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Corona-Alarm auf Intensivstationen: So läuft die Triage in München - Notärztin redet Klartext

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Von: Andreas Beez

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Notärztin und Münchner Klinik-Koordinatorin: Professor Dr. Viktoria Bogner-Flatz
Eine Frau aus der Praxis: die Notärztin und Münchner Klinik-Koordinatorin Professor Dr. Viktoria Bogner-Flatz. © privat

Als Krankenhaus-Koordinatorin managt Prof. Viktoria Bogner-Flatz (40) unter anderem die Verteilung der Corona-Patienten auf die Münchner Kliniken. Im Interview mit tz und Münchner Merkur analysiert die Chefärztin der Zentralen Notaufnahme der Kreisklinik Ebersberg, was Triage im Krankenhaus-Alltag bedeutet.

Gibt es bereits Triage auf den Intensivstationen?

Prof. Viktoria Bogner-Flatz: Die meisten Menschen stellen sich unter Triage folgendes Horroszenario vor: Zwei Patienten, ein Beatmungsgerät – und die Ärzte entscheiden, wer überlebt oder stirbt. Solche Fälle mag es in Bergamo gegeben haben, aber aus Bayern ist mir eine derartige Entscheidung über Leben und Tod nicht bekannt. Wahr ist allerdings auch, dass wir durch die Ausnahmesituation wegen Corona bewährte Behandlungsstandards immer öfter über Bord werfen müssen.

Was bedeutet das für die Patienten?

Prof. Viktoria Bogner-Flatz: Ein Beispiel: Weil kein Intensivbett mehr frei war, mussten wir einen schwerkranken Patienten nach seiner Operation für einige Stunden in einem Schockraum der Notaufnahme unterbringen. Während er dort beatmet und überwacht wurde, haben wir fieberhaft herumtelefoniert, um woanders ein Intensivbett für ihn zu organisieren. Später wurde er dann in eine Klinik im Landkreis verlegt. Dass so etwas einen schwerkranken Patienten zusätzlich stresst, lässt sich nicht wegdiskutieren.

Auch viele Tumorpatienten können nicht mehr so gut behandelt werden, wie es eigentlich nötig wäre. Ist das keine Triage?

Prof. Viktoria Bogner-Flatz: Es ist leider Fakt, dass immer wieder Tumor-Operationen abgesagt werden müssen, weil kein Intensivbett mehr frei ist. Das ist nur schwer zu ertragen – insbesondere wenn Ungeimpfte ein Intensivbett blockieren. Für uns Ärzte ist die Situation ebenso problematisch wie herausfordernd: Wenn ein Corona-Patient zu sterben droht, versucht man ihn natürlich zu retten. In diesem Moment hat man den Tumorpatienten nicht direkt vor Augen, obwohl er durch die OP-Verzögerung genauso in Lebensgefahr geraten könnte wie der Covid-Patient.

Sollten Geimpfte im Falle einer Triage bevorzugt behandelt werden?

Prof. Viktoria Bogner-Flatz: Das ist eine juristische und moralische Frage, die man nicht dem Arzt aufbürden sollte, der im Schockraum gerade den Beamtungsschlauch in der Hand hält.

Wie müssten die „klaren Leitplanken“ für eine Triage aussehen, die die Politik jetzt setzen will?

Prof. Viktoria Bogner-Flatz: Das Problem ist: Wir haben zwar bereits sinnvolle Regeln für die Priorisierung in der Notaufnahme und bei Katastrophenereignissen wie Massenunfällen oder Flugzeugabstürzen. Aber die besondere Situation in der Pandemie passt weder zu den einen noch zu den anderen Regelungen. Im absoluten Krisenfall wäre es sinnvoller, die Behandlungsstandards für alle abzusenken, als vor der Tür der Intensivstation über Leben und Tod entscheiden zu müssen.

Wie würde sich eine solche Notlösung auswirken?

Prof. Viktoria Bogner-Flatz: In der Pflege haben wir solche Maßnahmen bereits ergriffen. So hat eine Pflegekraft früher zwei Intensivpatienten betreut, heute sind es drei. Für die Kollegen ist diese zusätzliche Arbeitsbelastung extrem anstrengend. Es ist klar, dass es sich nur um eine Notlösung handeln kann.

Bergen konkretere Triage-Vorgaben nicht die Gefahr, dass der Arzt verklagt wird?

Prof. Viktoria Bogner-Flatz: Das müssen Juristen entscheiden. Aus ärztlicher Sicht gebe ich allerdings zu bedenken: Es wird eine große Herausforderung, die individuelle Entscheidung über ein Behandlungskonzept grundsätzlich in starre Regeln zu pressen. Es gibt ja schon viele gute und hilfreiche Leitlinien in der Medizin, aber diese müssen immer an den Einzelfall des Patienten angepasst werden.

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