Chauffeur Manfred Haugg

Der Mann, der Ude voranbrachte

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Manfred Haugg (l.) war Chauffeur von Christian Ude.

München - Mehr als 20 Jahre lenkte Christian Ude als Oberbürgermeister die Geschicke der Stadt. Am Steuer saß immer Manfred Haugg. Wir stellen den Chauffeur vor.

Manfred Haugg ist pünktlich. War er sein Leben lang. War ja sein Job. Nur unterwegs ist er inzwischen anders. Von der Wohnung in Perlach zum Treffpunkt am Wiener Platz kommt er mit der U-Bahn. „Wissen S’“, sagt Haugg, „Auto fahren mag i nimmer. Wenn’s ned sei muass.“ Auto ist er täglich gefahren. Als Chauffeur von Christian Ude.

Mehr als 20 Jahre lenkte Christian Ude als Oberbürgermeister die Geschicke der Stadt. Am Steuer saß immer Manfred Haugg. Er war für Ude mehr als der Fahrer. Er war Vertrauter, Freund, Wegbegleiter. Das wurde Haugg aber erst auf Umwegen.

Eigentlich hatte er Buchbinder gelernt. Mit 18 machte er den Führerschein, er fuhr für eine Brauerei Bier aus: „Da war ich noch beinand wia a Stier.“ Dann stieg er in der Spedition eines Spezls ein, doch der Spezl ging pleite, und Haugg stand auf der Straße. Er suchte einen sicheren Job, ging zur Stadt und hätte Busfahrer werden können. Wollte er aber nicht wegen der Schichtdienste. Darum ging er zur Müllabfuhr. Da hatte er geregelte Arbeitszeiten.

Nebenbei engagierte sich Haugg politisch, links war er ja von Haus aus. Im Bezirksausschuss Haidhausen saß er zwölf Jahre lang für die SPD, 1984 kandidierte Haugg sogar für den Stadtrat, ohne Erfolg, kam ab 1987 aber doch öfters zum Rathaus – als Kommunalreferent Karl Feigel einen Fahrer brauchte. Feigel war ein Schwarzer, und Haugg weiß noch, wie Feigel von seinen Parteifreunden der CSU gewarnt wurde: „Obacht, woasst fei scho, dass des a Roter is.“ Und Feigel sagte dann: „Des is mir wurscht. So lang er nix hört und nix sagt.“

Haugg hat viel gehört im Auto. Aber nie etwas gesagt. Auch nicht, als er ab 1988 zwei Jahre lang den Kronawitter fuhr und dann Ude. Ab dem 2. Mai 1990, dem Tag, als Ude Zweiter Bürgermeister wurde. Drei Jahre danach war Ude OB, und Haugg brachte ihn weiter zielstrebig voran. Fast täglich um halb acht stand Haugg mit dem Dienstwagen am Kaiserplatz und holte Ude ab. Zu Sitzungen, Reden, Fototerminen, Pressekonferenzen. Von Aubing bis Zamdorf, vom Hasenbergl bis Harlaching, zum Flughafen und zurück. 20 000 Kilometer im Jahr, zuletzt mit einem BMW730 Diesel. Oft musste er warten, dann machte er einen Botengang, fuhr zur Autowäsche, las ein Buch. Haugg kam auf viele Bücher in 23 Jahren.

Haugg fuhr nicht nur Ude: Senta Berger saß mal imA­uto, Blacky Fuchsberger, Helmut Fischer. Und auch Gerhard Schröder, auf dem Weg zum Anstich am Nockherberg.

Ude sprach nicht immer, musste er auch nicht, allein an der Mimik sah Haugg schon, ob ein Termin gut gelaufen war oder schlecht. Haugg wusste, wann er etwas sagen konnte und wann er besser schwieg. „Es hat einfach guad hingehauen bei uns“, sagt Haugg. „Er hat mir nicht dreingeredet. Und ich ihm auch nicht. Meistens zumindest.“ Manchmal sprachen sie über ganz anderes. Über ihre große Liebe etwa, die Sechzger. Sie schwelgten dann gerne in alten Zeiten. Von welchen Zeiten auch sonst. Von den neuen Zeiten kann man das bei den Löwen nicht.

Oft sprachen Haugg Journalisten an. In der Hoffnung, er würde vielleicht Interna ausplaudern. Haugg war dann am Telefon immer höflich – und doch unverbindlich. Haugg hatte die Gabe, einem eine ganze Lebensgeschichte zu erzählen, ohne ein Sterbenswörtchen zu verraten. Er fuhr ja nicht auf der Brennsuppn daher.

Letztes Jahr stellte Haugg das Dienstauto dann ab. Als Ude als Ministerpräsident kandidierte, bekam er von der Partei einen neuen Fahrer. Haugg entschied sich für die Rente mit 63. Für mehr Zeit mit seiner Frau und seinem vierjährigen Enkel Fabian. Für Motorradausflüge mit seiner BMW K1200LT samt Stereoanlage. Zum AC/DC hören. Und für seine Nahost-Hilfe. Zusammen mit Kabarettist Christian Springer überführte er letzten Sommer Müllautos, Krankenwägen und Feuerwehrfahrzeuge nach Syrien. „Ich hab ein gutes Leben gehabt. Jetzt möcht ich auch was zurückgeben.“ Von einer bewegenden Erfahrung spricht Haugg. „Wo du dann auch wieder siehst, wie gut’s uns geht.“ Im Juli fährt er wieder runter.

Ude ist dann auch schon in Rente. Haugg sagt, sie werden sicher weiter in Kontakt bleiben, als alte Freunde. Vielleicht machen sie auch mal einen Ausflug. Eine Spritztour ins Grüne. Vielleicht fährt dann ja mal der Ude.

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