Streit um Zulassung des Biontech-Impfstoffs

Impfen verbummelt? Münchner Klinik-Chef wirft Spahn und Merkel Versagen vor - “Skandalöse politische Vorgang“

Verbummelt die Bundesregierung die Corona-Impfung? Ein renommierter Münchner Klinikchef äußerst scharfe Kritik an Gesundheitsminister Spahn und Kanzlerin Merkel.

  • Nach England haben jetzt auch in den USA und Kanada die Impfungen mit dem Biontech-Impfstoff begonnen.
  • Deutschland hat bislang keine Notfallzulassung erteilt und will weiter abwarten.
  • Ein renommierter Münchner Klinik-Chef kritisiert die Bundesregierung massiv.
  • Top-Virologe Kekulé nimmt Gesundheitsministerin Spahn & Kanzlerin Merkel in Schutz.

EU-Arzneimittelbehörde prüft noch immer

München - Hoffnung made in Germany: Die ganze Welt reißt sich um den Corona*-Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech. „Gute Besserung, USA, gute Besserung, Welt“, twitterte Donald Trump. Die Impfdosen seien verladen und auf dem Weg, jubelte der Noch-Präsident.

Der Chef des Deutschen Herzzentrums München, Professor Dr. Rüdiger Lange.

Gestern wurde die erste Amerikanerin geimpft, auch Kanada wollte gestern starten, England hat bereits letzten Dienstag begonnen. In Deutschland und vielen europäischen Nachbarländern dagegen sollen die Impfungen erst im Januar starten. Weil in der EU die Prüfung durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) noch immer nicht abgeschlossen ist.

Ausgerechnet Deutschland wartet noch immer ab – und das, obwohl der Biontech-Impfstoff aus unserem Land kommt und auch mit unseren Steuergeldern entwickelt worden ist.

Professor Dr. Rüdiger Lange, Chef des Deutschen Herzzentrums in München.

„Nicht nur Herr Trump lacht sich ins Fäustchen. Inzwischen haben sogar Bahrain, Singapur und einige andere Staaten den Impfstoff zugelassen. Doch ausgerechnet Deutschland wartet noch immer ab – und das, obwohl der Biontech-Impfstoff aus unserem Land kommt und auch mit unseren Steuergeldern entwickelt worden ist“, sagt Professor Dr. Rüdiger Lange gegenüber Münchner Merkur* und tz*. Der Chef des Deutschen Herzzentrums wirft dem Gesundheitsminister Jens Spahn „Versagen bei der Impfstoff-Strategie“ vor: „Ich halte das Zögern der Bundesregierung für einen skandalösen politischen Vorgang.“

Kritik auch von der FDP-Opposition im Bundestag

Auch die FDP-Opposition greift die regierenden Politiker an: „Seit Monaten hören wir aus dem Kanzleramt und von den Ministerpräsidenten, dass im Winter eine zweite Welle zu erwarten sei und dass es dann alsbald mit dem Impfen losgehen werde, trotzdem wurden für beides praktisch kaum Vorbereitungen getroffen.“

Professor Lange: Merkel für Verzögerung indirekt mitverantwortlich

Kanzlerin Angela Merkel sei zumindest indirekt mitverantwortlich dafür, dass Deutschland einen früheren Impfstart verbummelt habe, so der Münchner Klinikdirektor Lange weiter: „Ich hätte mir gewünscht, dass die Kanzlerin im Kampf gegen eine so gefährliche ansteckende Krankheit auf eine Notfallzulassung drängt.“ Dies wäre aus Sicht des Mediziners, der seit Jahrzehnten stark in Zulassungsprozesse für Medizinprodukte eingebunden ist, ohne Weiteres möglich gewesen. Dazu hätte die Bundesregierung nach einer Freigabe ihrer Fachbehörde, des Paul-Ehrlich-Instituts, einen entsprechenden Beschluss fassen können. Doch die Kanzlerin setzt auf eine europäische Lösung. Die EMA ist insgesamt für 27 Nationen zuständig.

Daten aus Biontech-Impfstufe längst in Fachmagazin veröffentlicht

Merkels Strategie hält Lange für falsch. „Alle Daten der Biontech-Impfstudie sind letzte Woche in dem renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht worden. Danach ist der Impfstoff nach den bisherigen Erfahrungen sehr sicher. Weitere Erkenntnisse kann auch die EMA bis zu ihrer festgesetzten Frist vom 29. Dezember zu diesem Zeitpunkt nicht gewinnen.“ Mögliche Langzeitschäden des Impfstoffs seien – wenn es sie denn überhaupt geben sollte – ohnehin noch nicht absehbar.

Herz-Professor: Politik könnte Todesfälle verhindern

„Bis zum 4. Januar sind es noch 21 Tage. Wenn – wie zuletzt – 500 Opfer am Tag zu beklagen wären, dann hätten wir bis zum Start der Impfungen über 10 000 weitere Corona-Opfer in Deutschland. Zumindest einen Teil der Todesfälle könnte die Politik verhindern“, kritisiert Lange. „Anstatt sich auf den Wettbewerb zu beschränken, welcher Politiker die härtesten Lockdown-Vorschläge unterbreiten kann, sollte die Regierung alle Anstrengungen unternehmen, den Bürgern den einzig rettenden Impfstoff zugänglich zu machen.“

Top-Virologe Kekulé: Enland ist ausgeschert - Deutschland hängt an Europa

Top-Virologe Prof. Dr. Alexander Kekulé

Dagegen nimmt Top-Virologe Professor Dr. Alexander Kekulé die Bundesregierung in der Impfstoff-Frage in Schutz. „Hier ist das Vereinigte Königreich ausgeschert, offenbar mit Blick auf den ohnehin anstehenden Austritt zum 31. Dezember“, sagte Kekulé Münchner Merkur und tz. Dem Vereinigten Königreich sei zugutegekommen, dass es bereits lange vor der EU einen eigenen Vertrag mit Biontech und dessen US-Partner Pfizer geschlossen habe, sodass nach der Zulassung sofort ausgeliefert wurde.

„Für Deutschland hätte das keinen Sinn gemacht, weil wir keine eigene Bestellung aufgegeben haben und deshalb an der EU-Gemeinschaftsbestellung hängen“, so Kekulé weiter. „Da die EU erst nach den USA, Canada, UK und weiteren Staaten geordert hat, werden wir auch erst nach diesen beliefert werden.“

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