Charlotte Knobloch wird 80

"Vieles war unter der Gürtellinie"

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Am St.-Jakobs-Platz fühlt sich Charlotte Knobloch wieder ganz in ihrer Heimat München angekomme.

München - Charlotte Knobloch gehört zu der Generation von Juden in Deutschland, die den Nazi-Terror miterlebten. Nun wird sie 80 Jahre alt - das Geburtstags-Interview mit der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden.

Als Hitler an die Macht kam, war sie drei Monate alt. Die Münchnerin Charlotte Knobloch, Tochter des Rechtsanwalts Fritz Neuland, gehört zu der Generation von Juden in Deutschland, die den Nazi-Terror miterlebten. Nach dem Krieg heiratete sie den KZ-Überlebenden Samuel Knobloch (er starb 1990) und engagierte sich gegen Ausgrenzung und Antisemitismus. Seit 1985 ist die dreifache Mutter Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, von 2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden. Am Montag wird sie 80. Das Geburtstags-Interview:

Frau Knobloch, leben Sie noch gerne in Deutschland?

Charlotte Knobloch: Ja, sehr. Vor allem, seitdem in München die jüdische Gemeinde in die Mitte der Stadt zurückgekehrt ist.

Fühlten Sie sich davor entfremdet?

Knobloch: Zuvor führten wir gewissermaßen eine Art Hinterhofdasein, das lag auch an der nach außen hin nicht als solche zu erkennenden Synagoge in der Reichenbachstraße.

Aber in der Diskussion um die Beschneidung jüdischer Buben stellten Sie in den Raum, ob Deutschland die Juden überhaupt noch haben wolle!

Knobloch: Damit meinte ich nicht die politischen Vertreter. Die stehen uns sehr positiv gegenüber. Meine Frage richtete sich an die Mitte der Gesellschaft, die das Verständnis für das Thema absolut vermissen ließ. Mir ist unverständlich, warum und vor allem in welcher Art und Weise ein religiöses Gesetz derartig in Frage gestellt und angegriffen wird.

Muss unsere Gesellschaft solche Diskussionen nicht aushalten können?

Im erlauchten Kreis der Münchner Ehrenbürger: Charlotte Knobloch mit (v.l.) Otto Meitinger, Hans-Jochen Vogel und Hildegard Hamm-Brücher bei der Grundsteinlegung zum NS-Doku-Zentrum im März diesen Jahres.

Knobloch: Ich bin stets offen für Debatten. Aber wenn Sie sehen, welche hasserfüllten Briefe, Mails und Anrufe wir in der jüdischen Gemeinde erhalten – das ist unter der Gürtellinie. Ein für die Juden zentraler Bestandteil der Religion wurde zum Spielball einer aufgeputschten Diskussion. Wir wurden dargestellt, als würden wir unsere Kinder quälen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jüdische Menschen noch einmal so ins gesellschaftliche Abseits gedrängt werden. Ausgerechnet in diesem Land mit dieser Vergangenheit.

Sie wurden mit dem braunen Terror groß!

Knobloch: Ja. Ich bin mit Ausgrenzung aufgewachsen. Ich durfte nicht mit anderen Kindern spielen, ich durfte mich im Englischen Garten nicht auf die Parkbank setzen.

Wie erklärten das Ihre Eltern?

Knobloch: Wie man es einem Kind eben sagt: Das darfst du nicht. Man hat immer sehr auf mich aufgepasst, dass ich nicht unangenehm auffalle. Natürlich spürte ich, dass das nicht normal sein kann. Ein Beispiel: Wir wohnten in einem Haus nahe der Theresienwiese, ich habe im Treppenhaus immer gegrüßt, aber die Grüße wurden von den Mitbewohnern immer weniger erwidert.

Sie überlebten den Krieg bei einer Bekannten in Mittelfranken. Wieso sind Sie danach wieder zurückgekehrt?

Knobloch: Für mich war das unvorstellbar. Aber ich dachte, die Rückkehr ist nur vorübergehend. Ich konnte nicht glauben, dass sich die Menschen um 180 Grad gewandelt hatten.

Sie lebten wieder in der selben Wohnung?

Knobloch: Ja.

Und wie waren die Begegnungen im Treppenhaus?

Knobloch: Dann habe ich nicht mehr gegrüßt. Sie müssen sich vorstellen: Eine Mitbewohnerin, die mir verboten hatte, mit ihrer Tochter zu spielen, bat meinen Vater sogar um ein Entnazifizierungs-Zeugnis. Er hat es verweigert. Es gab ja auch gute Menschen, die Hausmeisterin, die meinen Vater x-mal versteckt hat. Und doch, als ich meinen Mann kennenlernte, der viele Konzentrationslager überlebt hatte, wollten wir nur weg, nach Amerika.

Warum blieben Sie dann doch?

Knobloch: Weil ich unser erstes Kind erwartete. Dann kam das zweite. Und so hat es sich eben anders ergeben. Und heute bin ich froh darüber.

Auch, weil Sie so erleben durften, dass Ihre Kinder in Deutschland in Freiheit aufwachsen konnten?

Knobloch: Ja. Natürlich. Jede Generation hat ihre eigene Geschichte. Bei meinen Kindern war das Thema noch etwas ambivalent. Als meine jüngste Tochter in die Kollegstufe kam und die Religionen eingeteilt wurden, das war so um 1980, meinte einer: „Was, Du bist Jüdin? Und ich dachte immer, Ihr habt Hörner auf.“

Empfanden Sie das als antisemitisch oder nur als blöd?

Knobloch: Ich weiß nicht, ob er lustig sein oder sie angreifen wollte. Für mich belegte diese Äußerung aber sehr wohl, dass es noch immer die Vorstellung gab, dass etwas vermeintlich anderes gleichzeitig auch minderwertiger ist. Meine Enkelkinder, die teilweise aber auch in Israel leben, haben so etwas zum Glück nicht erlebt.

Angenommen, ein Freund aus Amerika würde Sie fragen, ob er als Jude nach München ziehen soll.

Knobloch: Ich würde es ihm wärmstens ans Herz legen – auch weil ich mir natürlich wünsche, dass die jüdische Gemeinschaft hier wächst. Vor allem aber sind meine Zuversicht und mein positives Lebensgefühl in unserem Land ungebrochen. Wir sind trotz der Schwierigkeiten der vergangenen Monate auf einem sehr guten Weg. Ich hoffe, dass sich das jüdische Leben in Deutschland wieder frei entfalten kann.

Ist das Ihr größter Geburtstagswunsch?

Knobloch: Ja. Ich hoffe nur, dass ich die Verwirklichung auch noch erlebe.

Denken Sie manchmal an den Tod?

Knobloch: Das ist nichts, worüber wir öffentlich sprechen. Im Judentum gilt immer das Prinzip der Hoffnung. Wir sind positive Menschen. Wir denken lieber an Geburtstage als an den Tod.

Florian Kinast

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