tz-Besuch in Schwabing

Christian Ude wird 70: Geburtstags-Interview mit Münchens Ex-OB

+
Zwei Neuigkeiten über Ude, über den man alles zu wissen glaubte. 1. Er heißt laut Geburtsurkunde „Christian Karl Albert“, trug er als Kind wallendes Haar. Bekannt ist, dass er mit seiner Edith seit 45 Jahren glücklich ist.

Münchens Alt-OB Christian Ude feiert runden Geburtstag: Er wird 70. Die tz war zum Geburtstags-Besuch beim Jubilar.

München - Heute vor sieben Jahrzehnten erblickte Christian Ude das Licht der Welt. Das geschah allerdings nicht in Schwabing, wo er sein ganzes Leben lebte und was er auch lang behauptet hat. Die Wahrheit ist, wie der Alt-OB beim Besuch der tz jetzt einräumte, dass er seinen ersten Schnaufer in Obermenzing tat, genauer gesagt in der Baracke an der Rotbuche, wo der Dritte Orden seine Geburtsabteilung hatte.

Seine Schulbildung absolvierte der Sohn von Karl und Renée Ude aber in seinem Viertel, davon zeugen auch die Verweise, die sich „der Rädelsführer“ aufgehoben hat. „Christian wird sich etwas einbrocken, wenn er so weitermacht“, schrieb ein missgelaunter Lehrer. tz-Redakteurin Barbara Wimmer fragte nach, was Christian Ude sich eingebrockt hat und ob er im Rückblick etwas bereut.

Christian Ude: Geburtstags-Interview zum 70. mit der tz

Auf Facebook beschreiben Sie die Freuden des Rentnerlebens – fühlen Sie sich echt im Ruhestand?

Christian Ude: Nein. Doch! Ich bin befreit von den Zwängen eines vollgestopften Terminkalenders, von der Atemlosigkeit, vom Druck, blitzschnelle Entscheidungen treffen zu müssen. Als Ruhestand würde ich diesen Zustand aber nicht beschreiben. Ich habe oft Abendveranstaltungen und auch tagsüber Termine. Aber das sind dann drei am Tag und nicht 16. Heute kann ich mich mit Freunden spontan zum Essen verabreden, das war jahrzehntelang, auch in den Anwaltsjahren, undenkbar. Ein herrlicher Lebensabschnitt!

Neigen Sie dazu, Jüngere mit Ratschlägen zu beglücken – etwa in Buchform?

Ude: Mein Buch Die Alternative oder: Macht endlich Politik! war eine Aufsässigkeit gegen politische Unarten, die in den letzten Jahren um sich gegriffen haben. Gegen die Schwächen der Volksparteien. Seit dem 24. September gibt es niemanden mehr, der die Alternativlosigkeit der Kanzlerin verteidigt, die Langeweile der Großen Koalition, die Oberflächlichkeit der Flüchtlingspolitik, die Vernachlässigung von wichtigen Fragen, die sich dann Rechtsradikale unter den Nagel reißen konnten. Das war keine nörglerische Einmischung eines grantigen Rentners, im Gegenteil: Da fühlte ich mich meiner Jugend so nah wie schon lange nicht mehr! Ich bin in die Politik gegangen, um für politische Ideen zu kämpfen – damals die neue Ostpolitik und die Aufbruchstimmung mit „Mehr Demokratie wagen“. Ich bin verdammt noch mal in die SPD eingetreten, um Politik zu machen und nicht, um Waschmittelwerbung zu verteilen.

Oha, die SPD von heute ist für Sie wohl kein Quell der Freude?

Ude: Das ist untertrieben. Ich frage mich verzweifelt, wo die Ideen sind, für die die SPD eintreten will. Dabei wäre sie als Alternative zum gescheiterten Staatssozialismus und zum gescheiterten Turbokapitalismus wichtiger denn je!

Geben Sie Ihrem OB-Nachfolger Ratschläge?

Ude: Rat gebe ich nur, wo er erwünscht ist. Z. B. hat der Bundestagsabgeordnete Florian Post im Münchner Norden ihn gern in Anspruch genommen. Er hat immerhin das beste Ergebnis Südbayerns und ist Bayerns Erststimmenkönig mit zehn Prozent Vorsprung vor der Partei.

Haben Sie gerne Empfehlungen von Altvorderen entgegengenommen?

Ude: Ja! Seit meiner Schulzeit habe ich mich stark an Hans-Jochen Vogel orientiert. Später sind als Vaterfiguren Wilhelm Hoegner, Willy Brandt und Bruno Kreisky dazugekommen. Ich habe es nie für ehrenrührig gehalten, mich von erfahreneren Menschen beraten zu lassen. Hans-Jochen Vogel ist regelmäßig in meinem Amtszimmer erschienen, mit vielen Klarsichthüllen, um Hinweise zu geben, Mahnungen auszusprechen, Bitten zu übermitteln, auch von Bürgern. Und Schorsch Kronawitter ist, obwohl ich zu den Aufmüpfigen gehört habe, die ihm ein Problem gewesen sind, ein nahezu väterlicher Freund geworden. Ich glaube nicht, dass ich die OB-Kandidatur ohne seine massive Unterstützung erfolgreich durchgestanden hätte. Das schloss nicht aus, dass wir in einer Frage wie Hochhäuser über 100 Meter aneinandergeraten sind. Das hat er mir aber angekündigt und gesagt, dass das unsere Beziehung nicht beeinträchtigen wird. Man muss eine Meinungsverschiedenheit aushalten. Ich war trotzdem stocksauer – vorübergehend.

Christian Ude mit tz-Redakteurin Barbara Wimmer.

Christian Ude wird 70: Das bereut Münchens Ex-OB in seinem politischen Leben

Was bereuen Sie in Ihrem politischen Leben?

Ude: Keine Entscheidung – aber den riesigen Zeitaufwand. Die 20 Jahre ehrenamtliche Produktion der SPD-Zeitung Münchner Post haben ja noch Spaß gemacht, die endlosen Sitzungen nicht.

Und im Privaten?

Ude: Da habe ich überhaupt nichts zu bereuen. Es hat viel Kopfschütteln hervorgerufen, als ich mich mit 25 Jahren als Student in eine verheiratete Frau mit sechs Kindern verliebt habe. Sie fand es selber auch sehr merkwürdig, und wir haben uns oft gefragt, wie wir uns verhalten hätten, wenn eines ihrer Kinder mit 25 mit einer so absurden Idee dahergekommen wäre. Wir haben aber das Richtige getan. Das Leben mit Edith ist der rote Faden, der sich durch die Jahrzehnte zieht. Das sieht man auch an gemeinsamen Projekten, Ausstellungen und Büchern. Inzwischen sind wir hier im Haus eine Familie der drei Generationen, das ist fantastisch. Wenn man nur kurz im Treppenhaus steht oder vor dem Haus auf dem Bankerl sitzt, kommt immer einer vorbei. Das, und natürlich unsere Katze, gehört zu einer glücklichen Situation, die keine Wünsche offenlässt.

Wie stellen Sie sich Ihr letztes Lebensdrittel vor?

Ude: Drittel – da würde ich 105 Jahre alt! Ob das so erstrebenswert wäre? Für das, was ich noch vorhabe, bräuchte ich aber tatsächlich noch 20 Jahre. Meine Eltern sind beide über 90 geworden, und wenn ich mir anschaue, wie aktiv Hans-Jochen Vogel noch ist, bin ich sehr zuversichtlich. Ich wünsche mir, dass ich das, was ich jetzt unterrichtend oder beratend oder helfend tue, noch möglichst lang machen kann. Das Kulturforum der SPD macht mir seit 30 Jahren Spaß. „Menschen für Menschen“ ist eine vorbildliche Initiative für den Umgang mit Afrika. Und in vielen sozialen und kulturellen Stiftungen zu sein, macht mir viel Freude. Vorerst ist noch kein Ende der deutschlandweiten Diskussionsveranstaltungen über mein Buch abzusehen – oder der Nachfrage nach Kabarettabenden. Und interessante Gäste für meine VHS-Vortragsreihe „Politik der Woche“ wird es auch weiter geben. Langweilig wird’s mir bestimmt nie.

Christian Ude wird 70: Ein Leben zwischen Schwabing und Rathaus

  • 26. 10. 1947: geboren als zweites Kind von Karl und Renée Ude
  • 1953: Grundschule Bayernplatz
  • 1967: Abitur am Oskar-von-Miller-Gymnasium
  • 1966: Eintritt in die SPD
  • 1967-1969: SZ-Volontariat, Studium der Soziologie und Geschichte, kein Abschluss
  • 1972-78: Pressesprecher der Münchner SPD
  • 1969-77: Jura-Studium, LMU
  • 1979-90: Rechtsanwalt für Mietrecht
  • 1983: Hochzeit mit Edith von Welser, mit der er schon elf Jahre zusammen gewesen war. So kam er zu sechs Kindern
  • 1990: Ab März Stadtrat. Im Mai zum 2. Bürgermeister gewählt.
  • 12. 9. 1993: Sieg in der OB-Wahl gegen Peter Gauweiler (CSU)
  • 1999, 2002, 2008 erneut gewählt
  • 2005-2013: Präsident des Deutschen Städtetags bzw. Vize, abwechselnd mit der Frankfurter OB Petra Roth
  • 2013: Spitzenkandidat zur Landtagswahl
  • 2014: Abschied aus dem Rathaus
  • 2017: Buch Die Alternative oder Macht endlich Politik!

Interview: Barbara Wimmer

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

S-Bahn München: Erneuter Stellwerksausfall auf der Linie S7
S-Bahn München: Erneuter Stellwerksausfall auf der Linie S7
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Sechs Orte in München, an denen wir uns aufwärmen
Sechs Orte in München, an denen wir uns aufwärmen

Kommentare