Münchens schönste Schnapsidee

Brauerei bleibt im Lockdown auf Fassbier sitzen: Münchner Braumeister startet Experiment - „Super Ergänzung“

Aus Bier wird Schnaps: Braumeister Steffen Marx (li.) und Schnapsbrenner Johannes Schlemmer befüllen einen Kessel mit Bier.
+
Aus Bier wird Schnaps: Braumeister Steffen Marx (li.) und Schnapsbrenner Johannes Schlemmer befüllen den Kessel . . .

Bayerns Brauereien stehen vor einer kostspieligen Herausforderung: Ihnen wird das Fassbier schlecht, weil in der Pandemie die Wirtshäuser geschlossen haben. Beim Giesinger Bräu ist man deshalb auf eine wahre Schnapsidee gekommen.

  • Weil keine Feste stattfinden und die Gasthäuser geschlossen sind, läuft bei vielen Brauereien das Fassbier ab.
  • Inzwischen produzieren viele Brauereien nur noch wenig Fassbier. Trotzdem muss häufig Gesternsaft entsorgt werden.
  • Auch beim Giesinger Bräu gibt es das Problem. Dort versucht man, gemeinsam mit der Schnapsbrennerei „Bavarian Spirits“ aus einem Teil des abgelaufenen Bieres Schnaps herzustellen.

München - „Wenn man Bier wegschütten muss“, sagt Steffen Marx vom Giesinger Bräu, „dann blutet das Herz.“ Doch: Die Haltbarkeit von Fassbier, das wegen der Corona-Pandemie nicht in Gaststätten und auf Veranstaltungen getrunken wird, endet irgendwann. Beim Giesinger Bräu sind es 18.500 Liter Bier, die deshalb entsorgt werden müssen – eine Größenordnung von rund 120 Vollbädern.

Corona: Große Herausforderungen für Brauereien - Giesinger Bräu startet Experiment

Aber nicht alles landet im Abfluss: Ein Teil wird in Containern nach Unterhaching in die Schnapsbrennerei von Johannes Schlemmer, Geschäftsführer von „Bavarian Spirits“, gekarrt. Dort wird das Bier zu Bierschnaps verarbeitet. „Es ist ein Experiment“, sagt Steffen Marx. 800 Liter Bier wurden bisher eingebrannt. „Wenn das Ergebnis stimmt, können wir die Produktion weiter ausbauen“, hofft er. Der Giesinger Bräu hat bereits einen Gin im Angebot.

Marx und Schlemmer kennen sich schon länger – so war die Idee schnell geboren. „Der Bierschnaps ist eine super Ergänzung“, sagt Marx. „Die Alternativen, was man mit dem Bier sonst machen kann, sind rar.“ Nicht benötigtes Fassbier in Flaschen umzufüllen sei nicht möglich – es bleibt oft nur die Vernichtung.

Corona in Bayern: Bei vielen Brauereien läuft das Fassbier ab - Giesinger Bräu stellt damit Bierschnaps her

Geschieht das unter Aufsicht, bekommen die Brauereien immerhin die Biersteuer und die Kosten für das verdorbene Bier ersetzt. „Das ist ein kleiner Trost“, sagt Walter König vom Bayerischen Brauerbund. „Aber die größte Unterstützung wäre natürlich wieder eine offene Gastronomie.“

Das Problem mit abgelaufenem Fassbier haben viele Brauereien - auch die großen. Das Unternehmen Anheuser-Busch InBev mit den Brauereien Spaten, Löwenbräu und Franziskaner Weissbier bestätigt, dass Bier vernichtet werden musste. „In diesem Jahr aber nicht mehr in dem Umfang wie im letzten Jahr“, sagt Sprecher Fried Allers.

Man habe extra die Produktion angepasst. „Wir versuchen so tagesaktuell wie möglich zu planen, zu brauen und abzufüllen, um Vernichtung so weit wie möglich zu vermeiden“, erklärt auch Johannes Rieger von der Paulaner-Brauerei-Gruppe, zu der neben Paulaner unter anderem Hacker-Pschorr gehört. Auch in Osthessen kennt man die Problematik.*

Corona in Bayern: Großer Verlust für viele bayerische Brauereien - „Businessplan um zwei Jahre zurückgeworfen“

„Alkoholfreie Getränke, die wir aus geschlossenen Gastronomien zurückholen, geben wir an gemeinnützige Organisationen weiter.“ Hofbräu hat ebenfalls die Fassabfüllung reduziert. „Wir sind vorsichtig“, sagt Sprecher Stefan Hempl. „Bisher haben wir kein Bier weggeschüttet.“ Normalerweise gehen zwei Drittel des Hofbräu-Bieres an die Gastronomie.

Ein Verlust bleibt oft aber in jedem Fall, wie Steffen Marx bestätigt. 100 000 Euro hätte er normalerweise durch das Fassbier eingenommen. Wie viel ihm ersetzt wird, weiß er noch nicht sicher. „Die Corona-Krise hat unseren Businessplan um zwei Jahre zurückgeworfen“, befürchtet er. Schon seit Langem stellt er gar kein Fassbier mehr her. Immerhin der Flaschenverkauf laufe gut. „Unser Online-Shop ist doppelt so stark wie sonst“, sagt er und betont: „Ich bin immer optimistisch, auch jetzt.“

Der Schnaps soll hopfig und fruchtig schmecken und ein gutes Aroma haben

Johannes Schlemmer

Der Bierschnaps scheint jedenfalls zu gelingen. Die Umstellung auf dessen Produktion war für die Schnapsbrennerei gar nicht groß: „Der Brennprozess ist bei Bier nahezu gleich wie bei Single-Malt-Whiskey“, erklärt Johannes Schlemmer.

In ein paar Wochen sollen rund 35 Liter Bierschnaps fertig sein. Der Alkoholgehalt soll dann bei etwa 40 Prozent liegen. Wie viel der Schnaps im Verkauf kostet, steht noch nicht fest. Sein Geschmack zeichnet sich aber schon ab. Schlemmer verrät: „Der Schnaps soll hopfig und fruchtig schmecken und ein gutes Aroma haben.“

Ob heuer wieder auf dem Oktoberfest gefeiert werden kann? Die Brauerei Hofbräu ist optimistisch - und plant längst den Start der Bierproduktion für die Wiesn im Herbst 2021. Alle wichtigen Infos zur Corona-Pandemie in München und Bayern gibt es in unserem News-Ticker. *fuldaerzeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare