Er kämpfte als Anwalt der Entrechteten

Claus Bastian: Seine Rache an den Nazis

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Der Ex-Häftling trat in den 50er-Jahren als Anwalt der Entrechteten auf.

München - Claus Bastian war der Häftling mit der Nummer 1 im KZ Dachau. Seine aufgestaute Wut über den erlittenen Nazi-Terror entlud sich in seiner Arbeit als Rechtsanwalt.

Die Befreiung im KZ Dachau.

Der Krieg war vorbei, die Nazi-Herrschaft beendet und Claus Bastian (1909-1995) hatte trotz der Anweisung des Nazi-Amtsgerichtspräsidenten Singer, dass er „auf lebenslänglich kein öffentliches Amt bekleiden werde“, seine Ausbildung zum Anwalt durchgezogen. Zu Hause in der Familie war der KZ-Aufenthalt kein Thema, sein 1947 geborener Sohn Stephan erfuhr erst in den 60er-Jahren vom Schicksal seines Vaters im KZ Dachau – vom Häftling mit der Nummer 1. Dafür entlud sich die aufgestaute Wut über den erlittenen Nazi-Terror bei Claus Bastian in seiner Arbeit als Rechtsanwalt, als die Opfer der Nazi-Herrschaft nur mit großen Anstrengungen auf finanzielle Entschädigung hoffen konnten und zwangsenteignete Juden nur mit enormem gerichtlichen Aufwand ihre Entschädigungsforderungen stellen konnten.

Er führte über 2000 Prozesse

Claus Bastian führte alleine in München über 2000 Prozesse, damit enteignete Juden wenigstens einen Teil ihres Vermögens, ihrer Immobilien und Geschäfte zurückbekamen. Während der Nazi-Herrschaft war Münchens Oberbürgermeister Karl Fiehler einer der schärfsten Judenverfolger. Mit der „Verordnung zur Ausschaltung von Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ hatte er freie Hand, Vermögen zu beschlagnahmen, Geschäftsleute zu enteignen und ihre Betriebe arischen Besitzern zu überschreiben. Die meisten Enteigneten landeten wie Bastian im KZ Dachau. Jetzt revanchierte er sich als Anwalt der Entrechteten in den Wiedergutmachungsprozessen, bei denen seine Wutausbrüche gefürchtet waren, wenn ein Verfahren ins Stocken geriet oder weil die arischen „Besitzer“ das jüdische Vermögen nicht mehr rausrücken wollten.

Der Kampf gegen die Gräfin

Aufsehen erregte in den 50er-Jahren auch der „Kaunitz-Prozess“, eine Prozess-lawine von 170 einzelnen Gerichtsverfahren, in denen Bastian im Auftrag der Wittelsbacher bei Gräfin Wrbna-Kaunitz während der Nazizeit verschwundene Millionen einzuklagen versuchte und bei dem es um zwangsenteignete Immobilien ging. Gräfin Wrbna-Kaunitz war mit 17 Generalvollmachten bayrischer Prinzen und Prinzessinnen ausgestattet, mit denen sie Wittelsbacher-Vermögen durch die Nazi-Zeit bringen sollte und von dem auch Claus Bastian danach nicht mehr viel aufstöbern konnte.

Der Anwalt des Nobelpreisträgers

Claus Bastian verschwand zwischen seinen Münchner Gerichtsterminen immer wieder mal nach Afrika, denn auch in Lambarene hatte er einen Mandanten, für den er schwierige Rechtsfälle erledigte: den Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer: „Albert Schweitzer ist einer der Riesen, die mir in meinem Leben begegnet sind. Der große Missionsarzt in Afrika, Kulturphilosoph, Bachforscher, Orgelspieler. Auch als alter Mann war er wirklich toll.Wenn der aufgetreten ist, das war einfach überwältigend.“

Das Projekt mit Gunter Sachs

Mit Claus Bastian untrennbar verbunden ist das Modern Art Museum of Munich, das er zusammen mit Gunter Sachs und Konstantin von Bayern 1967 in der Villa Stuck auf die Beine stellte. Grundstock sollte die erst kürzlich in der Stuckvilla wieder gezeigte „Sammlung Gunter Sachs“ sein, die damals auch ein Treffpunkt für Künstler und Kunstinteressierte aus der ganzen Welt war. Vor Olympia 1972 scheiterte das Projekt aber an einem geeigneten Ausstellungsgebäude.

Der Maler Claus Bastian

Und dann war da auch noch der Maler Claus Bastian, von dem mehrere bekannte Kreuzwege in Münchner und oberbayerischen Kirchen stammen, mit denen er scheinbar all die grausamen KZ-Erlebnisse verarbeitet hat. „Auf einmal hab ich gemerkt, dass Malen für mich was Schönes ist. Wie beim Hans im Glück: Das Leben schenkt dir auf einmal etwas ganz anderes, als du erwartet hast. Und ich glaub, ich hab nicht umsonst gelebt.“

Heinz Gebhardt

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