Zwei hochrangige Schäffler erzählen, warum es gerade Parallelen zur Pestzeit gibt

Die Schäffler wollen in München heuer noch tanzen: „Wir warten auf den Anruf von Markus Söder“

Tanz der Schäffler am Marienplatz: 2019 war die letzte offizielle Tanzsaison. Die Tanzabfolge wird am Anfang und am Ende mit dem bayerischen Defiliermarsch eingeläutet.
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Tanz der Schäffler am Marienplatz: 2019 war die letzte offizielle Tanzsaison. Die Tanzabfolge wird am Anfang und am Ende mit dem bayerischen Defiliermarsch eingeläutet.

Eigentlich treten die Münchner Schäffler nur alle sieben Jahre auf – 2026 ist der nächste offizielle Tanz der legendären Fassmacher. Aber dieses Jahr wollen sie eine Ausnahme machen.

Vor über 500 Jahren, so erzählt man es sich, haben sie die Münchner nach der Pest erheitert. Auch das Ende der Corona-Pandemie* wollen sie feiern. Im Interview erzählen erster Vorstand Wilhelm Schmid und der zweite Vorstand Christian Baumann, wann es so weit sein könnte.

Es gibt Hoffnung. Das Ende der Pandemie ist absehbar. Wird es nicht langsam Zeit, dass die Schäffler tanzen?

Wilhelm Schmid: Diese Diskussion führen wir seit einem Jahr. Da hat man auch gemeint, die Pandemie ist vorbei, siew ar aber eben noch nicht vorbei. Aber eines kann ich sagen: Wir werden dieses Jahr noch tanzen. Aber erst nachdem Sommer. Denn es ist so: Unser Gwand ist ein reines Wintergwand. Bei null Grad ist es angenehm, aber im Sommer ist es unseren Tänzern nicht zuzumuten, in wollenen Strümpfen, Bundhose, Lederschurz und Weste aufzutreten. Darüber tragen wir eine dicke Joppe. Ich kann mich erinnern, dass wir mal beim Brauertag in München aufgetreten sind. Es war Juni und knallheiß. Allein beim Gedanken, gleich tanzen zu müssen, habe ich damals Schweißausbrüche bekommen.

Die Schäffler tanzen traditionell nach einer Pandemie. Sowardasauchbeider Pest in München.

Christian Baumann, zweiter Vorstand der Schäffler

Die Pandemie hält sich aber nicht an Jahreszeiten. Was ist, wenn Ministerpräsident Markus Söder nächste Woche erklärt, das Virus ist besiegt?

Schmid: Ein Tanz geht immer. Aber wir können nicht zehn Auftritte pro Tag machen. Ich kann auch schon verraten: Vor einiger Zeit habe ich einen Anruf aus der Staatskanzlei bekommen. Da haben sie mir gesagt: Der Herr Ministerpräsident möchte, dass der erste Tanz nach Corona vor ihm stattfindet. Aber ich habe natürlich keine Ahnung, ob Markus Söder noch vor den Bundestagswahlen Ende September Zeit für die Schäffler hat. Ich muss da mal anrufen.

Der Tanz ist kräftezehrend. Falls Ihr heuer noch auftretet –müsst Ihr vorher ins Trainingslager?

Christian Baumann: Ein Tanz dauert 23 Minuten. Jeder Schäffler verliert in einer sechswöchigenTanzsaison bis zu sieben Kilo. Es ist ein Knochenjob. Unsere Schäffler müssen sich selbst die Fitness holen. Den Tanz an sich verlernt man nicht, da reicht eine gemeinsame Probe.

Hättet Ihr nicht schon lange tanzen müssen, um den Menschen die Angst vor Corona zu nehmen?

Baumann: Die Schäffler tanzen traditionell nach einer Pandemie. So war das auch bei der Pest in München, als sich die Menschen monatelang nicht aus ihren Häusern getraut haben. Die Pest, das muss man sich mal vorstellen, ist 25 bis 30 Mal nach München gekommen. Schmid: Es gab Pestwellen in München, da ist ein Drittel der Bevölkerung ums Leben gekommen. Das sind unvorstellbare Zahlen. Das Schlimme war außerdem, dass die Wirtschaft darniederlag. Es sind keine Bauern mehr in die Stadt gekommen. Die Menschen haben furchtbar gehungert. Da geht es uns heute –trotz Corona –gut.

Gibt es trotzdem Parallelen zwischen der Corona und der Pestzeit?

Schmid: Die Pest kam auch aus China. Definitiv. Baumann: Um genau zu sein, war es die hintere Mongolei. 1340 ist die Pest dort ausgebrochen. Bis der Schwarze Tod über die Kaufleute, die auf der Seidenstraße unterwegs waren, bis nach Caffa, einer Hafenstadt auf der Krim, vorgedrungen ist, sind zwei Jahre vergangen. Dort gab es einen großen Ausbruch, worauf die italienischen Kaufleute mit ihren Schiffen heimgefahren sind. Natürlich hatten sie Ratten an Bord. So ist die Pest nach Europa gekommen.

Das Gwand sitzt noch perfekt: Wilhelm Schmid (l.) und Christian Baumann haben sich schon mal in Schale geworfen – jetzt fehlt nur der erste Auftrittstermin anno 2021.

Und wann war der erste Schäfflertanz in München?

Baumann: Das ist nicht ganz bewiesen. Die Geschichtsschreiber haben sich auf das Jahr 1517 festgelegt,aber wir können das Datum nicht beweisen. Es gibt sogar einen Professor,der glaubt,dass der erste Tanz noch viel früher war. Aber wir wissen es nicht.

Schmid: Der erste nachgewiesene Schäfflertanz war 1702. Da gibt es ein altes Schreiben, in dem die Zunft der Schäffler den Magistrat der Stadt München bittet, den Tanz wieder aufführen zu dürfen.

Nervt es Euch, dass Ihr in der Corona-Zeit immer wieder nach dem Tanz gefragt werdet? Oder macht es Euch stolz?

Schmid: Natürlich kann man die Pest und Corona nicht vergleichen. Aber es gibt Überschneidungen. Und es macht stolz, dass wir so viele Anfragen bekommen. Meine Schäffler fragen schon die ganze Zeit: „Wann tanz ma?“

Wir haben schon   bei Glatteis und bei minus 23 Grad getanzt. Schäffler sind hart im Nehmen.

Wilhelm Schmid, der Chef der Münchner Schäffler

Wie groß ist Eure Mannschaft?

Schmid: Wir brauchen für jeden Tanz 20 Tänzer, zwei Reifenschwinger, einen Fähnrich und zwei Kasperl. Bis 1956 gab es strenge Vorschriften: Man musste von Beruf gelernter Schäffler sein, man musste in seinem Beruf arbeiten, seit mindestens zwei Jahren in München wohnen, man musste geborener Bayer und ledig sein und man musste einen guten Leumund haben. Später wurden dann Bierfässer aus Alu eingeführt und die Zahl der Schäffler ist rapide nach unten gegangen. Seit 1977 dürfen auch Nicht-Schäffler bei uns mitmachen. Vom Banker bis zum Busfahrer haben wir alles dabei. 

Herr Schmid, Sie sind tatsächlich der letzte Fassmacher von München. Wie haben Sie die Corona-Zeit erlebt?

Schmid: Wir machen hauptsächlich Bierfässer für die großen Münchner Brauereien. Corona war im wahrsten Sinne des Wortes eine Durststrecke für uns. Wir hatten 14 Monate Kurzarbeit. Weil, wann braucht man ein Fass? Wenn mehra Leut beinander sitzen – im Wirtshaus, auf der Wiesn.

Sie tanzen schon immer vor Bayerns Königen und Ministerpräsidenten: Das Bild entstand 2020 beim Neujahrsempfang mit Markus Söder.

Die Biergärten füllen sich, die Menschen sehnen ein bisserl Exzess herbei. Zieht das Geschäft wieder an?

Schmid: Ja, es geht wieder los. Wir machen 1000 Fässer im Jahr, letztes Jahr war es die Hälfte. Es ist eine schwere körperliche Arbeit. Ein großes Fass aus massiver Eiche wiegt 85 Kilo. Natürlich bin ich froh, dass in geselliger Runde endlich wieder mehr Bier getrunken wird. Das merken wir auch an den Auftragsbüchern.

Wir sind mal beim FC Bayern aufgetreten. Unser Kasperl hat den Spielball geklaut. Da sind alle ein bisschen narrisch geworden.

Christian Baumann

Sie tanzen schon immer vor den Ministerpräsidenten. Wie war das bei Franz Josef Strauß?

Baumann: Wir hatten einen Auftritt vorm Prinz-Carl-Palais. Danach, 1984 war das, gab es drinnen einen Umtrunk. Da kamen irgendwann die Kellnerinnen mit ihren Tabletts – darauf waren Weißwürste, aber geschälte und geschnittene. Mit einem Spießchen drin. Kein einziger Schäffler hat zugegriffen, aber plötzlich hat der Ministerpräsident und Metzgersohn Strauß eine junge Dame angehalten und gesagt: „Was habt’s Ihr denn mit den Weißwürsten gemacht? Macht’s die sofort weg.“ Kurz darauf sagte Strauß zu uns, so dass es jeder hörte: „Buam, oder mögt’s Ihr des?“ Da hat einer von uns geantwortet: „Na, weniger. Des bissl, was wir essen, können wir auch trinken.“ Dann haben alle gelacht.

Als Schäffler erlebt man Dinge, da könnte man fast ein Buch schreiben.

Baumann: Einmal, auch im Jahr 1984, sind wir auf dem Marienplatz komplett eingegangen.

Was ist passiert?

Schmid: Da war ich Tanzleiter, 27 Jahre alt und voller Tatendrang. Aber ich habe keine Ahnung gehabt. Wir sind aus dem Alten Peter rausgekommen, der Marienplatz war schwarz vor lauter Menschen. Beim Donisl war ein Rondell aufgebaut, aber das haben wir nicht gesehen. Wir sind stattdessen zum Tanzen zum Fischbrunnen. Der komplette Stadtrat stand beim Donisl und war stinksauer. Die Zeitungen haben geschrieben: „Verpatzter Auftritt der Schäffler“. Trotzdem haben wir am nächsten Tag so viele Anfragen bekommen wie noch nie. Ein anderes Mal gab es zwar eine Bühne auf dem Marienplatz, aber es hat geregnet und war kalt. Die Bühne war glatt wie eine Eisfläche. Wir haben auch schon mal bei minus 23 Grad getanzt. Schäffler sind hart im Nehmen.

Gibt es weitere Höhepunkte?

Baumann: Mitte der 1980er-Jahre hat der FC Bayern bei einem Bundesligaspiel zum Tanze gebeten – und zwar in der Halbzeitpause. Wir waren also mittendrin im Tanz, unser Auftritt dauert halt über 20 Minuten, da kommen plötzlich die Mannschaften aufs Feld. Irgendwann hat der Schiedsrichter angepfiffen, obwohl wir noch nicht fertig waren – aber unser Kasperl hat sich das nicht gefallen lassen. Er hat den Spielball geklaut. Da G alle ein bisschen narrisch geworden, da gab’s ein kleines Chaos auf dem Spielfeld.

Je länger man Euch zuhört, desto klarer wird: Die Sehnsucht nach dem nächsten Tanz steckt tief in Euch?

Schmid: Klares Ja! Es ist gerade eine besondere Zeit. Ich gehe nicht davon aus, dass wir heuer noch im Olympiastadion tanzen, obwohl es am schönsten ist, wenn man uns von oben sieht. Aber vielleicht irgendwo in der Innenstadt. Wir warten auf den Startschuss, der Ministerpräsident muss nur anrufen. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Interview: Stefan Sessler und Wolfgang Hauskrecht

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