Simon Pearce findet das gar nicht lustig

Münchner Comedian gerät in Polizeikontrolle - weil er schwarz ist?

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Simon Pearce auf dem Dach unseres Pressehauses.

Comedian Simon Pearce hat im Herbst 2015 an alle Münchner geschrieben, die glauben, in einer toleranten Stadt zu leben. Ein Erlebnis, das er seinerzeit schilderte, hat sich jetzt wiederholt - im Zug nach München. 

München - Wenn der Münchner Comedian Simon Pearce auf der Bühne steht, erzählt er Geschichten, bei denen den Zuhörern das Lachen im Hals stecken bleibt. „Humor ist das beste Mittel, um auf Rassismus und Intoleranz aufmerksam zu machen – und etwas in den Köpfen zu verändern“, schrieb Pearce 2015 in seinem Gastbeitrag für unsere Nachrichtenseite. Darin beschrieb er zum Beispiel diese Szene:

„Ich saß im ICE von München nach Hamburg. Zwei Polizisten wollten meinen Personalausweis sehen. Sie behaupteten, das sei eine Stichprobe. Ja, ja, diese spontanen Stichproben von Schwarzen. Ich kenne, erlebe sie häufig in München.  Ein Geschäftsmann hinter mir mischte sich ein: „Dann möchte ich bitte auch kontrolliert werden“, sagte er zu den Polizisten. Und auch die Frau neben mir streckte den Polizisten ungefragt ihren Ausweis entgegen.

Ich wunderte mich nicht darüber, dass sich die beiden Polizisten danach sofort ins Bordbistro setzten – statt weitere Reisende nach ihren Ausweisen zu fragen. Weil ich die einzige Stichprobe auf dieser Zugfahrt war.“

Eine ähnliche „stichprobenartige“ Polizeikontrolle hat sich am Sonntagmittag (19. März) wiederholt, schreibt Pearce auf seiner Facebookseite. Diesmal saß er im Zug von Memmingen nach München. 

(Der Dialog wird im Folgenden so wiedergegeben, wie Pearce ihn in seinem Post beschreibt.) 

Er tippte demnach auf der Tastatur seines Notebooks, als er hörte: „Polizeikontrolle.“

„Wieso?“

„Stichprobe, haben Sie einen Ausweis?“ 

Er bejahte. 

„Drogen dabei?“ 

Er verneinte.

„Wenn ich jetzt in Ihre Reisetasche schau‘, find‘ ich nix?“

„Wenn ich es Ihnen erlauben würde, würden Sie nix finden“, erwiderte Pearce.

„Spuckt der Polizeicomputer was aus, wenn ich Ihren Namen da eingebe?“

„Probieren Sie es halt aus, ich würde jetzt hier gerne weiterarbeiten.“

Danach sollen die Polizisten die nächsten Sitzreihen übersprungen haben. „Und was sehe ich im nächsten Abteil? Natürlich einen weiteren zufällig ausgewählten Farbigen, der gerade seine Hosentaschen ausleeren muss.“ Pearce kommentiert: „Racial was? Mach ma ned, kemma ned. Soll nochmal einer sagen, ich soll ned rumheulen. Manchmal nervt‘s scho einfach.“

So reagiert die Polizei auf den im Raum schwebenden Vorwurf des „Racial Profiling“

Der Vorwurf des „Racial Profiling“ schwebt also im Raum. Der Begriff meint Kontrollen, Ermittlungen oder Überwachungen, bei denen Menschen alleine wegen ihres Aussehens ins Visier der Polizei geraten. Unsere Recherche ergibt, dass es sich am Sonntag im Eurocity von Zürich nach München nicht um eine Kontrolle der Bundespolizei gehandelt hat, sondern um eine Kontrolle von Beamten der Polizeistation in Pfronten im Landkreis Ostallgäu. Das bestätigte Jürgen Krautwald, Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. 

Die Beamten hätten in dem Eurocity von Zürich nach München „nach Rechtsgrundlage“ gehandelt, es handelte sich um eine grenzüberschreitende Zugverbindung. Krautwald bezieht sich auf Paragraf 13 („Identitätsfeststellung und Prüfung von Berechtigungsscheinen“), Satz 5, des Bayerischen Polizeiaufgabengesetzes. Darin heißt es: „Identitätsfeststellung und Prüfung von Berechtigungsscheinen im Grenzgebiet bis zu einer Tiefe von 30 km sowie auf Durchgangsstraßen (Bundesautobahnen, Europastraßen und anderen Straßen von erheblicher Bedeutung für den grenzüberschreitenden Verkehr) und in öffentlichen Einrichtungen des internationalen Verkehrs zur Verhütung oder Unterbindung der unerlaubten Überschreitung der Landesgrenze oder des unerlaubten Aufenthalts und zur Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität“

Der Polizeisprecher verneinte die Frage, ob in dem Fall von Pearce möglicherweise allein die Hautfarbe Anlass zur Kontrolle war. 

Beim Singspiel des traditionellen „Politiker-Derblecken“ am Nockherberg spielte Pearce einen Flüchtling. Neben ihm steht Stephan Zinner als Markus Söder.

Ein Bahn-Sprecher kommentiert im Gespräch mit unserer Onlineredaktion knapp: „Die Polizei hat die Hoheit und geht nach eigenem Ermessen vor.“

Mehrheit der Deutschen findet es okay, wenn Polizei Menschen wegen Hautfarbe kontrolliert

63 Prozent der Deutschen halten Polizeikontrollen, die an die Hautfarbe oder andere ethnische Erscheinungsmerkmale anknüpfen, für weitgehend unproblematisch. Das ergibt eine im Januar veröffentlichte, repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Etwa 69 Prozent der Befragten sind danach der Ansicht, „Racial Profiling“ sei nötig oder eher nötig für eine effektive Polizeiarbeit. Sechs Prozent finden dies überhaupt nicht, 14 Prozent eher nicht.

sah

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