Volkstheater-Intendant über Nathan

Stückls Glaubensfragen

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Christian Stückl.

München - Mitten in der Debatte über Islam und Pegida inszeniert Christian Stückl, der die Oberammergauer Passionsspiele leitet, nun das Toleranz-Drama "Nathan der Weise" neu.

Als Volkstheater-Intendant Christian Stückl (53) sich entschloss, Gotthold Ephraim Lessings Aufklärungsklassiker Nathan der Weise auf die Bühne seines Hauses zu bringen, da hatte von Pegida noch kaum jemand etwas gehört. Heute sagt Stückl, er hätte eigentlich ein anderes Stück machen müssen: über die Dummheit …

Mitten in der Debatte über Islam und Pegida inszeniert der Mann, der die Oberammergauer Passionsspiele leitet, nun das Toleranz-Drama neu. Und kann berichten, dass noch keine Premiere – nicht einmal die vom legendären Brandner Kaspar – im Vorfeld so viel Interesse hervorgerufen hat: „Es ist das erste Mal, dass schon vor der Premiere zehn Vorstellungen ausverkauft sind“, strahlt er im Interview.

Stückl vermutet, dass dieses Thema gerade in der Luft liegt. „Ich bin im Sommer in Indien gewesen und habe das Gefühl gehabt, dass zwischen Hindus, Christen und Moslems gerade keine gute Atmosphäre herrscht.“ Diese Erfahrung war sein Anlass, den Nathan fürs Volkstheater neu zu hinterfragen. „Und dann kommt man nach Hause, und auch hier spitzt sich die Situation immer weiter zu.“

Seine aktuelle Inszenierung haben die Vorgänge in Paris und die Pegida-Demonstrationen in Deutschland allerdings nicht beeinflusst. Im Gegenteil: „Die haben es eher erschwert, weil ich entsetzt darüber bin, wie all diese Ereignisse in einen Topf geworfen werden: die Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben, Flüchtlinge und Attentäter in Paris. Man müsste in so einer Geschichte vielleicht gar nicht die Nathan-Geschichte erzählen, sondern viel früher ansetzen und ein Stück machen über die Dummheit von ganz vielen Menschen – von denen, die da auf die Straße gehen und den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören.“

Dass der Nathan tatsächlich „aufklären“ kann, glaubt der Intendant und Regisseur nicht: „Es gilt als klassisches Stück der Aufklärung, ja. Es gibt schließlich die Ringparabel (Im Stück geht es um die Frage nach der „wahren“ Religion und die Einsicht, dass Toleranz und Humanismus zum glücklichen Miteinander führen, d. Red.). Aber über 200 Jahre sind wir noch kein Stück weiter. Die meisten Leute, die da auf die Straße gehen, wissen doch gar nichts über die Religion, die sie nicht haben wollen – und über ihre eigene auch nicht, sonst würden sie nicht so mit Flüchtlingen umgehen. Natürlich brauchen wir mehr Aufklärung. Wir müssen mehr miteinander reden.“

Stückl misstraut Menschen, die sich im Besitz der religiösen „Wahrheit“ glauben: „Jeder, der sagt, er habe sie, ist falsch gewickelt. Man kann höchstens nach einer Wahrheit suchen. Wer sagt, dass er sie hat, dem misstraue ich.“

Im 16-köpfigen Nathan-Ensemble wirken übrigens fünf Muslime mit. „Das ist gut so“, findet Stückl. „Das macht es spannend und auch einfacher. Wenn die Muslime auch wirklich von Muslimen gespielt werden, dann passieren im Umgang miteinander vielleicht weniger Fehler. Wir brauchen nicht überlegen, wie ein muslimisches Gebet aussieht, die wissen das.“

Britta Schultejans

August Zirner als Jude Nathan, Pascal Fligg als muslimischer Herrscher Saladin – Szene aus Stückls Nathan-Inszenierung. Premiere am Samstag, Termine und Tickets gibt’s unter Tel. 523 46 55.

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