„Haben einfach keine Aussicht“

Wirte setzen Zeichen vor Staatskanzlei in München: Gastronomie trägt sich selbst zu Grabe

Die Hoffnung von Handel und Gastronomie auf einen Zeitplan für die Wiedereröffnung der Läden ist von der Politik enttäuscht worden. Das sorgt auch in München für Verbitterung.

München - Die Entscheidung von Bund und Ländern zur Verlängerung des Corona-Lockdowns ohne konkrete Öffnungsperspektive hat zu einem Aufschrei bei den Betroffenen geführt. Der Handelsverband Textil (BTE) sprach von einem „Supergau“. Der Chef der Handelsgruppe Tengelmann (Obi, Kik), Christian Haub, bewertete die Beschlüsse als „schwarzen Tag für den Handel“. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) berichtete von „Frust und Verzweiflung“. Der Handelsverband Deutschland (HDE) warf der Politik Wortbruch vor und sprach von einer „Bankrotterklärung“*.

Jeder verlorene Verkaufstag kostet die Einzelhändler laut HDE Umsätze in Höhe von rund 700 Millionen Euro. „Viele wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll“, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. „Die Situation ist oft aussichtslos: Keinerlei Planungssicherheit, kein Licht am Ende des Tunnels und nach wie vor unzureichende staatliche Unterstützung.“ Genth malt ein düsteres Bild.

Selbst wenn die Mode-, Schmuck- und Elektronikläden bereits im März wieder öffnen dürften, werde der Umsatz im sogenannten Non-Food-Bereich im Gesamtjahr 2021 um 15 Prozent oder 25 Milliarden Euro unter dem Niveau von 2019 liegen. Verzögere sich die Öffnung bis in den Mai, liege das Minus sogar bei 29 Prozent oder 47 Milliarden Euro. Viele Händler würden das nicht überleben.

München: Wirte tragen in der Staatskanzlei wegen Lockdown die Gastronomie zu Grabe

In München* spielt sich am Donnerstag ein außergewöhnlicher Protest ab: Zu viert heben Münchner Gastronomen den Sarg vom Laster und marschieren langsam vor die Staatskanzlei. Wirt Stephan Alof stimmt dabei leise den Trauermarsch an. An diesem Donnerstag hat sich ein Dutzend Restaurant- und Cafébesitzer getroffen, um symbolisch die Gast-, Kultur- und Eventszene Münchens zu beerdigen.

Beerdigung der Gastronomie im Hofgarten vor der bayerischen Staatskanzlei.

„Mir war immer bewusst, dass wir mit unseren Stadtteilgastronomien für ältere Bewohner wichtig sind. Aber wie wichtig wir sind, wird mir erst jetzt klar“, sagt Luca Gültas, dem unter anderem das Café „Miss Lilly’s“ und die „Wuid Bar“ gehören. Vor allem im zweiten Lockdown kämen betagtere, alleinstehende Gäste zu ihm – nicht um Essen abzuholen, sondern um zu reden. Und so kam Gültas die spontane Idee: Die Gastronomen müssten ein Zeichen setzen. „Denn da war klar, dass wir schon wieder vertröstet werden.“

Münchner Wirte frustriert wegen Corona-Lockdown - „Wir haben einfach keine Aussicht“

Unter anderem rief Gültas seinen Kollegen Stephan Alof an, der ist neuerdings Trauerbegleiter und steuerte den Sarg bei. Die Wirte fühlen sich komplett alleine gelassen. „Es ist frustrierend. Wir haben einfach keine Aussicht, keine Planbarkeit, dabei hat selbst das RKI gesagt, dass man sich bei uns nicht so leicht anstecken kann“, sagt Gültas. Er fühlt sich stigmatisiert, demnächst wolle er mit anderen Gastronomen einen Imagefilm drehen. „Damit die Leute wissen, dass sie in den Gastronomien sicher sind.“

Auch der Trauermarsch soll nur der Anfang sein. Jede Woche will Gültas nun mit Kollegen auf die Situation der Gastronomie aufmerksam machen – schon am Sonntag mit der nächsten Aktion. „Ich setze auf die Solidarität der Kollegen, und vielleicht schaffen wir es ja sogar, die Aktion in andere Städte zu tragen.“ *tz.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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