Professor Hertlein wirft hin

Chefarzt: Daran krankt es im Klinikum München

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1400 Eingriffe pro Jahr: Professor Hans Hertlein. Eingeklinkt: Die Krankenhäuser Schwabing, Bogenhausen, Neuperlach und Harlaching.

München - Marode, teilweise abrissreife Gebäude, Millionen-Defizite, zankende Politiker – die städtischen Kliniken kommen einfach nicht zur Ruhe. Einem Chefarzt wird es zu viel: Er geht.

Jetzt der nächste Paukenschlag: Mit Professor Hans Hertlein (59) wechselt einer ihrer ­renommiertesten, dienstältesten Chefärzte zur privaten Konkurrenz – und seinen Oberarzt Dr. Markus Schrödel (44) nimmt er gleich mit. Die beiden Wirbelsäulen-Spezialisten operieren ab dem 2. Januar in der Sendlinger OCM-Klinik (Orthopädische Chirurgie München).

Bei den 8000 Mitarbeitern der städtischen Häuser fressen sich Frust und Verunsicherung wie ein Geschwür in den Arbeitsalltag. Dabei hätten sie eigentlich auch allen Grund, stolz zu sein auf ihre Leistungen: Immerhin gibt es an den Standorten Harlaching, Neuperlach, Bogenhausen, Schwabing und Thalkirchen einige Spezialisten, die den Vergleich mit Spitzenmedizinern der großen Uni- und Privatkliniken nicht scheuen müssen. Doch im endlosen Spar-Reformchaos verlieren immer mehr von ihnen Lust und Geduld. So auch Professor Hertlein, wie er gegenüber der tz durchblicken lässt: „Ich verbringe meine Zeit lieber im Operationssaal als an Konferenztischen.“

Deshalb sagt er jetzt Servus – um seine Vorstellung von einer „medizinischen Versorgung der Zukunft“ eben woanders umzusetzen. Dabei kümmern sich mehrere Spezialisten einer Fachrichtung um den Patienten und erarbeiten gemeinsam ein Behandlungskonzept. „Am Ende soll dann jeder der beteiligten Ärzte das machen, was er am besten kann“, erläutert Professor Hertlein.

Fürs Klinikum München ist der Abgang des Top-Chirurgen ein herber Verlust. 18 Jahre lang stand Hertlein in Diensten der Gesundheitstochter der Landeshauptstadt, zuvor hatte er sich bereits im Uni-Klinikum Großhadern einen Namen gemacht. Kollegen beschreiben ihn als echten Könner – vor allem, wenn es um große Operationen an der Wirbelsäule geht, etwa bei Krebspatienten mit kompliziert verwachsenen Tumoren. Und er ist ein Arbeitstier, wie aus seiner OP-Statistik hervorgeht: Hertlein steht jährlich bei etwa 1400 Eingriffen am Tisch, davon 700 an Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule. Außerdem macht er etwa 550 unfallchirurgische Operationen, setzt etwa 150 künstliche Hüft-, Knie- und Schultergelenke ein.

Aus Harlaching verabschiedet er sich mit gemischten Gefühlen. Einerseits freut er sich darauf, gemeinsam mit seinen OCM-Kollegen ein erweitertes Wirbelsäulen-Zentrum aufzubauen. Aber andererseits hängt sein Herz ja auch noch ein bisschen am Klinikum – und dessen wirtschaftliche Entwicklung beobachtet er mit Sorge. Er befürchtet, dass seine Noch-­Kollegen immer mehr in den Mühlen der Politik aufgerieben werden. Deren Erfolgsbilanz in Sachen Krankenhaus-Management sieht Hertlein – höflich ausgedrückt – kritisch.

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Im Zweifel schicken die Rathaus-Politiker immer mal wieder Unternehmensberater vorbei. Das sind oft junge und dynamische Gesundheitsmanager. Sie haben viel studiert (oft sogar Betriebswirtschaft und Medizin), aber wenig praktische Erfahrung. „Ich habe mindestens sieben verschiedene Beratungsfirmen kommen und gehen sehen“, analysiert Professor Hertlein. „Etwas Zählbares ist dabei nicht herausgekommen.“ Jedenfalls nicht fürs städtische Klinikum.

Seit ein paar Jahren doktert nun ein übergeordnetes Management für alle Krankenhaus-Standorte an dem schwierigen Sanierungsfall herum. Doch auch die Organisationsreform hat sich bislang nicht als Heilmittel entpuppt. Deshalb versucht es Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) jetzt zur Abwechslung mal mit einem sogenannten „Lenkungskreis“. Dieses Gremium solle Kompetenzen bündeln – sagen Befürworter. Oder das heillose Reform-Chaos zumindest noch bis nach der Kommunalwahl im nächsten März einigermaßen im Zaum halten – sagen Kritiker.

Für Professor Hertlein gibt es zu einem radikalen Umbau des städtischen Klinikkonzerns keine Alternative. Er plädiert für zwei erweiterte Hauptkrankenhäuser in Bogenhausen und Harlaching. Die Häuser in Schwabing und Neuperlach könnten seiner Vorstellung nach mit Portalkliniken sowie geriatrischen Schwerpunkten (Altersmedizin) weiterbetrieben werden. Das würde bedeuten: Nur eine Nothilfe bliebe vor Ort – mit der Möglichkeit, internistische und operative Noteingriffe durchzuführen. Zu geplanten Operationen und Behandlungen würden die Patienten nach Bogenhausen oder Harlaching weitertransportiert. In Schwabing und Neuperlach gäbe es neue Schwerpunkte – zugeschnitten vor allem auf die Senioren, die in der Nähe wohnen. „Ihnen würden weite Wege erspart“, sagt Hertlein.

Ob es einmal so kommen wird oder doch ganz anders? Hertlein kann’s eigentlich egal sein. Er will jetzt an seinem neuen Arbeitsplatz noch mal „fünf, sechs Jahre Vollgas“ geben. Aber er wird sicher ab und zu bei seinen ehemaligen Kollegen vom Klinikum vorbeischauen. Ganz egal, in welchen Stadtteil er dann fahren muss.

Andreas Beez

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