UN-Tribunal: Ratko Mladic zu lebenslanger Haft verurteilt

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Zäune, neue Züge, Echtzeit-Infos

Chef erklärt: So bringen wir die Münchner S-Bahn aus der Krise

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Chaos-Tage bei der S-Bahn – wie letzte Woche (l.) – will Heiko Büttner (r.) in den Griff kriegen.

München und seine S-Bahn - ein ständiges Aufregerthema. Heiko Büttner, der neue Chef, hat alle Hände voll zu tun, um die Probleme in den Griff zu kriegen. Hier verrät er, wie er das anstellen will.

München - Es dürfte einfachere Jobs in München geben: Seit Februar ist Heiko Büttner (48) Chef der S-Bahn. Und muss mit ähnlichen Problemen wie sein Vorgänger kämpfen. Erst am Donnerstagabend und Freitagmorgen wieder hatten zuerst ein Kurzschluss am Hauptbahnhof und dann Schnee und Eis die Stammstrecke jeweils für Stunden lahmgelegt.

Die Kommunikation der Bahn ließ Pendler im Chaos verzweifeln. Ein Punkt, den Büttner bis Ende des Jahres im Griff haben möchte, wie er im Gespräch ankündigt. Neben einer funktionierenden Echtzeitkommunikation am Smartphone und auf den Anzeigentafeln bei Sperrungen, sollen Zäune entlang der Stammstrecke und an Bahnsteig-Enden Störer von Gleisen fernhalten. Außerdem holt die Bahn derzeit S-Bahnen aus ganz Deutschland zur Verstärkung nach München.

Der S-Bahn-Fahrplan aus der Krise

Auch wenn Fahrgäste vergangene Woche einen anderen Eindruck gewinnen konnten: Insgesamt hätten die Verspätungen im Februar, März und April nicht zugenommen, beteuert S-Bahn-Chef Heiko Büttner. „Wir haben nach wie vor eine Pünktlichkeit von etwa 96 Prozent.“ Jedoch sind hier ausfallende Züge nicht eingerechnet. Großes Problem der S-Bahn, wenn es um Störfälle geht, sind Personen auf den Gleisen. „Im Schnitt einmal am Tag läuft eine Person ins Gleis, an zwei von drei Tagen gibt es einen echten Notarzteinsatz in einer S-Bahn, einmal in der Woche einen Suizid. Die Zahl der Störfälle nimmt kontinuierlich zu“, sagt Büttner. Das hänge auch damit zusammen, dass die Bevölkerung wachse und die Zahl der Fahrgäste Jahr für Jahr steige. Trotzdem sieht sich die S-Bahn gezwungen, gegenzusteuern:

Zäune an der Stammstrecke

Die gesamte Stammstrecke zwischen Pasing und Hackerbrücke soll eingezäunt werden, kündigt Büttner an. So soll es schwerer werden, auf die Gleise zu gelangen. An der Donnersberger- und der Friedenheimerbrücke sind bereits Zäune aufgebaut worden. „Das ging schnell, weil es sich um Bahngelände handelt“, so Büttner. An anderen Stellen müsse die S-Bahn auf die Grundstücksbesitzer zugehen. Büttners Hoffnung: „Aber wenn alle mitwirken, könnten im Laufe des Jahres die Zäune stehen.“ Außerdem sollen die Bahnsteig-Enden laut S-Bahn-Chef besser abgesichert werden. Denn: So mancher Fahrgast läuft vom Bahnsteig eine „Abkürzung“ über die Gleise zur Straße oder einem anderen Bahnsteig. Eine Idee sei etwa, an der Hackerbrücke am Bahnsteig-Ende Richtung Tunnel einen Zaun zu installieren.

Zäune entlang der Stammstrecke (l.) sollen bei der S-Bahn für Entspannung sorgen.

Höhere Bußgelder

Wer derzeit über die Gleise läuft – und damit unter Umständen eine lange Sperrung der Stammstrecke auslöst – entwischt oft, bevor die Polizei vor Ort ist. Wird derjenige doch auf den Gleisen aufgegriffen, ist das rein rechtlich gesehen eine Ordnungswidrigkeit. 25 bis 35 Euro Bußgeld werden fällig. Viel zu wenig, findet der S-Bahnchef. „Wir unternehmen Anstrengungen, um eine Erhöhung zu erreichen. Da ist aber der Gesetzgeber gefordert.“

Echtzeit-Infos

Eine spürbare Entlastung bei der S-Bahn wird es erst mit der Zweiten Stammstrecke geben, sagt S-Bahn-Chef Heiko Büttner. Trotzdem will er in den neun Jahren bis dahin die Anzahl der Störfälle reduzieren (siehe links) und sich eines Dauer-Aufregerthemas annehmen: der Kommunikation der S-Bahn im Störfall. Bislang erhalten Fahrgäste meist nur spärliche und oft falsche Infos, was los ist, welche Züge im Störfall trotzdem fahren oder auf welche anderen Verkehrsmittel sie am besten ausweichen. „Das bereitet mir schlaflose Nächte“, so Büttner. „Unser Anspruch ist, die Fahrgäste in Echtzeit darüber zu informieren, was an ihrem Bahnhof als Nächstes passiert.“

Unsere Online-Redaktion hat für jede S-Bahn-Linie eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sich Fahrgäste selbst organisieren können: Bilden Sie Fahrgemeinschaften, wenn Ihre S-Bahn ausfällt. Organisieren Sie ein Taxi und teilen Sie sich mit mehreren die Kosten. Oder bitten Sie andere Betroffene schlicht um Hilfe - oder bieten Sie einen Platz in Ihrem Auto an. Zusammen mit anderen Pendlern sind Sie im S-Bahn-Chaos weniger allein. Hier gelangen Sie zu allen Facebook-Gruppen (S1, S2, S3, S4, S6, S7 und S20).

Smartphones und Anzeigen

Das Problem derzeit: Die Bahn hat zwar Störfallkonzepte, die ihre Mitarbeiter abspulen. Technisch gesehen ist sie aber nicht in der Lage, das jeweilige Konzept per Knopfdruck als Fahrgastinformation in den Online-Streckenagenten, in die Anzeigentafeln und Durchsagen einzuspeisen. „Bei einem Störfall erhält jede S-Bahn eine neue Betriebsnummer. Diese muss bis jetzt händisch in die Fahrgastinformationen eingegeben werden. Bei der Masse an Fahrten gibt es natürlich Verzögerungen“, erklärt Heiko Büttner. Das bedeutet: Die Bahn weiß schon, welche Züge zum Beispiel auf anderen Gleisen fahren oder als Nächstes starten können, in den Smartphone-Apps und auch auf den Anzeigetafeln wird aber ein alter Stand der Dinge angezeigt, der zusätzlich für Verwirrung sorgt. Der S-Bahn-Chef kündigt an: „Als Erstes hoffen wir, dass wir bis Jahresende so weit sein werden, dass Störfall-Informationen in Echtzeit aufs Smartphone gespielt werden können.“

Zusammenarbeit mit einem Start-up

Ein weiteres Projekt der S-Bahn: Besonders wenn das Gedränge sehr groß ist, will sie ihre Fahrgäste besser am Bahnsteig verteilen – und auch in kleineren Gruppen ansprechen können. Deswegen testet sie im Mai am Hauptbahnhof tief eine abschnittsweise Bahnsteigbeschallung. Ein Versuch, den das Unternehmen zusammen mit dem Berliner Start-up Holo­plot unternimmt, das für sein Audiosystem mit einem Innovationspreis ausgezeichnet wurde.

Zusatz-Züge

840.000 Fahrgäste benutzen die S-Bahn in Spitzenzeiten an einem Tag. Insgesamt 238 Züge des neueren ET-423-Typs hat die S-Bahn, dazu kommen 15 des älteren Typs ET 420 aus den 1990er-Jahren. Ein Problem: Demnächst stehe eine große Revision der S-Bahn-Züge an, sagt Heiko Büttner. „Das ist alle acht Jahre der Fall.“ Damit kein Engpass bei den Zügen entsteht, holt die S-Bahn 21 weitere Fahrzeuge des Typs 420 aus ganz Deutschland nach München. Damit diese Züge auch durch die Stammstrecke fahren können, werden sie mit einem technischen System, der Linienzugbeeinflussung, ausgestattet. Büttner: „Bisher ist das nicht möglich, sodass wir den ET 420 nur im Außenbereich – bei der S20 etwa – einsetzen können.“

Selbstöffnende Türen

Seit Dezember bereits öffnen die S-Bahn-Türen auf der Stammstrecke zwischen 6 bis 22 Uhr automatisch. Die Standzeit am Bahnhof soll so um etwa eine Sekunde verringert werden, was bei der S-Bahn in der Summe mehr Stabilität in die Stammstrecke bringen soll. 15 bis 20 Minuten Puffer am Tag sollen so entstehen. Der S-Bahn-Chef: „Unsere Lokführer bestätigen, dass das zum schnelleren Ein- und Ausstieg führt. Auf der Stammstrecke werden wir dies beibehalten, an den Außenästen nur in Ausnahmefällen.“

Geld zurück bei Störfällen!

Andreas Barth.

Erst einmal abwarten, was von den angekündigten Maßnahmen umgesetzt wird, sagt Andreas Barth (41) vom Fahrgastverband Pro Bahn. Durch die Zäune an der Stammstrecke und am Ende von S-Bahnsteigen werde der Stand erreicht, der heute bei der U-Bahn bereits Usus sei. „Aber es dürfte die Anzahl der Störfälle reduzieren.“ Eine Verbesserung beim Dauerbrenner bessere Kommunikation bei Störfällen habe die Bahn schön öfter versprochen, sagt der Fahrgastvertreter. Deswegen sei ein festes Datum wichtig – Büttner nennt das Jahresende –, zu dem die Maßnamen umgesetzt werden sollen. Hinsichtlich der zusätzlichen, älteren Züge, die die Bahn aus ganz Deutschland zur Unterstützung holt, hat Barth weniger Bedenken. „Ein Zug kann durchaus 30 oder 40 Jahre alt sein – wichtig ist, dass er renoviert wird.“
Nach den extremen Störfällen vom Donnerstag und Freitag wiederholt der Fahrgastvertreter die alte Forderung, die S-Bahn solle Geld an die Fahrgäste zurückbezahlen. „Ein erster Schritt wäre, zumindest bei den Abokunden im nächsten Monat weniger Geld abzubuchen.“ Übrigens: Bei der MVG gibt es schon seit dem Jahr 2000 Geld zurück bei mehr als 20 Minuten Verspätung (im Wert einer Innenraum-Tageskarte: 6,60 Euro). Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht: Die Verspätung muss von der MVG verursacht sein, damit die Regelung greift.

D. Walter, G. Anastasiadis, R.Weise

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