Gautinger teilt das Schicksal mit der Bräurosl

"Cannabis erleichtert mir das Leben"

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In der rechten Hand das Cannabis, in der linken  den Vaporizer, der die Inhaltsstoffe verdampfen lässt: Michael Autrum hat jetzt kaum noch Schmerzen.

München - Michael Autrum aus Gauting hat in seinem Leben gesundheitlich sehr viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Was ihm das Leben etwas erleichtert und die Schmerzen lindert: Cannabis!

Wenn Karolin Weidner (58) von ihren quälenden Nervenschmerzen erzählt, fällt es gesunden Mitmenschen schwer, sich vorzustellen, was die Bräurosl-Darstellerin von der Wiesn jeden Tag durchmacht. Sie leidet nach einer Gehirnblutung vor zwei Jahren unter Dauerschmerzen (tz berichtete). Michael Autrum aus Gauting ist einer, der weiß, wie sich das anfühlt. Der 38-Jährige schluckte noch vor wenigen Monaten bis zu 40 Tabletten, um einen Tag zu überstehen. Inzwischen ist es nur noch eine einzige. Denn seit September besitzt Autrum eine Ausnahmeerlaubnis für den Erwerb von Cannabisblüten.

Einmal im Monat geht er in die Apotheke und kauft eine Dose mit 90 Gramm Marihuana. Wie er das verwendet, bleibt ihm überlassen. Meist atmet er es über einen Vaporizer ein, der die Inhaltsstoffe verdampfen lässt. „Danach habe ich viel weniger Schmerzen als zuvor“, sagt der ehemalige Koch.

Dass er je wieder ein erträgliches Leben führen kann, hätte er nicht gedacht. Vor vier Jahren brach er in der Arbeit zusammen. Diagnose: Herzinfarkt! Die Ärzte setzten ihm einen Herzschrittmacher ein. Dabei gerieten Keime in seinen Körper. In einer Not-OP wurde das Gerät entfernt. Später erhielt er ein neues. Auch das vergiftete ihn. „Ich verbrachte zwei Monate im Krankenhaus“, erinnert sich Autrum. Zwischenzeitlich erlitt er einen schweren Bandscheibenvorfall. Ein Teil seines Rückens wurde versteift.

„Ich dachte, schlimmer könnte es nicht mehr kommen“, erzählt Autrum. Aber es kam noch schlimmer. In der Reha brach eine der Schrauben in seinem Rücken. Er war gelähmt, saß im Rollstuhl und pumpte täglich Dutzende Milligramm Morphium in seinen Körper, um nicht vor Schmerzen ohnmächtig zu werden. Das war im Frühjahr 2012. Immer wieder hatte er gehört, dass ihm Cannabis helfen könnte. Er stellte bei seiner Krankenkasse, der DAK, einen Antrag. Doch der wurde genau wie bei Karolin Weidner abgelehnt. „Die Verantwortlichen müssten mal mit uns Patienten für einen Tag tauschen. Dann würden sie anders denken“, sagt Autrum.

Heute kann er mit einem Gehwagerl wieder kurze Strecken laufen. Ein Kästchen in seinem Gesäß aktiviert die Beine. Doch die Schmerzen sind erst durch die Cannabis-Therapie erträglich geworden. „Bis vor einem Jahr habe ich alle Medikamente in mich reingefuttert, die es in Deutschland gibt. Um nachts drei Stunden schlafen zu können, brauchte ich manchmal zehn Schmerztabletten“, sagt der Patient. Die Nebenwirkungen ließen nicht auf sich warten. Immer wieder musste er sich übergeben. So lange bis seine Speiseröhre verätzt war und er den ganzen Sommer im Krankenhaus an Suppen nippte. Trotzdem wog er 150 Kilo.

Michael Autrum galt als austherapiert. Eine Grundvoraussetzung, um Medikamente zu erhalten, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Von der Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente bekam er Unterstützung bei einem erneuten Antrag. Nach nur zehn Tagen hatte er die staatliche Erlaubnis, die Blüten zu kaufen.

„Mein Leben hat sich völlig verändert. Ich bin viel ausgeglichener und komme mit meinen Schmerzen besser zurecht“, sagt Autrum. Auch seine Schlafprobleme hat er in den Griff bekommen. Heute isst er vor dem Schlafengehen einen selbstgebackenen Cannabis-Keks. „Es ist eine Frechheit, dass man erst alle möglichen Tabletten in sich reinstopfen muss, bevor man die Mittel bekommt, die helfen“, wettert er.

Und noch eine Sache ärgert ihn: Seine Krankenkasse weigert sich weiterhin, die Kosten zu übernehmen. 1100 Euro kostet sein monatlicher Marihuana-Bedarf. Von 800 Euro Rente plus Pflege- und Wohngeld ist das Medikament nicht zu bezahlen. Doch seine Apothekerin hat Autrum einen Kredit gewährt. Bei der Abzahlung hilft seine Mutter. „Sie bekommt selbst kaum Rente, aber sie möchte mich nie wieder so sehen wie vor einem Jahr“, sagt Autrum.

Der lange Weg zum Volksentscheid

Das Volksbegehren für eine Freigabe von Haschisch in Bayern hat eine erste Hürde genommen. Vor rund zwei Wochen übergaben die Initiatoren gut 25 500 Unterschriften an das Innenministerium. Dieses prüft nun innerhalb von sechs Wochen die gesetzlichen Voraussetzungen für die Zulassung. Rechtlich gibt es ein zentrales Problem: Volksbegehren sind im Freistaat nur zu bayerischen Landesgesetzen möglich. Das Betäubungsmittelgesetz ist aber ein Bundesgesetz - und Bundesrecht bricht Landesrecht. Insofern werden die Juristen des Innenministeriums prüfen müssen, ob ein bayerisches Hanfgesetz überhaupt möglich wäre. Politisch ist die bayerische Staatsregierung ohnehin strikt gegen eine Freigabe. Sollte das Innenministerium den Antrag dennoch zulassen, gibt es eine zweiwöchige Frist. Tragen sich in dieser Zeit mindestens zehn Prozent der Stimmberechtigten in amtliche Listen ein, kommt es zum Volksentscheid.

Beate Winterer

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