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Trauerarbeit trotz Corona: Bestatterin appelliert an die Politik - „Für Abschied gibt es keine zweite Chance“

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Von: Katharina Haase

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Nicole Rinder arbeitet seit 20 Jahren im Bestattungsinstitut AETAS in München.
Nicole Rinder arbeitet seit 20 Jahren im Bestattungsinstitut AETAS in München. © Norman Pretschner/ fkn

Der Tod gehört zum Leben und das Trauern gehört zum Tod. Doch Corona erschwert auch das. Nicole Rinder vom Bestattungsinstitut AETAS in München über menschliche Tragödien von Tod und Abschied während der Pandemie.

„Warum kommst du nicht?“ Diese Frage, voller Vorwurf, von ihrem Ehemann unter bitteren Tränen an sie gerichtet, wird die Frau wohl nie mehr vergessen. Der persönliche Abschied nach 50 gemeinsamen Jahren - am Ende bleibt er dem Paar verwehrt. Während der Mann, der unter Krebs im Endstadium leidet, in der Klinik im Sterben liegt, wird seine Frau von einer Grippe geplagt. Mit Grippe-Symptomen ins Krankenhaus - in Corona*-Zeiten unmöglich. Der Mann ist leicht dement und geschwächt. Er versteht nicht mehr alles, was um ihn herum geschieht. Er weiß nur, dass seine Frau nicht bei ihm ist. Und stirbt, ohne sie noch einmal gesehen zu haben. Zurück bleibt eine Witwe, die den Rest ihres Lebens darunter leiden wird, ihrem Mann in den letzten Stunden seines Lebens nicht beigestanden zu haben.

Trauer und Tod während der Corona-Pandemie: Jeder verwehrte Abschied ist eine menschliche Tragödie

Nicole Rinder vom Bestattungsinstitut AETAS in München kann viele solcher Geschichten erzählen. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind sie nahezu alltäglich geworden, diese menschlichen Tragödien um verwehrte Abschiede, Begrenzung von Trauergästen und verlorenen Austausch von Hinterbliebenen. „Der Schwerpunkt unserer Arbeit ist eigentlich die Gestaltung des letzten Fests“, sagt Rinder im Gespräch mit Merkur.de. Wie soll der Sarg aussehen, welche Kleidung soll der oder die Verstorbene tragen, welche Musik soll bei der Trauerfeier gespielt werden? Besonders wichtig jedoch - die verstorbene Person noch einmal sehen, persönlich Abschied nehmen zu können. Doch genau das sei durch die Corona-Pandemie besonders erschwert worden, sagt Nicole Rinder. „Den Abschied von einem geliebten Menschen kann man nicht nachholen. Da gibt es nur diese eine Möglichkeit.“

Nicole Rinder von AETAS in München: Arbeit während Corona-Pandemie belastet auch die Mitarbeiter

Die 49-Jährige weiß, wovon sie spricht. Vor 20 Jahren starb ihr Sohn vier Tage nach der Geburt. Danach schulte Nicole Rinder um, von der Arzthelferin zur Trauerbegleiterin. Heute ist sie stellvertretende Geschäftsführerin von der „AETAS - Lebens- und Trauerkultur“ und arbeitet mit dem Mann zusammen, der ihren Sohn bestattet hat. Die Pandemie sei eine enorme emotionale Belastung, auch für die Mitarbeiter, sagt Rinder. „Wir müssen jetzt zum Beispiel den Angehörigen sagen, dass nur noch zehn Personen zum persönlichen Abschied kommen dürfen.“ Auswählen, wem man erlaubt, sich persönlich von einer verstorbenen Person zu verabschieden und wem es verwehrt bleibt - eine Last die keinem Trauernden zusätzlich zu seinem Schmerz aufgebürdet werden sollte. „Das sind Entscheidungen, die auch psychische Folgen haben werden. Nicht gleich, aber das kommt irgendwann“, sagt Rinder.

Bestattungen zu Pandemie-Zeiten: Umgang mit Corona-Toten ist die „größte Tragik“

Die „größte Tragik“ sei allerdings der Umgang mit den Corona-Toten. Diese werden im Schutzanzug von den Bestattern abgeholt, werden direkt in den Sarg gelegt. Dieser muss danach verschlossen bleiben. Ein persönlicher Abschied ist hier auch für die engsten Angehörigen nicht möglich. „Zu Beginn der Pandemie war es besonders schlimm, da durfte man sich ja nicht mal im Krankenhaus oder Pflegeheim von den Kranken verabschieden“, so Rinder. Diese Maßnahmen seien mittlerweile etwas gelockert worden. Doch die Regeln für die Bestatter sind die gleichen geblieben.

Besonders die „tragischen Todesfälle“, wie Nicole Rinder sie nennt, seien belastend für die Mitarbeiter Wenn es um Suizid geht, um Unfälle, wenn jemand einen plötzlichen Herzinfarkt erleidet oder ein Kind stirbt - „den Angehörigen dann sagen zu müssen, dass nicht alle kommen dürfen, diese Verzweiflung zu sehen und auch auszuhalten, obwohl man am liebsten die größte Halle für sie aufsperren würde, das zehrt schon sehr.“

AETAS in München: Nicht nur bestatten sondern auch trauern - Corona nimmt vielen den Abschied

Die Räumlichkeiten von AETAS sehen nicht so aus, wie es wohl viele sich bei einem Bestatter vorstellen würden. Alles ist hell und freundlich gestaltet, in der Trauerhalle fällt warmes Licht auf die Worte des Abschieds, die in großen Buchstaben an an der Wand hängen. Zwei Räume gibt es, in denen die Angehörigen, Freunde, Arbeitskollegen oder Nachbarn sich von dem aufgebahrten Toten verabschieden können. Sie sind ebenfalls hell und offen, mit großen Glasfronten, durch die das Tageslicht hereinfällt. Dahinter ein kleiner Garten, in dem die Angehörigen Luft holen können. Ein Zaun versperrt Fremden den Blick hinein. Den Hinterbliebenen soll die Intimität des letzten Abschieds nicht genommen werden.

Wenn die Trauernden dort einem verstorbenen Menschen die letzte Ehre erweisen, ist diese bereits von den Bestattern zurechtgemacht, trägt im besten Fall die Kleidung, die die Hinterbliebenen ausgewählt haben, sei es die Lieblingsbluse oder der Festtagsanzug. Wenn die Angehörigen dies wünschen, wird in diesen Räumen auch der Sarg gemeinsam gestaltet, bemalt, behangen oder beschriftet, es wird gemeinsam Musik ausgewählt, die bei der Bestattung gespielt werden soll. „Unser Ziel ist es immer, dass die Menschen nach der Trauerfeier sagen können „Das hätte ihm jetzt gefallen“ oder „Ja, genau so war sie.““, sagt Nicole Rinder. Der Tod sei nach wie vor eine Sache für die es keine zweite Chance gibt. Man könne keine Strategie entwickeln, all das, was ohne Pandemie möglich war nachzuholen oder zu ersetzen. Am Ende müssten die Trauernden mit den Vorgaben zurechtkommen. Den Angehörigen von Corona-Toten bliebe somit meist nur der Abschied direkt am Grab „aber das ist einfach nicht das Gleiche“, sagt Rinder.

Angebote für Trauernde und Hinterbliebene: AETAS muss coronabedingt vieles aufgeben

AETAS ist kein reines Bestattungsunternehmen. Das Institut verfügt auch über Angebote, die über Abschied und Bestattung hinaus gehen. So gibt es beispielsweise einen Rückbildungskurs, in dem Frauen zusammenkommen, die ihr Kind während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt verloren haben, während sie die AETAS-Kinderstiftung um die Kinder und Jugendlichen kümmert, die, zumeist plötzlich, einen Elternteil verloren haben. Zudem gibt es einen monatlichen Stammtisch für Witwer und Witwen und unter normalen Umständen finden auch ein Trauerchor und eine Yoga-Gruppe statt. Doch die Umstände sind nicht normal. Nach einem kurzen Aufatmen im Sommer steigen die Corona-Inzidenzen in Bayern wieder stark an - und AETAS muss auch diese Angebote wieder stark zurückfahren. „Trauergruppen und Trauersprechstunden versuchen wir weitestgehend aufrecht zu erhalten. Doch wir halten natürlich auch bei uns alle Maßnahmen ein, wenn diese von der Regierung vorgegeben werden, wie zum Beispiel die 2G-plus-Regel. Und das schließt dann auch manche Leute aus, was wir weitestgehend vermeiden wollen.“ Dabei sei vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen wichtig, denn Trauer macht auch einsam, wenn Freunde oder Bekannte den Schmerz nicht begreifen können.

Erhöhte Suizidrate bei Kindern seit Beginn der Corona-Pandemie?

Was Nicole Rinder auch schwer zu schaffen macht, ist das Empfinden, dass die Zahl der Suizide von Kinder und Jugendlichen im Verlauf der Pandemie stark gestiegen sei. „Vom Gefühl her hatten wir deutlich mehr Fälle von gerade mal 12- bis 15-Jährigen, die sich das Leben genommen haben, so habe ich es in 20 Jahren nicht erlebt“, sagt Rinder. Natürlich wisse man den Auslöser in vielen Fällen nicht, doch auffällig gewesen sei es dennoch. Tatsächlich listet die polizeiliche Kriminalstatistik Bayern für das Jahr 2020 24 vollendete Selbsttötungen in der Altersgruppe der sechs- bis 17-Jährigen im Freistaat auf, dazu 191 Suizidversuche. Mehr als jeden zweiten Tag also, war ein Kind in Bayern im Jahr 2020 so verzweifelt, dass es seinem Leben ein Ende setzen wollte. Glaubt man den Statistiken, liegt die Zahl 2020 somit nicht viel höher als vor der Corona. Dennoch - die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen vor allem zu Pandemie-Zeiten ist allseits bekannt. Die meisten der daraus resultierenden Krankheiten wie Depressionen oder Essstörungen haben Langzeitfolgen für die Betroffenen. Die Angst vor einem Anstieg der Selbsttötungen in jungen Jahren ist deshalb nicht unbegründet. Für das Jahr 2021 liegen noch keine Zahlen vor, doch Nicole Rinder ist sich sicher: „Zumindest bei uns war es in diesem Jahr so, dass die enorm hohe Suizidrate von Kindern und Jugendlichen extrem aufgefallen ist.“

Würdiger Abschied für Hinterbliebene: Nicole Rinder appelliert an die Politik

Da derzeit nicht absehbar ist ob und wann die pandemische Lage sich nachhaltig beruhigen wird, hofft Nicole Rinder nun vor allem auf ein Umdenken der Politiker. „Man sollte Trauernde nicht einschränken. Man sollte sie nicht vor die Entscheidung stellen, wer sich verabschieden darf und wer nicht. Man sollte ihnen den Abschied von einem geliebten Menschen nicht verwehren“, so Rinder. Die Folgen für die Hinterbliebenen seien enorm. Dass Fußballstadien geöffnet bleiben, während trauernde Hinterbliebene sich auf 13 Plätze in einer Aussegnungshalle beschränken müssen - dafür fehle ihr das Verständnis. Deshalb wünscht sie sich, dass, unter Einhaltung aller hygienischen Möglichkeiten, zumindest die Beschränkung bei Abschieden und Trauerfeiern weiter gelockert werden. „Geburtstage, Taufen, Hochzeiten - das alles kann man nachholen. Aber sterben tut ein Mensch nur einmal. Wenn uns ein solcher Abschied verwehrt bleibt, dann gibt es keine zweite Chance.“ kah *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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