Erste Frau im Amt

Strobl ab Montag Münchens Oberbürgermeisterin

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Christine Strobl gibt jetzt im Rathaus den Ton an

München - Am Montag hat München erstmals eine Oberbürgermeisterin - und zwar zwei Monate lang. Christine Strobl (SPD) wird München mit allen Rechten und Pflichten des Stadtoberhaupts regieren.

Ihre Anrede wird zwar „Frau Bürgermeisterin“ bleiben, und das ist ihr ganz lieb so. Doch ab Montag regiert Christine Strobl (SPD) München mit allen Rechten und Pflichten des Stadtoberhaupts – und das zwei Monate lang, während OB Christian Ude unbezahlten Wahlkampfurlaub genommen hat. München hat die erste Oberbürgermeisterin!

Christine Strobl (52) selbst mag den Wirbel nicht recht verstehen: „Man regiert die Stadt ja nicht allein.“ Sie hat den OB früher schon vertreten und zieht auch nicht in Udes Amtszimmer. Bei großen Entscheidungen würden sie wie immer zum Telefon greifen.

Doch die Bürgermeisterin weiß auch, dass sie diesmal nicht nur für ein paar Tage als Mykonos-Vertretung im Sommerloch einspringt. Sie erwartet harte Rathaus-Wochen bis zur traditionell vollgepackten letzten Vollversammlung vor den Ferien. Sie führt als oberste Katastrophenschützerin den Hungerstreik-Krisenstab an, der bis zuletzt formal nicht aufgelöst wurde. Sie wird Chefin der 30 000 Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Und das zwei Monate lang, das hat es noch nicht gegeben.

Aber das sind nur kleine Besonderheiten im Vergleich zum bittersüßen Beigeschmack ihres Urlaubsamts. Süß – weil Strobl doch noch ganz an die Spitze der Stadt aufrückt. Bitter – weil es der Krebs war, der sie ihrer möglichen Kür zur echten, ersten Oberbürgermeisterin der Stadt beraubte.

Es ist noch keine vier Jahre her, dass sie einen Knoten in der Brust ertastete. Im September 2009 die Diagnose: Krebs! Dienstags rollte sie im Klinikum Neuperlach in den OP, samstags war sie schon beim Wiesn-Einzug dabei. Doch eine Oberbürgermeisterin muss mehr als nur lieb auf Kutschen lächeln und winken. Strobl hätte sich das Amt bis dahin zugetraut und viele in der Partei auch. Sie hätte sogar wie einst der junge Ude als 2005 gewählte Zweite Bürgermeisterin fast ein Anrecht auf die Kandidatur für die Wahl im März 2014 gehabt. Dann kamen Chemotherapie und Bestrahlung. „Es geht einfach nicht“, dachte sie sich und gab ihren Verzicht im Herbst 2010 bekannt. Den OB hat sie viel früher eingeweiht.

Das schmerzt nicht mehr. „Ich habe mich innerlich hundertprozentig entschieden“, sagt Strobl. „Sonst würde ich immer dieses Packerl mit mir herumtragen.“ Aber am Anfang saß ihr das kleine Teufelchen auf der Schulter und flüsterte ohne Pause: „Du könntest vielleicht doch… Du wärst die erste Frau…“ Das wird sie jetzt für zwei Monate, nicht für ein Leben. Die Bürgermeisterin sagt: „Der Krebs schläft nur. Ich will ihn nicht wieder aufwecken.“

Heute geht es Strobl gut. Die letzten Untersuchungen haben nichts ergeben und doch zittert sie vor jedem neuen Termin. Schließlich haben ihre Kinder Maria (15) und Michi (19) schon den Vater verloren: Ihr Mann war vor zehn Jahren bei einer Wanderung tot zusammengebrochen.

Witwe, alleinerziehende Mutter, Krebs-Diagnose: Weichenstellungen sind das, die ein ganzes Leben in eine andere Richtung lenken. Doch ihre Lokomotive rollt – jetzt sogar mit einem schönen Schlenker. Strobl wird als amtierende Oberbürgermeisterin die Bewerbung der Stadt um die Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2020 durch den Stadtrat bringen. Das Bewerbungsprogramm namens Bidbook hat sie schon unterzeichnet. Wenigstens ein bisschen Blitzlicht im Leben der Sozialbürgermeisterin.

Im September wir der rote Teppich wieder eingerollt: Dann besucht sie wieder mehr Schulen, eröffnet Krippen und macht Verwaltung, Verwaltung, Verwaltung. „Ich fühle mich in meiner Rolle wohl“, sagt Strobl. In ihrem Verantwortungsbereich verteilt die Stadt Milliarden. Ihr größter Erfolg nennt sich in schönstem Behördendeutsch „Bedarfsorientierte Budgetierung“ – die Stadt muss 50 Millionen Euro für Kitas pro Jahr nicht mehr mit der Gießkanne verteilen, sondern kann sie gezielt dorthin stecken, wo es Probleme gibt.

Christian Ude zieht um

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Als Bürgermeisterin will sie auch weitermachen, anpacken, sie traut sich das voll zu – die Lok ist in Schwung, das kann jeder im Rathaus sehen. Jetzt braucht nur noch ihre SPD mit OB-Kandiat Dieter Reiter diesen Dampf für die Kommunalwahl 2014.

Wenn sie wieder in den Stadtrat gewählt wird und ihre Partei Anrecht auf den Posten des 1. OB-Vertreters hat, stünde Strobl bereit. Und sonst wünscht sie sich einfach nur, gesund zu bleiben.

David Costanzo

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