Ministerium prüft Kulturschutz

Gurlitts Bilder gehen in die Schweiz

München - Die millionenschwere Bildersammlung von Cornelius Gurlitt geht an das Kunstmuseum Bern in der Schweiz. Dies teilte das Museum am Mittwoch mit.

Der gestorbene Kunstsammler Cornelius Gurlitt hat seine umstrittene millionenschwere Sammlung dem Kunstmuseum Bern in der Schweiz vermacht. Die privatrechtliche Stiftung Kunstmuseum Bern wurde laut Testament zur „unbeschränkten und unbeschwerten Alleinerbin eingesetzt“, wie der Direktor des Museums, Matthias Frehner, am Mittwoch mitteilte. Die Nachricht habe eingeschlagen „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“, ergänzte er. Es habe „zu keiner Zeit irgendwelche Beziehungen zwischen Herrn Gurlitt und dem Kunstmuseum Bern“ gegeben.

Museumsdirektor zeigt sich überrascht

Wie Gurlitt aufs Kunstmuseum Bern kam, liegt aber auf der Hand: Immer wieder fuhr der Sohn des Nazi-Bilderhändlers und -sammlers Hildebrand Gurlitt in die Hauptstadt der Eidgenossen, um mit einer Galerie Geschäfte zu machen. Da Cornelius Gurlitt nie einer Arbeit nachging, lebte er vom Verkauf seines Erbes. Hier wird er das Museum wohl häufiger besucht haben - schließlich ist das 1879 eingeweihte Haus in der Hodlerstraße auch ein Hort für deutschen Expressionismus und Werke Paul Klees - Künstler, die in Gurlitts Sammlung großes Gewicht hatten.

Gurlitt hinterließ seinen letzten Willen nach Angaben des Münchner Amtsgerichtes bei einem Notar in Baden-Württemberg. Das Gericht wird nun prüfen, ob das Testament gültig ist.

Das Berner Museumsdirektor zeigte sich „einerseits dankbar und freudig überrascht“. Er wolle aber auch nicht verhehlen, dass das Vermächtnis „eine erhebliche Verantwortung und eine Fülle schwierigster Fragen aufbürdet, Fragen insbesondere rechtlicher und ethischer Natur“.

Ministerium prüft Kulturschutz

Zuvor war auch spekuliert worden, dass Gurlitt seine Bilder einem österreichischen Museum vermacht haben könnte. Dass die ausgewählte Institution sich in der Schweiz befindet, könnte weitere gesetzliche Hürden bedeuten. Nach Einschätzung des Erbrechts-Experten Anton Steiner, Präsident des Deutschen Forums für Erbrecht, könnte das „Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes greifen“, wenn die Bilder in ein Nicht-EU-Land gehen sollen. Das bayerische Kunstministerium kündigte an, die Sammlung auf ihre Bedeutung für das deutsche Kulturgut zu prüfen. „Das wird dann von Bild zu Bild zu betrachten sein“, sagte er. Es sei unwahrscheinlich, dass die Bilder aus der Gurlitt-Sammlung bereits im „Verzeichnis national wertvolles Kulturgut“ aufgelistet sind. Allerdings kann die Auflistung beantragt werden. „Ob das Gesetz wirklich zur Anwendung kommt, wenn die Bilder nicht verkauft, sondern in einem deutschsprachigen Museum ausgestellt werden sollen, das ist allerdings mehr als fraglich.“

Zuständig wäre in dem Fall das bayerische Kunstministerium. „Unser Ministerium wird deshalb - wie im Gesetz vorgesehen - die Kunstwerke aus dem Besitz des verstorbenen Cornelius Gurlitt unter dem Gesichtspunkt national wertvollen Kulturguts überprüfen müssen und entsprechende Werke auch in diese Liste aufnehmen“, sagte ein Ministeriumssprecher.

Gurlitts Sprecher Stephan Holzinger wollte sich zu dem Inhalt des Testaments nicht äußern. Fest steht aber: Die Sammlung Gurlitts wird im Gesamten nach Bern gehen - also einschließlich derjenigen Bilder, die Gurlitt in seinem Haus bei Salzburg gebunkert hatte. Ausgenommen sind natürlich diejenigen, über die die von der Bundesregierung eingesetzte Task Force entscheidet: Sie sind Nazi-Raubkunst. Erst vor vier Wochen hatte Gurlitt zugestimmt, die Bilder prüfen zu lassen. Sie liegen in einem Zolldepot bei München. Seit der Beschlagnahmung durch den Zoll im Februar 2012 hat der scheue Bildersammler „seine“ geliebten Werke nicht mehr gesehen. Mögliche Erben von Nazi-Raubkunstbildern befürchten, dass sich die Rückgabe weiter verzögern werde.

Gurlitt sah seine Bilder nicht mehr

Cornelius Gurlitt, der Sohn von Adolf Hitlers Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, war am Dienstagvormittag im Alter von 81 Jahren in seiner Münchner Wohnung gestorben - ohne seine geliebten Bilder, die im Februar 2012 beschlagnahmt worden waren, vorher noch einmal zu sehen.

Sowohl Holzinger als auch das bayerische Justizministerium betonten, dass die Anfang April getroffene Vereinbarung zwischen Gurlitt und dem Staat auch für die Erben Gültigkeit besitzt - auch wenn dies nicht explizit im Vertrag stehe. Gurlitt hatte der Bundesregierung und dem Freistaat Bayern vertraglich zugesichert, seine Sammlung von Experten untersuchen zu lassen. Unter Nazi-Raubkunstverdacht stehende Werke werde er gegebenenfalls zurückgeben. Die Taskforce Schwabinger Kunstfund geht von 458 verdächtigen Bildern aus, Gurlitt und seine Anwält sprachen stets von nur rund 40. Insgesamt waren 1280 Bilder in Gurlitts Wohnung in München-Schwabing gefunden worden.

Gutlitts Leichnam wird obduziert

Die Staatsanwaltschaft München will den Leichnam des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt obduzieren lassen. „Es gibt einen Beschluss des Amtsgerichtes für eine Obduktion“, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch und bestätigte einen Bericht der „Bild“-Zeitung. Die Staatsanwaltschaft habe eine Obduktion beantragt, weil eine eindeutige Todesursache nicht habe festgestellt werden können. „Wir wollen damit klären, wie die Todesursache tatsächlich ist und ob es Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden gab.“ Bislang gebe es solche Anzeichen allerdings nicht.

„Nach den uns vorliegenden Informationen war zum Todeszeitpunkt kein Arzt dabei“, sagte Steinkraus-Koch. Gurlitts Anwälte hatten dagegen mitgeteilt, Gurlitt sei am Dienstag nach langer, schwerer Krankheit im Beisein seines Arztes und eines Pflegers in seiner Münchner Wohnung gestorben. Sollte die Obduktion kein eindeutiges Ergebnis bringen, will die Staatsanwaltschaft toxikologische Tests durchführen. Das Ergebnis könne allerdings einige Wochen auf sich warten lassen.

Kunstfund in München - Eine Chronologie

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„Die Vereinbarung zwischen Herrn Gurlitt, dem Freistaat Bayern und dem Bund enthält keine genuin erbrechtliche Vereinbarung“, sagte Holzinger zwar. „Es ist jedoch anzunehmen, dass potenzielle Erben von dieser Vereinbarung gebunden sind, weil sie dem ausdrücklichen Willen von Herrn Gurlitt entsprach.“ Es bedürfe jedoch einer näheren erbrechtlichen Überprüfung durch das Gericht oder die potenziellen

Mathias Bieber/dpa

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