Manege des Lebens

tz-Besuch bei der Circus-Krone-Chefin

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Christel Sembach-Krone in ihrem Büro in der Villa gleich links vom Zirkuszelt. Die Elefanten-Statue auf dem Schreibtisch stammt noch vom Opa. Immer an Frauchens Seite: Dalmatiner-Hündin Diva (12)

München - Der Circus Krone: Er gehört einfach dazu zu dieser Stadt, er ist ein Stück Ur-München. Die tz besuchte Chefin Christel Sembach-Krone in ihrer Villa auf dem Zirkus-Gelände.

Der Eingang zum Krone-Bau. Links: die Villa, in der die Familie wohnt

Herrrrreinspaziert? Nein, das nicht. Nicht so locker, nicht so laut. Diesem Ort und dieser Dame gebührt wohl ein bisschen Zurückhaltung. Wir treffen Christel Sembach-Krone (76), die Chefin des Circus Krone – in ihrer Villa auf dem Zirkus-Gelände. Sie und ihre Leute bereiten sich grad auf das erste Programm dieses München-Winters vor. Wenn’s am 25. Dezember losgeht, dann werden wieder jede Menge Promis auf den Tribünen sitzen. Und jede Menge Du-und-ich-Münchner sowieso. Der Circus Krone: Er gehört einfach dazu zu dieser Stadt, er ist mit seiner über 100-jährigen Geschichte ein Stück Ur-München. Lassen Sie uns ein bissl darüber reden, Frau Sembach-Krone. Über den Zirkus, über die Stadt. Und über ein spannendes Leben. Vorhang auf:

Das Hauptquartier

Der feste Bau, das Winterquartier an der Marsstraße: Das macht Krone in der Zirkus-Welt zu etwas Besonderem. Europas größter Zirkus hat ein echtes, greifbares Zuhause. Und das gilt auch für die Chefin selbst. Christel Sembach-Krone sagt: „München ist meine Heimat. Hier bin ich geboren, hier bin ich groß geworden. Es ist jedes Mal schön, im Winter heimzukommen.“ In das Haus direkt neben dem eigentlichen Zirkusgebäude. In das Haus, das einst die Großeltern gebaut haben und in dem jetzt die ganze Familie wohnt. Büro und Salon, Küche und Kinderzimmer, Arbeit und Privatleben, Beruf und Freizeit: Das alles gehört hier zusammen. Zirkus geht nur im Rund-um-die-Uhr-Betrieb – er fordert alles und gibt viel. Christel Sembach-Krone: „Der Zirkus ist wie mein großer Bruder.“

Unterwegs

Die Zeit wird wieder kommen – die Zeit, in der das Kribbeln beginnt. Dann, wenn der Zirkus nach dem Münchner Winter auf Tournee geht. Und, so viel ist sicher: Die Chefin wird natürlich dabei sein. Ruhestand? Rente? Pah! Kein Gedanke. Sie sagt: „Wenn der Zirkus im Frühjahr auf Reisen geht, und ich müsste allein dableiben: Das wäre furchtbar für mich.“ Sie braucht das Unterwegs-Sein, die Anspannung. Auch, wenn sie dann natürlich wieder für einige Zeit auf die Heimat verzichten muss: „Wenn ich unterwegs bin, dann vermisse ich vor allem das Bairische. Den Münchner Dialekt, mit dem ich aufgewachsen bin und den ich jeden Winter höre.“

Die Familie

Christel Sembach-Krone steht in der Tradition ihrer Eltern und Großeltern – und sie gibt diese Tradition weiter. Die Adoptivtochter und Juniorchefin Jana Mandana (33) präsentiert die Pferde-Dressur, die Sembach-Krone so am Herzen liegt. Und sie macht es gut. Christel Sembach-Krone lobt: „Sie ist sehr fleißig, probiert von morgens bis abends.“ Janas Mann Martin Lacey (35) ist Raubtier-Dompteur. Demnächst wird er dem Publikum auch die sechs süßen weißen Baby-Löwen zeigen, deren Fotos Sie schon in der tz gesehen haben. Sohnemann Alexis ist mit seinen vier Jahren schon ganz Zirkuskind. Er kann Deutsch, Englisch und Italienisch – auch Chinesisch versteht er schon gut. Christel Sembach-Krone ist stolz auf ihr Enkelkind und gleichzeitig ein bisserl wehmütig: „Wie schnell die Zeit vergeht… Wie schnell Kinder groß werden…“

Der Kampf

Der Flitter der Manege? Die Musik? Der Applaus? Ja, schon. Aber zum Zirkus-Leben gehören auch viele harte Tage. Heute vielleicht noch mehr als früher. Sembach-Krone sagt: „Alles ist schwieriger geworden.“ Es fängt schon damit an, einen Ort zu finden: „In den meisten Städten ist alles zugebaut. Aber wir brauchen viel Platz, um das Zelt und die Wohnwagen aufzustellen – insgesamt rund 20 000 Quadratmeter.“ Mindestens die gleiche Aufmerksamkeit verlangen die Diskussionen über die Tierhaltung. Viel ist in den vergangenen Jahren darüber gestritten worden, ob Tiere im Zirkus überhaupt weiterhin erlaubt bleiben sollten. Und, falls ja, unter welchen Bedingungen. Christel Sembach-Krones Meinung ist da eindeutig: „Tiere gehören zum Zirkus wie die Tore zum Fußball. Für uns sind sie viel mehr als unsere Arbeit – sie sind unser Leben. Wir haben die besten Ärzte, wir geben ihnen das beste Futter.“

Die Pferde

Wir reden lang an diesem Nachmittag – und immer wieder kommen wir auf dieses eine Thema zurück: die Pferde. Christel Sembach-Krone sagt: „Das Pferd ist das edelste Tier, es ist so feinfühlig. Es ist am schwierigsten zu dressieren. Und jedes hat seinen eigenen Charakter.“ Auch Sembach-Krones früheste Zirkus-Erinnerungen haben mit Pferden zu tun: „Als mein Papa die Pferde nach der Vorstellung abritt, durfte ich mitreiten – ich saß vor ihm im Sattel. Als ich größer war, hinter ihm. Und als ich noch ein bisschen größer war, durfte ich allein reiten.“ Der Beginn einer großen Leidenschaft, die bis heute anhält: „Ich freue mich jedes Mal, wenn ich in den Stall komme. Wenn die Pferde zuerst nur meine Stimme hören. Und wenn sie dann nachschauen, wo ich bin.“

Die Direktorin

Christel Sembach-Krone ist eine Chefin. Eine echte. Sie führt nicht bloß irgendeinen Zirkus, sondern ein Unternehmen. Krone hat über 200 Angestellte, gibt jeden Tag allein rund 6000 Euro für Futter aus. Da den Überblick zu behalten: Das fordert Einsatz. Für Christel Sembach-Krone heißt das zum Beispiel ganz konkret, dass sie jeden Brief, der an den Zirkus geht, persönlich aufmacht und liest. Vor allem bei Rechnungen ist das wichtig: „Ich will ja wissen, wohin das Geld geht.“ Und was im Krone-Bau passiert, weiß die Chefin auch immer genau. Sie kann sich die Bilder von Video-Kameras auf den Fernseher schalten (zum Beispiel aus den Ställen). „Ich schau Zirkus“, sagt sie dann. Das funktioniert übrigens nicht nur in der Villa, sondern auch auf Tournee im Wohnwagen, per Satelliten-Übertragung.

Nach der Vorstellung

Das Zirkus-Leben hinterlässt seine Spuren, klar. Christel Sembach-Krone hat’s im Kreuz und in den Knien. Sie sagt: „Ich habe meinen Körper verbraucht. Ich habe viel gemacht und ich bin oft von Pferden gesprungen.“ Nein, das ist kein Klagen. Zum Jammern ist Christel Sembach-Krone viel zu lebenslustig und tatkräftig. Und, auch das gehört dazu: Sie hat nach wie vor ihren eigenen Kopf. „Mir wird immer wieder eingeredet, was ich tun sollte – zum Beispiel mit dem Rauchen aufhören. Aber das mache ich nicht. Wissen Sie was? Vor Kurzem war der Arzt hier, um mir eine Spritze zu geben. Er hat gesehen, dass ich rauche. Dann hat er mich gefragt, ob er auch eine Zigarette haben kann.“ Spricht’s – und zündet sich noch eine an.

Die Zukunft

Wie ist das mit der Computer-Generation? Wie passt das zusammen mit dem Zauber der Manege und dem Schweiß der Artisten? Christel Sembach-Krone hat da keine Angst. Sie sagt: „Solang es Kinder gibt, wird es auch den Zirkus geben.“

Uli Heichele

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Das 1. Winterprogramm

Träume der Circuskunst gibt es ab 25. Dezember im Circus Krone zu sehen. Unter anderem tritt eine spektakuläre Truppe aus Nordkorea auf. Karten gibt es an der Zirkuskasse, im zentralen Kartenverkauf (Marienplatz, Stachus), im Netz (circus-krone.com) und unter Tel. 545 8000.

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