Fall wurde heute vor einem Jahr bekannt

Gurlitt: Der Bilder-Krieg nimmt kein Ende

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Hier wohnte Cornelius Gurlitt.

München - Heute vor einem Jahr wurde bekannt, dass der damals 80-jährige Cornelius Gurlitt unbemerkt jahrzehntelang mit rund 1500 Gemälden gelebt hat, unter denen etliche in Verdacht stehen, Nazi-Raubkunst zu sein.

Der Fall war eine Sensation: Eine millionenschwere Kunstsammlung mit verschollenen Werken und Nazi-Vergangenheit sowie ein zunächst geheimnisvoller Protagonist, der als „Phantom“ bekannt wurde. Bis heute hält der „Fall Gurlitt“ die Kunstwelt in Atem – auch ein knappes halbes Jahr nach dem Tod von Gurlitt, dessen berühmtester Satz war: „Mehr als meine Bilder habe ich nichts geliebt in meinem Leben.“

Im Februar 2012 beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Augsburg die ersten 1280 Kunstwerke wegen des Verdachts auf ein Steuer- und Vermögensdelikt in Schwabing. Doch das war nur die Spitze des Eisbergs.

Hunderte Werke aus Gurlitts Sammlung stehen nach Auffassung der Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ im Verdacht, Nazi-Raubkunst zu sein. Gurlitts ehemaliger Betreuer spricht von acht Bildern mit möglicherweise dunkler Vergangenheit.

Der Fall brachte das sträflich vernachlässigte Thema der Nazi-Raubkunst auf die politische Agenda. Und verdeutlicht, wie lax in Deutschland bislang das brisante Thema behandelt worden war.

Jüngstes Beispiel: Die Dresdner Anwältin Sabine Rudolph bezeichnet im Focus die Arbeit der Taskforce als „desaströs“. Sie vertritt die Nachkommen des jüdischen Sammlers Fritz Glaser. Bis heute verweigere die Stelle wichtige Unterlagen. „Dabei hat Glaser alle seine Bilder von Hand nummeriert. Man könnte zumindest die Handschriften vergleichen.“ Insgesamt 13 Bilder gehörten wohl Fritz Glaser.

Der New Yorker Anwalt David Toren, der schon vor Monaten das Vorgehen kritisierte – er erhebt Anspruch auf Max Liebermanns Reiter am Strand – reichte laut Focus zum zweiten Mal in den USA Klage gegen Deutschland und den Freistaat Bayern ein. Obwohl die Taskforce seinen Anspruch anerkannt habe, werde bis heute die Herausgabe des Bildes verweigert, sagt das Magazin.

Die Leiterin der Taskforce, Ingeborg Berggreen-Merkel, verteidigt im Focus die Vorgehensweise: „Schnelligkeit darf nicht auf Lasten der Gründlichkeit gehen“. Der Fall Gurlitt in Streiflichtern:

Die Meisterwerke aus dem Gurlitt-Schatz

Mitten im Herzen Münchens kam einer der spektakulärsten Bilder-Schätze ans Tageslicht – Hunderte Werke aus Gurlitts Nachlass stehen laut Taskforce im Verdacht, Nazi-Raubkunst zu sein. Unter den rund 1500 gefundenen Gemälden, Grafiken, Lithografien etc. befinden sich neben Werken von u. a. Picasso, Renoir oder van de Velde auch das Selbstporträt, rauchend von Otto Dix, Paul Cézannes Die Badenden  und Max Beckmanns Zandvoordt Strandcafé. Die Taskforce hat alle der Nazi-Raubkunst verdächtigen Bilder ins Internet auf lostart.de stellen lassen. Ob das Kunstmuseum Bern Gurlitts Erbe annehmen wird, will es am 26. November entscheiden.

Der „Koffer-Fund“

Der jüngste Gurlitt-Fall, der durch die Presse ging, war der „Koffer-Fund“: Cornelius Gurlitt hatte die Abendliche Landschaft von Claude Monet im Gepäck während seines Klinik-Aufenthalts. Der Koffer wurde vier Monate nach seinem Tod im Mai 2014 gefunden. Das Bild galt 60 Jahre lang als verschollen.

Erbe nach Bern?

Ob das Kunstmuseum Bern das Gurlitt-Erbe annimmt, dürfte sich bald entscheiden. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, warnt das Haus: Würde es das Erbe voreilig annehmen, „würde es die Büchse der Pandora öffnen und eine Lawine von Prozessen auslösen“, zitiert der Spiegel.

Gurlitts Grab in Düsseldorf

Cornelius Gurlitt hat neben seinen Eltern, der auch für die Nazis tätigen Bildersammler Hildebrand (1895 – 1956) und Helene (1895 – 1968) auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof seine letzte Ruhe gefunden. Am 19. Mai dieses Jahres fand die Beerdigung statt, zwei Dutzend Trauergäste waren anwesend – darunter Verwandtschaft und die Leiterin der Taskforce.

Gurlitt beigesetzt - Bilder vom Düsseldorfer Nordfriedhof

Gurlitt beigesetzt - Bilder vom Düsseldorfer Nordfriedhof

Gurlitts Haus und Wohnung: Schatzkammern

Neben seiner Schwabinger Wohnung, in der ein Großteil der Bilder aus dem Nachlass Hildebrand Gurlitts lagerten, besaß Cornelius Gurlitt noch ein Haus bei Salzburg. An beiden Plätzen verwahrte er die Kunstwerke. In der Schwabinger Wohnung fanden die Fahnder rund 1400 Werke, in dem heruntergekommenen Haus in Salzburg weitere 238 Bilder und mehr – darunter von Monet und Picasso. Hunderte der gefundenen Exponate stehen laut Taskforce in Verdacht, Nazi-Raubkunst zu sein.

Rückblick: Am 28. Februar 2012 durchsuchten Fahnder die Schwabinger Wohnung Gurlitts, über ein Jahr später wird die Beschlagnahmung öffentlich. Nach langem Hin und Her unterschreibt Gurlitt im April 2014 einen Vertrag: Er erklärt sich bereit, Nazi-Raubkunst freiwillig zurückzugeben.

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