Nach Lebensmittelskandal

Verrückt: Chinesen stehen Schlange für Milchpulver

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Chinesen stehen Schlange vor einem Münchner Drogeriemarkt.

München - Nach einem Skandal um verunreinigtes Milchpulver 2008 stehen deutsche Produkte in China nach wie vor hoch im Kurs. Das bekommen auch die Drogerie-Märkte in München zu spüren. Dort stehen Chinesen schon vor Öffnung der Geschäfte Schlange.

2008 starben in China sechs Babys  und rund 300 000 Säuglinge erkrankten.  Hersteller hatten ihr Milchpulver damals mit Melamin gestreckt hatten, einer Substanz, die eigentlich bei der Produktion von Klebstoffen zum Einsatz kommt. Nur zwei Jahre später beschlagnahmten chinesische Behörden erneut tonnenweise verunreinigtes Milchpulver. Das Vertrauen in heimische Produkte war nun vollends zerstört. Deutsches Milchpulver hingegen genießt einen hervorragenden Ruf – der Handel mit ihm floriert. Über das chinesische „Ebay“  - „taobao“ genannt -  wird das weiße Pulver zu einem Vielfachen des eigentlichen Preises gehandelt. Ein Geschäft, das auch in München lebende Chinesen erkannt haben.

Vor vielen Drogerie-Filialen stehen Chinesen mit leeren Koffern schon am Morgen Schlange, um das begehrte Pulver zu kaufen. In vielen Geschäften kommt es bereits zu Lieferengpässen, die Regale für Milchpulver sind leer. Viele rationieren bereits die Menge, die gekauft werden darf. München ist nur eine von vielen Städten in Deutschland, in denen Milchpulver gerade reißenden Absatz findet. Berichte über Chinesen, die deutsches Pulver wollen, gibt es mittlerweile aus allen Teilen Deutschlands.

Die Aufgabenteilung bei den Pulver-Jägern scheint in München  System zu haben: Eine Dame fragt auf Deutsch nach dem Pulver, wenn es nicht im Regal steht. Einer von zwei Männer verwahrt das Geld. Bezahlt wird mit großen Scheinen. Nachdem das Trio mehrere Filialen abgeklappert hat, treffen sie sich mit anderen Chinesen am Hauptbahnhof. Dort werden Koffer an Koffer gestellt und nach wenigen Minuten abgeholt. Auf die Frage, wie viel Geld sich mit dem Verkauf deutschen Milchpulvers verdienen lässt, gibt es keine Antwort.

Bayerns Milchbauern jedenfalls profitieren grundsätzlich von der enormen Nachfrage aus China. Lag der Export von deutschem Vollmichpulver 2008 noch bei 46 000 Tonnen, so stieg er bis 2013 auf 605 000 Tonnen. Etwa 40 Prozent der deutschen Milchexporte kommen aus Bayern. Und dennoch: Auch wenn das Pulver aus Deutschland stammt – sobald ein chinesischer Name draufsteht. ist das alte Misstrauen wieder da.

Auf Nachfrage bei einem DM-Markt zeigt man sich rigoros. Die dortige Filialleiterin sagt: „Es hat sich kaum etwas verändert seit dem Milchskandal in China vor ein paar Jahren, an manchen Tagen kommen ganze Gruppen und räumen regelrecht den Laden aus.“ Es gibt mehrere große Hersteller in Deutschland, doch ein Produkt wird Verkäufern zufolge besonders nachgefragt: Milupa. Beim hessischen Hersteller gibt man sich ob der chinesischen Nachfrage alarmiert – auch wenn die Nachfrage nach ihren Produkten den Umsatz kräftig ankurbeln dürfte: „Unsere Großstadtfilialen sind aber besonders betroffen“, sagt Jennifer Gabler, Pressesprecherin von Milupa. Ihr Hauptwerk produziere seit Jahren schon sieben Tage die Woche rund um die Uhr, um den Bedarf annähernd zu decken. Die Produktion läuft auf Hochtouren, die Menschen arbeiteten dort am Limit. „Wir wollen den deutschen Mark befriedigend und ausreichend bedienen, deshalb können Mütter, die oft frustriet und verzweifelt hier anrufen, direkt unsere Mütterberatung kontaktieren“, sagt die Pressesprecherin.  Patrick Wehner, Christiane Mayr

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