„Wir können sofort 50.000 Mitarbeiter aufnehmen“

Corona-Folgen: Wird die Gastro in München teurer? - Wirte-Präsidentin zieht Bilanz

Die Wirte-Präsidentin Angela Inselkammer von der Dehoga beim Münchner Merkur
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Die Wirte-Präsidentin Angela Inselkammer hat eine klare Ansage für die Politik in Bayern.

Die Corona-Pandemie hat die Gastronomie in München hart getroffen. Was Wirte-Präsidentin Inselkammer Markus Söder zum Lockdown zu sagen hat.

München - Das Gastgewerbe zählt zu den am stärksten von der Pandemie betroffenen Branchen. Inzwischen sind Bewirtung und Beherbergung wieder möglich, doch die Wirte sorgen sich um die Lage im Herbst. Für Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA Bayern), steht fest: „Mit uns gibt es keine einseitigen Schließungen mehr.“ Wir sprachen mit ihr über Fachkräftemangel, die Suche nach Auszubildenden und das bayerische Lebensgefühl.

Nach Ende des Schuljahres machen sich viele Jugendliche Gedanken über ihre berufliche Zukunft. Was haben Sie jungen Leuten in Hotels und Gaststätten zu bieten?
Wir sprechen seit Jahren mit den Auszubildenden und fragen sie: Was gefällt Euch an der Branche? Zusammengefasst kam die Aussage heraus, dass jedes Talent bei uns seine Heimat finden kann. Dass man die Ausbildung in einem Alter macht, wo man noch nicht genau weiß, wo man sich beruflich wohlfühlt: im Umgang mit Menschen, im Büro oder hinter den Kulissen? Die Ausbildung bei uns ist die Basis für 111 Berufe. Mit einer grundsoliden Ausbildung in der Hotellerie und Gastronomie kann man heute überall alles machen.
Das macht die Branche auch anfällig für Abwerbungen.
Das ist leider auch unser Problem, weil unsere Fachkräfte überall in anderen Branchen genommen werden. Weil sie vielseitig einsetzbar sind, Menschen mögen, gerne Dienstleister sind, wirklich anpacken und mit Freude ihre Arbeit machen. Das sind Eigenschaften, die unsere Mitarbeiter auch für viele andere Arbeitgeber attraktiv machen. Der Einzelhandel wirbt derzeit ganz aggressiv um unsere Mitarbeiter.
Wie viele Auszubildende haben Sie in Ihrem Betrieb?
Wir bekommen heuer fünf neue Auszubildende. Insgesamt haben wir 20 Lehrlinge. Wir würden noch mehr einstellen, wenn wir mehr finden würden. Bei uns müssen alle probearbeiten, damit sie nicht blind in den Beruf hereinlaufen. Wichtig ist auch, dass die Eltern dahinterstehen.
Junge Leute, die eine Lehre beginnen, müssen befürchten, im Herbst wieder einen Lockdown zu erleben. Wie können Sie ihnen die Sorge nehmen?
Einseitige Schließungen unserer Branche sind unnötig und werden wir auch nicht mehr akzeptieren. Wir haben uns am Anfang der Pandemie und auch in der zweiten Welle solidarisch erklärt, damit nicht ganz Deutschland im Nichtstun versinkt. Dafür hat uns die Politik ja auch Entschädigungen bezahlt. Aber mit Geld kann man eben nicht alles heilen.
Haben Sie das Ministerpräsident Markus Söder auch schon gesagt?
Ja, wir sind im ständigen Austausch. Ich werde nicht mehr mittragen, dass die Hotellerie und Gastronomie einseitig geschlossen wird. Das geht nicht mehr. Ich möchte schon wertschätzen, was getan worden ist. Es ist in Deutschland ein enorm wichtiger finanzieller Ausgleich bezahlt worden. Aber wir wollen wieder zurückkehren zum Unternehmertum. Wir wollen unseren Mitarbeitern, die über Monate in Kurzarbeit waren, sagen: Das passiert nicht mehr. Entweder muss alles zugesperrt werden oder nichts. Das gilt auch für die Kultur und den Sport.
Corona-Bilanz in München: Restaurants und Biergärten könnten teurer werden.

Wir wollen unseren Mitarbeitern, die über Monate in Kurzarbeit waren, sagen: Das passiert nicht mehr. Entweder muss alles zugesperrt werden oder nichts. Das gilt auch für die Kultur und den Sport.

Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA Bayern)

Wirte-Präsidentin zur Impf-Pflicht in Hotels und Biergärten - „generell schwierig“

Nun gibt es Hoteliers, die nur noch geimpfte Gäste aufnehmen wollen. Ist das ein vernünftiger Weg?
Grundsätzlich kann jeder Hotelier in seinem Haus die Regeln aufstellen, wie er sie für vernünftig hält – innerhalb des gesetzlichen Rahmens. Ich halte die Aussage aber generell für schwierig. Nach anderthalb Jahren Pandemie* ist für mich der Anspruch an unser Land, dass wir gelernt haben, mit Corona* zu leben. Wenn wir es ermöglichen, dass die Menschen weltweit unterwegs sind, müssen wir auch alle Mittel einsetzen, die mehr Freiheiten erlauben. Also das Prinzip der drei Gs: mit Geimpften, Genesenen und Getesteten. Es gibt aber auch sehr viele Menschen, die sich nicht impfen lassen können, aus gesundheitlichen Gründen etwa. Meine Tochter hat ein Baby, sie stillt und kann sich nicht impfen lassen.
Diese Menschen wollen Sie nicht aussperren.
Ich finde, das geht nicht. Weil es andere Möglichkeiten gibt. Wenn ich in einem Restaurant essen möchte, muss ich mich halt vorher testen lassen.
Was halten Sie davon, von Mitarbeitern die Impfung zu verlangen?
Für mich im Haus gibt es das nicht. Es ist eine freiwillige Aktion, die jeder mit sich selber ausmachen muss. Man muss die Selbstverantwortung der Menschen fördern. Der Mitarbeiter, der nicht geimpft ist, muss sich ständig testen lassen und das auch vorweisen. Wir alle wissen ja, wie wir uns verhalten müssen. Und wir als Verband unterstützen die Aktion, sich impfen zu lassen, mit allen Möglichkeiten und Mitteln.
Die Ansteckungszahlen steigen jetzt wieder deutlich. Das lässt für den Herbst keine großen Hoffnungen aufkommen.
Die Inzidenzen werden weiter steigen. Ich glaube aber auch, dass man andere Parameter hinzuziehen muss. Inzidenz allein bedeutet noch nichts. Vor allem da die Inzidenz* bei den Jüngeren steigt und nicht bei den besonders gefährdeten Gruppen. Anfangs hat es immer geheißen: Wir müssen unser Gesundheitssystem stützen und aufpassen, dass nicht zu viele schwersterkrankt ins Krankenhaus kommen. Das haben wir selbstverständlich mitgetragen. Aber jetzt muss man unbedingt berücksichtigen, dass diejenigen, die sich jetzt infizieren, vielleicht nicht mehr so schwer krank sind. Wir können ja nicht immer in Panik verfallen, wenn die Zahlen steigen.

Gastro-Gau: 50.000 Mitarbeiter fehlen der Gastronomie in München „Das ist dramatisch“

Zahlreiche Mitarbeiter haben in der Pandemie den Beruf gewechselt. Wie stark wirkt sich das aus?
Zwölf Prozent der Mitarbeiter haben während Corona die Branche verlassen. Wir könnten jederzeit in Bayern 50 000 Mitarbeiter aufnehmen. Überall fehlen Fachkräfte, weil auch die Nachfrage gestiegen ist. Nicht so sehr in den Städten, aber im Umland: Dort ist die Nachfrage groß. Der Urlaub in Deutschland boomt.
Gibt es schon Zahlen, wie der Sommer bisher läuft?
Es ist überall viel los, aber es sind ja auch die Plätze halbiert worden. Die Menschen wollen nach dem Lockdown* unbedingt wieder in die Gastronomie. In den Städten fehlen aber die internationalen Touristen und die Geschäftskunden. Die Tourismusregionen sind voll, die Städte haben nach wie vor ein großes Problem. Die Hotellerie in München* hat nur eine Belegung von 30 Prozent. Das ist dramatisch.
Haben Sie Forderungen an die Politik zur Verbesserung der Lage?
Wir brauchen Zuversicht, langfristige Planbarkeit, zuverlässige Aussagen, die dann auch gelten.
Also das Versprechen, es wird keinen neuen Lockdown geben?
Die Politiker können jetzt kein Versprechen geben, das sehe ich auch ein. Aber sie können sagen, dass es keinen Lockdown in der Form gibt, dass nur die Gastronomie geschlossen wird. Das hat uns am meisten wehgetan, weil die anderen ja fast alle offen hatten. Wir brauchen die Zuversicht, dass man ganzheitlich vorgeht und nicht nur unsere Branche trifft.
Die Gastronomie, die Kultur und der Sport sind im Fokus, alle anderen Bereiche nicht. Dass wir immer als Erste betroffen sind, das schadet uns auch psychologisch. Durch den Lockdown haben wir gespürt, dass die Menschen einen großen Bedarf an unserer Branche haben. Im sozialen Zusammenleben ist es unbedingt wichtig, dass man Treffpunkte hat, wo man unbeschwert zusammenkommen kann. Wir sind als Branche ins Bewusstsein gerückt – und werden so auch als Arbeitgeber wieder attraktiv.
Auch mit besserer Bezahlung?
Wir müssen unsere Mitarbeiter wertschätzend behandeln. Ein Teil der Wertschätzung ist auch der Lohn. Wir haben festgestellt, dass bei allen Umfragen unter Mitarbeitern das Geld immer erst an dritter oder vierter Stelle kam. Die Behandlung und der Umgang miteinander stehen ganz oben. Das ist eine große Chance für unsere Branche, weil wir zusammen an der Front arbeiten. Da ist es einfach, die Wertschätzung zu teilen, die von den Gästen kommt. Leider pressiert es oft so, dass das manchmal zu kurz kommt. Wir sagen unseren Mitgliedern: Passt auf Eure Mitarbeiter auf. Sie müssen genauso geschätzt werden wie die Gäste.

Mit fünf, zehn Prozent mehr muss man wahrscheinlich schon rechnen.

Wirte-Präsidentin Angela Inselkammer zu den Restaurant-Preisen in München
Die Auflagen und Hygienekonzepte kosten. Um wie viel ist der Restaurantbesuch teurer geworden?
Das kann ich so nicht generell sagen. Es ist sicherlich nicht billiger geworden. Wenn wir den Mitarbeitern mehr bezahlen, was auch eine marktwirtschaftliche Notwendigkeit ist, dann wird sich das in den Preisen widerspiegeln. Wenn die Qualität stimmt, sind die Gäste auch bereit, dafür einen guten Preis zu zahlen. Wir dürfen aber den Bogen nicht überspannen – es ist ja gerade die bayerische Auffassung von Gastfreundschaft, dass man zusammen an einem Tisch sitzt. Das dürfen wir nicht gefährden mit Spitzenlöhnen, Spitzenqualität und Spitzenpreisen. Es muss zu Bayern passen: Leben und leben lassen.
Kann man es einordnen?
Wir haben eine Teuerungsrate von 3,8 Prozent. Mit fünf, zehn Prozent mehr muss man wahrscheinlich schon rechnen.
Der Gastrobereich ist mit 447 000 Mitarbeitern und 40 000 Betrieben eine Schlüsselbranche in Bayern. Haben Sie schon Zahlen, inwieweit die Krise das Wirtshaussterben beschleunigt hat?
Wir haben keine belastbaren Zahlen im Moment. Nachdem jetzt alle so eine Sehnsucht danach haben, in unseren Betrieben umsorgt zu werden und damit auch die Lebensfreude wieder zurückkehrt, versuchen alle, weiter durchzuhalten. Wenn es zu Aufgaben kommt, wird man das erst Anfang nächsten Jahres sehen. Dann wird sich zeigen, wer es schafft. Es gibt allerdings auch einige, die jetzt schon keine Kraft mehr haben.

(Interview: Georg Anastasiadis und Claudia Möllers) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.DIGITAL

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