„Wir müssen hier funktionieren“

Münchner Händler ziehen Bilanz: Eine Corona-Regel sorgt immer wieder für Ärger - Kult-Kiosk muss reagieren

Marjana Curic vom Giesinger Frischemarkt versteht sich auch als Seelentrösterin für einsame Menschen in der Pandemie.
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Marjana Curic vom Giesinger Frischemarkt versteht sich auch als Seelentrösterin für einsame Menschen in der Pandemie.

Hamsterkäufe und Maskenverweigerer machten den Einzelhändlern in München das Leben schwer. Jetzt schauen sie auf ein Jahr Corona zurück - und ziehen häufig eine positive Bilanz.

München - Marjana Curic (47) ist ein geduldiger, toleranter Mensch. Bei einem Thema kennt die Inhaberin des Giesinger Frischemarktes aber keine Gnade: „Wenn jemand keine Maske trägt und darüber diskutieren will, dann schmeiße ich ihn auch schon mal raus.“ Ein Jahr Corona* – und eine Berufsgruppe stand durchgehend an vorderster Front: die Verkäufer in Supermärkten, Tankstellen und an Kiosken, die einen wichtigen Dienst während der Pandemie leisten und oft vergessen werden. Bei uns machen sie jetzt einen Kassensturz und erzählen von ihren Erlebnissen.

Ein Jahr Corona in München: Alle warten sehnsüchtig auf die Impfung

Die Chefin des Giesinger Frischemarktes bringt es auf den Punkt: „Wir können kein Homeoffice machen. Wir stehen hier jeden Tag acht Stunden mit Maske* rum – da ist für die Kunden eine Viertelstunde mit Maske nicht zu viel verlangt.“ Bei all dem Stress, sagt sie, habe sie kaum Zeit, sich selbst Gedanken über eine mögliche Ansteckung mit Corona* zu machen. „Wir müssen hier funktionieren. Trotzdem warten wir alle sehnsüchtig auf die Impfung.“

Neben der Mehrarbeit hat das Corona-Jahr in München* vor allem eine zusätzliche Aufgabe gebracht. Marjana Curic: „Wir sind eine Art Seelsorger geworden. Als Tante-Emma-Laden haben wir viele ältere Stammkunden. Die sind oft einsam und wir sind die einzigen Ansprechpartner. Da nimmt man sich auch Zeit, um die Sorgen anzuhören.“

So geht’s auch Ersin Öner (33). Der Inhaber einer Tankstelle in der Schönstraße (Untergiesing) kümmert sich jeden Tag von sechs Uhr morgens bis 19 Uhr abends um seinen Familienbetrieb. „Für manche Kunden ist es mittlerweile die einzige Chance auf soziale Kontakte.“ Der Umsatz an Wein, Spirituosen und Zigaretten sei gestiegen, damit versucht der 33-Jährige, die Einbußen bei Benzin und Werkstatt auszugleichen. Was Öner als Inhaber von Süd-Treibstoff aber zu schaffen macht, sei die Ignoranz einiger Leute. „Ich führe noch immer jeden Tag Diskussionen mit Menschen, die ohne Maske reinkommen, um nach dem Tanken schnell zu bezahlen.“ Diese müssen die Maske dann an seiner Kasse kaufen. „Nur so kann ich meine Mitarbeiter und mich schützen. Denn wir sind alle froh, dass wir in diesen Zeiten Arbeit haben.“

Ein Jahr Corona in München: Die Erinnerung an die ersten Hamsterkäufe ist noch präsent

Jede Menge Arbeit an vorderster Front leistet auch Juan Jose Castro. Denn der 25-Jährige arbeitet bei Edeka Hertscheck in Neubiberg. An die ersten Hamsterkäufe erinnert er sich noch gut. „Die Unruhe war groß, die Kunden haben viel mehr eingekauft als vorher.“ Marktleiter Robin Hertscheck ergänzt: „Der Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr um insgesamt 60 Prozent gestiegen.“ Um den Berg an Nachschub einzusortieren, wurde abends länger gearbeitet oder morgens früher angefangen. Juan: „Aber das macht mir nichts aus, weil wir ein tolles Team sind!“

Dieses Team hilft älteren Kunden beim Einkaufen. „Wir tragen auch mal die Sachen nach Hause“, sagt der gebürtige Argentinier. Und als die FFP2-Masken zur Pflicht wurden, hat er diese mit den Kollegen an etliche Kunden verschenkt. Wenn dann Menschen in den Edeka-Laden kommen und Kuchen mitbringen – als Dank für alle, die täglich die Stellung halten, ist Juan sehr gerührt. Und er steckt auch weg, wenn er draußen vor dem Supermarkt von Leuten angemotzt wird, weil er kurz die Maske abgenommen hat. „Zum Glück bringt mich so schnell nichts aus der Ruhe.“

Ein Jahr Corona in München: Sicherheitsdienst musste die Abstandsregel durchsetzen

Eine Maskenpflicht gibt es bei Harald Guzahn-Thierer (54) zwar nicht, dafür aber einen Spuckschutz gegen die Aerosole. Der 54-Jährige betreibt seit 1999 den 23-Stunden-Kiosk an der Reichenbachbrücke. Corona zwang ihn im Sommer zum ersten Mal dazu, einen Sicherheitsdienst zu engagieren. „Meine Mitarbeiter und ich kamen alleine nicht hinterher, die Kunden darauf hinzuweisen, Abstand zu halten.“ Auch auf unerlaubte Gruppenbildung im Umfeld seines Kioskes muss er immer wieder achten. Denn sein Laden steht gerade in der Pandemie unter besonderer Beobachtung der Ordnungshüter.

Viel zu tun im Kiosk: Harald Guzahn-Thierer in seinem Kiosk an der Reichenbachbrücke.

Obwohl das Partyvolk an der Isar derzeit ausbleibt, hat er genug zu tun. „Nur“ zehn Prozent weniger Umsatz hat Harald Guzahn-Thierer 2020 gemacht – trotz der vielen Beschränkungen. „Dafür kommen jetzt mehr Spaziergänger oder Anwohner tagsüber, die Getränke oder Snacks kaufen.“ Und nach der Ausgangssperre? „Irgendjemand ist immer unterwegs: Polizisten, Krankenwagenfahrer, Lkw-Fahrer…“ *tz.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Verfolgen Sie die aktuelle Corona-Lage in München in unserem News-Ticker*.

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