe von Cannabis für Schwerstkranke interessieren sich immer mehr Patienten für alternative Therapien mit Hanf. In München könnte nun bald das bundesweit erste Zentrum für medizinisches Marihuana eröffnen.

München - Die Menschen, mit denen Wenzel Vaclav Cerveny zu tun hat, haben oft eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Chronische Krankheiten bestimmen ihren Alltag, und das einzige Mittel, das die Schmerzen lindern kann, ist für sie so gut wie unerreichbar: Cannabis. Seit knapp drei Jahren setzt sich Cerveny für die Freigabe des Hanfprodukts als Medikament ein. Ein Kampf, der ihn in Kontakt mit vielen verzweifelten Patienten gebracht hat.

Bisher gibt es Medizinalhanf nur mit einer Ausnahmegenehmigung der Bundesopiumstelle. Bezahlen müssen die Patienten das Mittel selbst, und die Apothekenpreise sind hoch. Doch all das soll sich bald ändern: Mitte Januar hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das den Einsatz von Marihuana in der Medizin regelt. Ab dem 1. März ist es für schwerstkranke Patienten möglich, Marihuana auf Rezept zu bekommen. Die Kosten tragen die Krankenkassen.

Mit einem spezialisierten Therapiezentrum will Wenzel Vaclav Cerveny die neue Therapie zugänglicher machen.

Das Gesetz wird es Cerveny möglich machen, ein lange vorbereitetes Konzept endlich umzusetzen. Im vergangenen Jahr hat der 55-Jährige das DCI Cannabis Institut gegründet. Das möchte in den kommenden Monaten das bundesweit erste Cannabis-Therapie-und-Informations-Center (CTIC) in München eröffnen – eine Anlaufstelle für alternative Therapien mit Hanf. „Cannabis soll jedem Patienten zugänglich sein, dem es nützt“, sagt Cerveny.

Dass dieser Zugang auch im bestehenden Gesundheitssystem immer gewährleistet sei, bezweifelt Cerveny: „Viele Ärzte sind sicher nicht wild darauf, es zu verschreiben“. Oft mangele es den Medizinern am nötigen Fachwissen, und auch die Tatsache, dass Cannabis-Patienten die Budgets der Ärzte außerordentlich belasten, werde die neue Therapie hinter ihren Möglichkeiten zurück halten, glaubt Cerveny: „Es wird noch Jahre dauern, bis Marihuana als Medikament Normalität wird.“ Hier soll das Zentrum ansetzen.

Herzstück des CTIC soll eine Arztpraxis mit dem Schwerpunkt Allgemeinmedizin und Schmerztherapie werden. Eine Ärztin, die bereit ist, die Praxis zu betreuen, hat man bereits an Bord geholt, mit weiteren Medizinern laufen Gespräche.

Zu der Praxis soll auf rund 1000 Quadratmetern ein Informationszentrum, eine Showküche und ein Geschäft rund ums Thema Hanf entstehen. Drei mögliche Immobilien für das Projekt hat Cerveny in München im Blick.

Finanziert werden soll das CTIC durch eine Crowd-Investment-Kampagne auf der Plattform Transvendo. Sie startet am 1. März, dem Tag, an dem das neue Cannabis-Gesetz in Kraft tritt. Rund 350 000 Euro braucht Cerveny, und er ist optimistisch, dass er die Summe schnell zusammen kriegt. Läuft alles nach Plan, könnte das CTIC schon Ende April seine Tore öffnen.

Mit mit den Ausnahmegenehmigungen kann man sich Cannabis in der Apotheke besorgen.

Das begrüßt auch Franz Wolf. Seit 30 Jahren leidet er nach mehreren Autounfällen an chronischen Schmerzen. Herkömmliche Schmerzmittel halfen wenig und hatten heftige Nebenwirkungen. Seit 18 Monaten ist er einer von insgesamt nur rund 1000 Menschen in Deutschland, die mit Ausnahmegenehmigung Cannabis in der Apotheke kaufen dürfen. Doch der Weg dorthin war lang und schwierig, und auch jetzt stößt Wolf immer wieder auf Unverständnis: „Ein solches Zentrum ist dringend nötig, um Cannabis als Medizin zu entstigmatisieren“, sagt er und ergänzt: „Wir brauchen einen Ort, an dem vorurteilsfrei mit der Materie umgegangen wird.“

Eine Meinung, die offenbar viele Betroffene teilen. Schon jetzt habe er eine lange Liste mit Voranmeldung, erzählt Cerveny. Läuft das Münchner Zentrum gut an, könnte er sich deshalb bald die Expansion des Pilotprojektes vorstellen: „Unser Ziel ist es, dass jede größere Stadt ein Zentrum bekommt.“

Annika Schall

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