Lage auf den Intensivstationen kritisch

Corona-Lage in Münchner Kliniken dramatisch - Arzt warnt: „Situation steht auf Messers Schneide“

Mitarbeiter der Intensivstation des Uniklinikums rechts der Isar beraten sich.
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Hilfe für schwerkranke Corona-Patienten: Hier beraten sich Mitarbeiter der Intensivstation im Uniklinikum rechts der Isar.

Die Betten auf den Corona-Stationen sind fast vollständig ausgelastet. Die Situation ist angespannt. So schätzt Infektiologe Christoph Spinner die Lage ein.

München - Auch über Weihnachten hat sich die Belegung der Intensivbetten in Münchner Kliniken erhöht. Im Interview mit Münchner Merkur und tz beschreibt der Chef der Infektiologie, Privatdozent Dr. Christoph Spinner, die dramatische Lage.

Wie ist die Lage auf den Covid-Stationen?
Spinner: Mit Blick auf unsere Behandlungskapazitäten steht die Situation seit Tagen auf Messers Schneide.
Was bedeutet das konkret?
Spinner: Die Betten auf unseren Covid-Stationen sind zu über 95 Prozent ausgelastet. Verschärfend kommt hinzu, dass auch Ärzte und Pflegekräfte nicht von Corona-Infektionen* verschont bleiben und deshalb ausfallen.
Corona-Experte Privatdozent Dr. Christoph Spinner, Chef der Infektiologie des Uniklinikums rechts der Isar.

Wegen Corona findet in manchen Bereichen nur noch Notversorgung statt

Lassen sich die Kapazitäten noch erweitern?
Spinner: Ja, allerdings nur zulasten anderer medizinischer Bereiche. In unserem Klinikum werden derzeit fast nur noch Not- und dringliche Fälle versorgt, beispielsweise Patienten mit Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Knochenbrüchen. Die allermeisten planbaren Operationen sind verschoben worden. Es geht uns dabei vor allem darum, längere Aufenthalte von frisch operierten Patienten auf den Intensivstationen zu vermeiden.
Als Schreckensszenario gilt, dass Ärzte bald entscheiden müssen, welche Covid-Patienten sie beatmen können und welche nicht. Sehen Sie die Gefahr dieser sogenannten Triage für München?
Spinner: Wir können momentan noch für jeden Patienten eine sinnvolle Therapieentscheidung treffen. Allerdings sind auch unsere Möglichkeiten nicht unbegrenzt. Vor diesem Hintergrund sehe ich mit Sorge, welche Folgen die Weihnachtsfeiertage haben könnten: Zwar haben viele Menschen ihre Kontakte an den Feiertagen heuer eingeschränkt, sich kurzfristig testen lassen und Schutzmaßnahmen beachtet, aber trotzdem gab es erwartungsgemäß viele Familienfeiern und Reisen zu Verwandtenbesuchen quer durch die Republik. Es wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so sein, dass die Corona*-Infektionszahlen weiter steigen. Dieser Effekt wird jedoch frühestens in den ersten beiden Januar-Wochen voll durchschlagen.
Kampf um das Leben der Corona-Patienten: Ein Blick auf die Intensivstation des Uniklinikums rechts der Isar.

Corona-Impfung reicht für fünf Millionen Bundesbürger

Kommen die Impfungen noch rechtzeitig, um die zweite Corona-Welle auszubremsen?
Spinner: Nach Aussagen des Gesundheitsministers werden bis Ende März bis zu zehn Millionen Impfdosen zur Verfügung stehen. Weil die Impfung zweimal im Abstand von 21 Tagen gespritzt werden muss, reicht diese Menge für fünf Millionen Bundesbürger. Doch alleine die Bevölkerungsgruppe mit einer sehr hohen Impfpriorität – Hochbetagte, Ärzte und Pflegekräfte – zählt knapp acht Millionen Menschen. Es wird nach derzeitigem Stand mindestens bis zum Sommer dauern, bis die Allgemeinbevölkerung ein Impfangebot erhält.
Ein Mitarbeiter auf der Intensivstation des Uniklinikums rechts der Isar überprüft die Medikamenten-Infusion eines Patienten.
Was muss geschehen, um eine Eskalation der Corona-Krise zu stoppen?
Spinner: Es kann doch niemand ernsthaft damit rechnen, dass wir nach dem vorläufigen Ende des aktuellen Lockdowns am 10. Januar zur Normalität zurückkehren können. Wir schaffen es ja derzeit gerade mal mit größter Mühe, den Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern. Deshalb sind Maßnahmen zur wirksamen Pandemiekontrolle weiterhin nötig.

Das Interview führte Andreas Beez. *tz.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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