Kritik an Sanktionen

Gurlitts Anwälte fordern Sammlung zurück

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Das Namensschild von Kunstsammler Cornelius Gurlitt an der Tür zu seinem Haus in Salzburg. 

München - Die Anwälte des Münchner Kunstsammlers Cornelius Gurlitt gehen in die Offensive. Auf einer Internetseite sparen sie nicht mit Kritik am Vorgehen gegen ihren Mandanten.

Auf www.gurlitt.info beklagen sie eine ungerechte Behandlung des 81-Jährigen. Dort ist auch ein Statement von Gurlitt persönlich zu lesen. „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstinteressierte“, schreibt er darin. „So viel ist in den vergangenen Wochen und Monaten passiert und passiert noch immer. Ich habe nur mit meinen Bildern leben wollen, in Frieden und in Ruhe.“

Vor zwei Jahren wurden Gurlitts Bilder beschlagnahmt, seit Bekanntwerden des Falls im vergangenen Jahr wird darüber diskutiert. „Manches von dem, was über meine Sammlung und mich berichtet wurde, stimmt nicht oder stimmt so nicht“, heißt es in Gurlitts Statement. „Deshalb wollen meine Anwälte, mein Betreuer und ich hier einige Informationen bereitstellen um die Diskussion um meine Sammlung und um meine Person zu versachlichen.“

Nur drei Prozent der Gurlitt-Bilder Nazi-Raubkunst?

Das Vorgehen gegen seinen Mandanten sei vor allem im Vergleich mit anderen Sammlungen nicht in Ordnung, kritisierte Gurlitts Anwalt Hannes Hartung am Montag. „In Deutschland gibt es viele öffentliche und private Sammlungen, in welchen der Anteil an potenzieller Raubkunst viel höher ist als in der Sammlung Gurlitt - für diese Sammlungen und die dort verantwortlichen Museumsdirektoren gibt es jedoch augenscheinlich keine Sanktionen.“

Kunstfund in München - Chronologie

Kunstfund, München, Gurlitt
22. September 2010: Der Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt wird auf einer Zugfahrt von Zürich nach München kontrolliert. Zollfahnder schöpfen Verdacht, es könne ein Steuerdelikt vorliegen. © dpa
Kunstfund, München, Gurlitt
28. Februar 2012: Gurlitts Wohnung in München wird durchsucht. Die Fahnder entdecken rund 1400 Gemälde, Aquarelle, Lithografien, Drucke und Zeichnungen vor allem aus der klassischen Moderne. Der Fund wird geheim gehalten, die Berliner Kunstexpertin Meike Hoffmann mit der Erforschung der Herkunft beauftragt.3. November 2013: Das Nachrichtenmagazin „Focus“ bringt den Fall an die Öffentlichkeit und sorgt damit für eine Sensation. © dpa
Kunstfund, München, Gurlitt
4. November: Regierungssprecher Steffen Seibert sagt, die Bundesregierung habe „seit mehreren Monaten“ von dem sensationellen Fund gewusst. © dpa
Kunstfund, München, Gurlitt
5. November: Die Staatsanwaltschaft Augsburg, die gegen Gurlitt ermittelt, und die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann geben eine Pressekonferenz. Fotos einiger weniger Kunstwerke werden gezeigt. Der Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz sagt, man wolle die Bilder weiter unter Verschluss halten. © dpa
Kunstfund, München, Gurlitt
6. November: Vor allem wegen des Verdachts, viele der gefundenen Werke seien Nazi-Raubkunst, wächst die internationale Kritik am Vorgehen der Behörden. „Wir wollen so schnell wie möglich eine Liste der Werke in der Sammlung veröffentlicht sehen“, fordert Anne Webber von der Commission for Looted Art in Europe mit Sitz in London. © dpa
Kunstfund, München, Gurlitt
7. November: Nach immer lauterer Kritik wollen Bund und Bayern schnell Klarheit über den spektakulären Kunstfund schaffen. Das Haus von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) plädiert für eine Veröffentlichung der 1400 Werke. © dpa
Kunstfund, München, Gurlitt
8. November: Der Provenienzforscher Willi Korte fordert die rasche Einsetzung einer Taskforce zur Erforschung des Kunstschatzes. © dpa
Kunstfund, München, Gurlitt
11. November: Außenminister Guido Westerwelle (FDP) warnt vor einem Schaden für Deutschlands Ansehen. Am Abend werden schließlich die ersten 25 Werke auf der Plattform „lostart.de“ eingestellt. Eine Taskforce wird eingesetzt, sie soll die Herkunft der Bilder erforschen. Laut Staatsanwaltschaft können 380 Werke dem zugeordnet werden, was die Nationalsozialisten „Entartete Kunst“ nannten. Bei 590 Werken müsse überprüft werden, ob sie den rechtmäßigen Eigentümern in der Nazi-Zeit verfolgungsbedingt genommen wurden. © dpa
Kunstfund, München, Gurlitt
13. November: Die „Süddeutsche Zeitung“ hat Cornelius Gurlitt vor seiner Wohnung abgepasst und zitiert ihn mit dem Kommentar: „Das alles ist eine große Büberei.“ © dpa
Kunstfund, München, Gurlitt
14. November: Hunderte weitere Gemälde des Münchner Kunstschatzes sollen im Internet zu sehen sein. Dies kündigt die Leiterin der Taskforce, Ingeborg Berggreen-Merkel, an. © dpa
Kunstfund, München, Gurlitt
15. November: Der bayerische Justizminister Winfried Bausback (CSU) dringt auf eine Verständigung mit Gurlitt. Eine einvernehmliche Lösung sei im Interesse aller. © dpa

Nur bei drei Prozent der 1280 Werke aus dem spektakulären Schwabinger Kunstfund gebe es derzeit den Verdacht, es könne sich um Nazi-Raubkunst handeln, sagte Hartung. Bei den Bildern aus Gurlitts Haus in Salzburg habe sich nach einem Abgleich mit Suchmeldungen in Verlustregistern keinerlei Verdacht ergeben. Mit sechs Anspruchstellern gebe es Verhandlungen. „Mehr haben sich bis dato nicht bei uns gemeldet.“ In den Verhandlungen gehe es derzeit vor allem um das Bild „Femme assise“ von Henri Matisse, Max Liebermanns „Zwei Reiter am Strand“ sowie und die Sammlung Dr. Glaser aus Dresden.

Die Taskforce „Schwabinger Kunstfund“, die die Herkunft der Bilder im Auftrag der ermittelnden Staatsanwaltschaft Augsburg klären soll, geht von knapp 600 verdächtigen Bildern aus. Sie wurden in die Online-Datenbank lostart.de eingestellt.

Druck auf Staatsanwaltschaft wächst

Inzwischen wächst nach Informationen des „Spiegel“ der Druck auf die ermittelnde Staatsanwaltschaft Augsburg. Wie das Magazin berichtet, gibt es im bayerischen Justizministerium Zweifel am Vorgehen gegen den Kunstsammler Cornelius Gurlitt. Das Ministerium sehe die Staatsanwaltschaft auf sehr dünnem Eis und habe angefragt, ob sie Gurlitt überhaupt strafbares Verhalten vorwerfen könne, berichtete das Nachrichtenmagazin.

Dazu, ob Gurlitt und seine Anwälte eine Beschwerde gegen die Ermittlungen erwägen, wollte Gurlitts Sprecher Stephan Holzinger sich am Montag zunächst nicht äußern.

dpa

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