Aus dem Blickfeld geraten

Lockdown-Leid bei Kindern und Schülern aus München: So hart trifft es unsere Zukunft

Kein Freiraum, keine Freunde: Eingesperrt sein macht insbesondere Kinder psychisch kaputt
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Kein Freiraum, keine Freunde: Eingesperrt sein macht insbesondere Kinder psychisch kaputt.

Der Corona-Lockdown verstärkt die psychische Belastung junger Menschen. Das Sozialreferat München appelliert, dringend das Wohl von Kindern und Jugendlichen in den Fokus zu nehmen.

München - Ein Jahr Corona-Pandemie* bedeutet auch, dass Heranwachsenden ein Teil ihrer Kindheit geraubt wurde. So sieht es die städtische Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD). Kinder bräuchten für eine gesunde Entwicklung den Kontakt zu Freunden und „wirkliche Freiräume“, sagte Schiwy am Mittwoch während eines Online-Pressegesprächs. Bei aller Sorge um das Infektionsgeschehen habe sie den Eindruck, dass die Situation von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Debatte zu sehr aus dem Blickfeld gerate. Eine Auffassung, die Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) und die Leiterin des Jugendamtes, Esther Maffei, teilen.

München: Corona-Pandemie droht benachteiligte Kinder und Jugendliche abzuhängen

Dietl hält für Jugendliche vor allem Lockerungen von Kontaktbeschränkungen im Freien unter Einhaltung der Abstandsregeln für notwendig. Zudem sollten Sport- und Bolzplätze geöffnet werden. Mit Blick auf die langfristigen Auswirkungen der Schulschließungen fordert Dietl vom Freistaat ein gezieltes Bildungspaket. „Die bisher bereits benachteiligten Kinder und Jugendlichen drohen andernfalls komplett abgehängt zu werden“, befürchtet die Bürgermeisterin. Schulische Leistungen während des Lockdowns sollten weniger oder gar nicht gewertet werden, empfahl Dietl. Sozialreferentin Schiwy kann sich sogar vorstellen, die Noten im laufenden Schuljahr auszusetzen. Die Pandemie wirke wie ein Brennglas für die Gefahr wachsender Bildungsungerechtigkeit, warnte sie.

Laut Schiwy lässt sich überdies nach einem Jahr Pandemie feststellen, dass Angststörungen, Depressionen und Suizidgefährdungen unter Jugendlichen zunähmen. Dies würden Rückmeldungen von Kinderkliniken, Psychiatrien und Kinderärzten zeigen. Auch die Aggressionen unter Jugendlichen steigen Schiwy zufolge auffallend. Coronabedingte Krisen wie finanzielle Nöte wirkten sich belastend auf betroffene Familien aus: „Kinder leiden mit ihren Eltern mit“, sagte Schiwy. 24 Stunden am Tag gemeinsam unter einem Dach zu sein inklusive Homeschooling, sei ebenfalls eine Grenzsituation.

Kinderschutzeinrichtungen in München in Lockdown-Phase bis zum letzten Platz belegt

Weil im Corona-Lockdown viele Alltagsroutinen wie Schule, Kita oder Freunde weggebrochen sind, ist nach Einschätzung von Jugendamtsleiterin Esther Maffei auch das „Frühwarnsystem“ für den Kinderschutz bedroht. Sie geht von einer hohen Dunkelziffer häuslicher Gewalt aus, von der offizielle Stellen nicht erfahren würden. Eine traurige Statistik: Die Kinderschutzeinrichtungen in München sind laut Maffei mittlerweile bis zum letzten Platz belegt. Die Jugendamtsleiterin betonte, dass die Stadt in den vergangenen Monaten die Vernetzung mit allen Einrichtungen der Jugendhilfe, mit Schulen, Kitas, Polizei, Kinderärzten und Kliniken intensiviert habe. Aufsuchende Arbeit und die Inaugenscheinnahme aller Familienmitglieder spiele in dieser besonderen Zeit für den Kinderschutz eine entscheidende Rolle, sagte Maffei.

Für Alleinerziehende und belastete Familien sei vor allem die Möglichkeit der Notbetreuung in Kitas und Schulen ein enorm wichtiges Element des Kinderschutzes. Während des gesamten Lockdowns seien zudem alle sozialen Kinder- und Jugendeinrichtungen der Stadt ansprechbar gewesen. Die Streetworker hätten ebenso „relativ normal“ über Einzelkontakte mit Sicherheitsabstand weitergearbeitet.

Das Sozialreferat bittet darum, sich bei Verdachtsfällen häuslicher Gewalt in der Nachbarschaft, im Familien- oder Bekanntenkreis unbedingt an das zuständige Sozialbürgerhaus oder an die Polizei zu wenden. Ferner steht auch das Servicetelefon des Sozialreferats als erste Anlaufstelle zur Verfügung (089/233-968 33).*tz.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

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