Corona-Reportage

Großhadern: Ärzte ringen mit Fassung, Patienten berichten von ihrer Angst zu sterben - „System kommt ans Limit“

Liegt im Sterben: Corona-Patient auf der Intensivstation am Münchner Uniklinikum Großhadern.
+
Liegt im Sterben: Corona-Patient auf der Intensivstation am Münchner Uniklinikum Großhadern.

Ihre Patienten werden immer jünger und immer mehr: Die Corona-Intensivstationen und Isolierstationen in Münchens großen Häusern platzen aus allen Nähten. Viele kommen mit Spätfolgen zurück.

München - Die Kamera schwenkt durch die Patientenräume in der Corona-Intensivstation am Uniklinikum Großhadern in München. Sie verharrt vor einem liegenden Mann. „Dieser stirbt bald“, sagt der Sprecher aus dem Off. Seine Angehörigen kommen in Kürze, um sich zu verabschieden. Es ist eine bedrückende und aufrüttelnde Reportage in der aktuellen Ausgabe des BR-Magazins quer. Ganz untypisch für das sonst eher satirische Format.

Corona-Lage in München: Ärzte und Pfleger ringen um Fassung

Eine Corona-Intensivstation in Großhadern und die Isolierstation der Münchner Universitätsklinik wird gefilmt, schließlich die Notaufnahme. Überall nur ein Thema: Corona und seine Folgen. Die Covid-Patienten, die immer jünger und immer mehr werden. Und überall, vom Chefarzt bis zur Krankenschwester, herrscht Fassungslosigkeit. Die Klinikmitarbeiter verstehen nicht, wie man sehenden Auges in diese Situation laufen konnte. Sie verstehen nicht, warum die Politik dem Land nicht schon vor Wochen einen harten Lockdown verordnete, um diese dritte Welle zu brechen.

Corona in Münchens Unikliniken: „System kommt ans Limit“

„Das System wird irgendwann ans Limit kommen, keine Frage“, sagt Oberärztin Dr. Stephanie-Susanne Stecher, Intensivmedizinerin in Großhadern. Ihr Chefarzt Michael von Bergwelt unterstreicht das. Er fürchtet, dass bald alle anderen Patienten mit Krebserkrankungen oder Herzleiden, die schnell behandelt werden müssten, von Corona-Patienten verdrängt werden.

Corona-Patient in München berichtet von seiner Angst zu sterben

In der Isolierstation der LMU Klinik liegt ein 54-jähriger Münchner. Er war begeisterter Sportler, Triathlet. Jetzt bangt er um sein Leben. „Ich habe Angst“, sagt er, „richtig Angst.“ Sein Verlauf ist jetzt schon schwer. Er bekommt ja mit, wie Patienten mit ähnlichen Verläufen in der Intensivstation verschwinden und nicht mehr zurückkommen. Er fürchtet sich, „dass ich meine Kinder nicht mehr sehe, dass ich meine Frau, meine Lieben nicht mehr ihn den Arm nehmen kann“. Infektiologe Professor Johannes Bogner steht neben ihm. „Der Lockdown wäre vor sechs Wochen notwendig gewesen“, sagt er. Und jetzt? „Jetzt ist er immer noch notwendig.“

Corona in München: Immer mehr Patienten der zweiten Welle kommen zurück in die Notaufnahme

Zusätzlich zur dritten Welle kommen die, die nach der zweiten Welle nie wieder gesund wurden. Sie landen in der Notaufnahme. Eine junge Münchnerin ist nicht das erste Mal hier. Seit ihrer Coronainfektion ist ihr sehr oft schwindlig, alles dreht sich, sie fühlt sich schlaff. „Dieses Virus ist echt unberechenbar“, sagt Krankenschwester Steffi Stahl in der Notaufnahme Großhadern. Die Patienten kämen immer jünger und sie treffe es hart, egal welches Alter.

In der Intensivstation von Oberärztin Stecher kämpfen sie gerade um fünf Menschenleben. Vier liegen im künstlichen Koma. Einen Kampf hat das Team während des Beitrags schon verloren. Ein zweiter Patient wird kritisch. Seit drei Wochen hängt er an der Lungenmaschine. Er ist 40 Jahre alt.

Video: So nehmen Angehörige von Corona-Opfern Abschied

*tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Regelmäßig, kostenfrei und immer aktuell: Wir stellen Ihnen alle News und Geschichten aus München zusammen und liefern sie Ihnen frei Haus per Mail in unserem brandneuen München-Newsletter. Melden Sie sich sofort an!

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare