Etablierte Verhaltensformen

München nach der Corona-Krise? Zukunftsforscher klärt über Folgen auf - und nennt „Gewinner aller Szenarien“

Frische bayerische Produkte vom Obststand: Das ist die Zukunft, denn der Trend geht zur Re-Regionalisierung
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Frische bayerische Produkte vom Obststand: Das ist die Zukunft, denn der Trend geht zur Re-Regionalisierung.

Ein Zukunftsforscher erklärt, welche Veränderungen die Corona-Krise erzeugen könnte. Laut Tristan Horx sorgt die Pandemie in einigen Gesellschaftsbereichen für Umbrüche - und bessere Zeiten?

  • Die Corona-Pandemie hält die Erde seit Monaten in Schach - die Folgen sind noch nicht abzusehen.
  • Doch birgt eine Krise auch die Möglichkeit, bestehende Missstände in richtige Bahnen zu lenken.
  • In München* war kürzlich Trend- und Zukunftsforscher Tristan Horx zu Gast - hier gibt es den Report.

München - Seit Anfang März ist unsere Welt nicht mehr dieselbe: Das Coronavirus hat München fest im Griff. Die Lockerungen haben uns den Alltag weitestgehend zurückgebracht, doch die Folgen der Pandemie werden noch lange anhalten. 

Aber: Was kommt nach Corona? Und was bringt die Zukunft? Mit diesen Themen hat sich Trend- und Zukunftsforscher Tristan Horx (26) beschäftigt, der vergangene Woche die Praxiswoche an der „Campus M University“ in der Dachauer Straße geleitet hat. In unserem großen Report gibt Horx einen Ausblick zu allen wichtigen Gesellschaftsbereichen wie der Wirtschaft, Konsum, Umwelt - aber auch Reisen und der persönlichen Lebensgestaltung.

München: Lehren aus Corona - Herunterfahren als etablierte Verhaltensform

Alltag: „Während Kriege eine Krise der Störung darstellen, ist die Corona-Pandemie eine Krise der Herausforderung – und eine kollektive Erfahrung“, sagt Tristan Horx. Vor Corona sei die Welt überhitzt und sehr beschleunigt gewesen. „Wer für sich selbst auf den Pausenknopf gedrückt hat, wusste, dass andere ihn vermutlich überholen werden. Das ändert sich nun gerade, denn in den vergangenen Monaten hat ein kollektives Herunterfahren stattgefunden, was auch in Zukunft für eine veränderte Wahrnehmung sorgen wird.“ Denn die Vorteile der Entschleunigung haben viele Menschen am eigenen Leib spüren können. In diesem Sinne wird es durch Corona „zu einer Beschleunigung der Entschleunigung kommen“, glaubt Horx. Das Herunterfahren wandele sich daher zu einer etablierten Verhaltensform in der Gesellschaft der Zukunft.

Arbeit: Viele Bildungsinstitutionen und Unternehmen hatten noch Nachholbedarf, „aber jetzt ist die Digitalisierung endgültig angekommen“, sagt Horx. „Dadurch entstehen ganz neue Formen von Arbeit und Zusammenarbeit, man hat das jetzt schon an den vielen virtuellen Konferenzen gesehen.“ Das werde sich weiter durchsetzen und viele Meetings wegfallen. „Auch die Anstellungsverhältnisse werden flexibler, da es zunehmend mehr Möglichkeiten gibt, ungebunden von einem Ort zu arbeiten.“

Umwelt und Wirtschaft: Mehr Ökologie und „Verschiebung von Quantität zu Qualität“

Wirtschaft: Horx sagt: „Wir haben viele Analysen gemacht, aber der Gewinner über alle Szenarien hinweg ist der Trend zur Re-Regionalisierung. Es wird eine Art Korrekturschleife der überhitzten Globalisierung stattfinden, sodass auch die Produktion wieder lokaler wird.“ Die Folge: Wir werden zukünftig auch im Konsum wieder verstärkt auf lokale Produkte setzen. Eine große Rolle spielen hier auch die Lebensmittel: „Es wird eine große Verschiebung von Quantität zu Qualität stattfinden, weil das Wirtschaftswachstum natürlich insgesamt eingeschränkt ist in den kommenden Monaten. Innerhalb der nächsten drei Jahre werden wir es aber schaffen, eine widerstandsfähigere Wirtschaft aufzubauen als bisher.“ Damit verbunden sei auch ein neuer Aufschwung.

Umwelt: „In näherer Zukunft wird es eine regelrechte Ökologie-Bewegung geben, die sehr stark auf Nachhaltigkeit setzt“, sagt der Forscher. „Wir in Europa haben durch Corona die große Lektion gelernt, dass wir durch soziale Intelligenz und einen kollektiven Zusammenhalt auch eine Pandemie in den Griff kriegen und eine Krise gemeinsam bewältigen können.“ Demgegenüber habe es bislang keine technologische Erlösung wie etwa den ersehnten Impfstoff gegeben. Insofern werde sich der Fokus nach Abklingen der Corona-Krise auf weitere kollektive Ziele richten: „Und das ist vor allem die Umwelt“, sagt Tristan Horx.

Corona: Lockdown als Chance zur Rückbesinnung auf wesentliche Werte

Familie: Die vergangenen Monate haben gezeigt, was die Leute während des Lockdowns* am meisten vermisst haben: menschliche Kontakte. Und nicht etwa das Ausgehen, Reisen oder Shopping-Touren. „Es hat also eine Rückbesinnung auf Basiswerte stattgefunden: Familie und Freunde haben einen viel größeren Stellenwert bekommen – und das wird noch lange anhalten“, sagt Horx. Das habe auch den Hintergrund, dass wir gezwungen waren, uns wochenlang mit uns selbst auseinanderzusetzen. „Diese wichtige individuelle Erfahrung wird die Gesellschaft nachhaltig prägen“, glaubt er.

Finanzen: Zahlreiche Umfragen belegen, dass viele Menschen überrascht sind, mit wie wenig sie auskommen können. „Gut ist die Situation aktuell natürlich nicht, und ich glaube auch, dass die wirtschaftliche Rechnung für die Corona-Krise* erst noch kommen wird“, sagt Horx. So schwierig die Lage – gerade für Gastronomen oder Selbstständige – auch war, müsse man trotzdem festhalten: „Verhungert ist in Europa niemand, der Warenverkehr hat auch in der Krise noch funktioniert. Das muss man auch der EU zugute halten.“ Die Wirtschaft werde sich wieder erholen, „aber das braucht Zeit.“

Grundeinkommen, Arbeitszeiten etc.: Corona bringt Verhaltensweisen auf den Prüfstand


Gesellschaft: Natürlich hat die Corona-Krise auch ein starkes Licht auf soziale Ungleichheiten gerichtet. „Die gilt es jetzt zu korrigieren“, sagt Tristan Horx in München. „Denn viel sichtbarer als jetzt, durch so eine Tiefenkrise, werden die Missstände nicht mehr. Insofern erwarte ich mir da eine Kurskorrektur – zum Beispiel in Bezug auf Themen wie bedingungsloses Grundeinkommen, Arbeitszeiten oder Umweltschutz, die zuletzt oft diskutiert wurden. Meine Prognose ist, dass Strukturen, Institutionen sowie Verhaltensweisen und Verfahren, die als unveränderbar galten, in nächster Zeit auf den Prüfstand geraten.“ In der Weltgesellschaft habe sich zudem ein neuer Zeitgeist entwickelt: Corona ist eine universelle Erfahrung, die alle gemacht haben. Dieser Zusammenhalt zeige sich jetzt auch an Black-Lives-Matter*: „Es ist die größte soziale Bewegung, die es in der Geschichte der Menschheit gab.“

Reisen: Der Tourismus ist für Tristan Horx das Sinnbild für alles, was nach Corona kommen wird. „Es wird jetzt eine Phase des Nachholens geben, die in erster Linie den Regional-Tourismus stärkt. Gerade Bayern wird davon enorm profitieren.“ Das Nachholen werde zum Jahresende aber wieder abebben. „Es wird dann die Frage auftauchen: Was brauche ich wirklich, um glücklich zu sein?“ Das gelte auch für den Konsum. „Die Zahlen der Flugindustrie zeigen, dass es jetzt eine große Delle gibt, die aber wieder einen enormen Anstieg erfahren wird. Dennoch wird sich das Reisen zukünftig auch als Sündenbock gegen das ökologische Empfinden verteidigen müssen.“ Es werde deshalb neue Formen und Taktungen geben: weniger kurze Trips mit hoher Intensität und verschiedenen Zielen als vielmehr längere Reisen in ein Land. Horx glaubt: „Man nimmt sich mehr Zeit, weil das Reisen wieder etwas Besonderes geworden ist. Ansätze dazu hat etwa schon die sogenannte Slow-Travel-Bewegung hervorgebracht.“ Auch der Tagestourismus werde zurückgehen.

Corona und die Auswirkungen: Revolution im präventiv-medizinischen Sektor?

Gesundheit: Prävention wird noch wichtiger werden, glaubt Horx. „Die aktuellen Gedankenspiele gehen so weit, dass es eine Art Gesundheitsabo beim Hausarzt geben wird: Dessen Aufgabe wird es dann nicht mehr nur sein, mich zu behandeln, wenn ich krank werde – sondern sicherzustellen, dass ich so lange wie möglich gesund bleibe.“ Dieser Wandel werde zwangsläufig auch die Krankenkassen und den Staat erreichen, „bis dahin ist es aber noch ein längerer Weg.“ In den nächsten Jahren werde zumindest aber dieses Umdenken stattfinden – mit dem Ergebnis, „dass die kollektive Gesundheit auch für meine eigene Gesundheit sorgt – das hat die Pandemie ganz deutlich gemacht.“

Die Sportstadien wie hier in München werden nach Corona wieder voller. Jedoch so voll wie vorher?

Freizeit und Kultur: Konzerte per Videoschalte, das war ganz lustig, aber ist „kein dauerhaftes Modell“, glaubt Horx. Denn ein soziales Massenerleben könne nicht durch Digitales ersetzt werden. „Es wird aber eine Veränderung geben: Fußballstadien und Konzerthallen werden auf Dauer nicht mehr so voll sein.“ Die Ängste der Besucher* würden abnehmen, die Sicherheitsmaßnahmen der Veranstalter aber zunehmen. „Der Massenandrang geht insgesamt zurück“, glaubt der Forscher. Clubs und Veranstalter müssten aber neue Konzepte präsentieren, um zu überleben. „In Österreich gibt es etwa schon Luftumwälzungen in Innenräumen, die denen der Frischluft sehr nahe kommen.“

Politik: „Sorgen mache ich mir, dass autokratische Tendenzen unbemerkt wachsen und die Strukturen des Überwachungsstaates zunehmen“, sagt Tristan Horx. Im Schatten von Corona könne die Politik hintenrum viel tricksen. „Das macht mich stutzig. Man sieht auch am System Donald Trump, dass es lange dauern wird, diese Strukturen wieder zu verändern.“

*tz.de und Merkur.de sind Angebote des Ippen Digital Netzwerks

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Kommentare

MadridistaMUC
(0)(0)

Jaja, halt das für ziemlichen Blödsinn. An der Kasse wird jetzt schon wieder gedrängelt, und an Ampeln wird wie eh und je rumgehupt. Und die Milliardäre haben in der Pandemie richtig abgesahnt. Erzählt mir keinen Schwachsinn. Ausserdem lebt jeder seinen Style. Ein Hartz4ler wird jetzt nicht plötzlich auf seine Zigaretten verzichten und jetzt jede Woche zum Hofladen im Chiemgau rausfahren und da seine regionale Butter, Milch, Wurst und Grillage kaufen.. Und eines ist sicher :Maske trage ich nicht mehr.

michi mellerAntwort
(2)(0)

Auch für bis dahin abgewählte Politiker gibts dann höchstdotierte Dankesjobs!

W. Gajewi
(1)(0)

Die "Gewinner" werden vor allem die Pharma-Industrie und die Banken sein... denn die ziehen viel Geld aus der Pandemie und dem Lockdown!
Vielleicht schaut auch ein schöner neuer Posten für Herrn Drosten heraus.... 😉