„Sehne mich nach dem alten Münchner Flair“

Herr Reiter, sind Sie ein Söder light? München-OB blickt auf Corona-Jahr und wird sehr persönlich

München-OB Dieter Reiter im Dezember 2020 auf dem Balkon des Rathauses am Marienplatz
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München-OB Dieter Reiter (SPD) arbeitet nach seiner Corona-Quarantäne wieder vom Rathaus aus.

Die Covid-19-Pandemie hat der Stadt vieles von dem genommen, was sie eigentlich aus macht. OB Dieter Reiter resümiert die vergangenen Monate - und gibt einen Einblick in seine Gefühlswelt.

  • Kein Biergarten, kein Oktoberfest, kein Theater oder Oper: Vom Münchner* Flair war 2020 wegen Corona nicht viel zu spüren.
  • OB Dieter Reiter (SPD) im Interview über die Regierungsarbeit im Zeichen der Pandemie - und das Rathausbündnis mit den Grünen*.
  • Was planen die Stadtoberen für 2021? Reiter gibt einen Ausblick.

München - Oberbürgermeister Dieter Reiter* (62, SPD*) ist seit Freitag zurück im Rathaus-Büro. Zuvor war er zehn Tage in Quarantäne, weil seine Mutter positiv auf Corona* getestet wurde. Am Montag besucht Reiter zusammen mit Ministerpräsident Markus Söder (53, CSU) das neue Impfzentrum. Diese Tage: Sie stehen im Zeichen von Corona* – wie die Monate zuvor. Im tz-Interview blickt Reiter zurück auf ein außergewöhnliches Jahr:

Das Jahr hat für Sie mit dem deutlichen Erfolg bei der OB-Wahl gut angefangen. Danach standen die Monate im Zeichen von Corona. Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass das kein normales Jahr wird?
Dieter Reiter: Ziemlich schnell. Schon der Wahlkampf stand am Schluss im Zeichen der Pandemie. Und an eine Wahlparty war gar nicht zu denken, weder privat noch mit der Partei. Stattdessen ging es gleich mit Sitzungen des städtischen Krisenstabs weiter. Die ersten Wochen waren wir alle ziemlich überrascht von der Entwicklung. Niemand wusste Genaueres, niemand wusste, wie man am besten mit dem Virus umgeht.

Die einzig halbwegs nachvollziehbare Erkenntnis war, die Kontakte zu reduzieren – was mit dem ersten Lockdown auch geschah. Aber dass es kein normales Jahr werden würde, war spätestens mit der Wiesn-Absage (21. April, Anm. der Redaktion) allen klar. Nicht spaßig für einen OB, so etwas verkünden zu müssen. Das Frühjahr und den Sommer über hatte ich die leise Hoffnung, dass uns die zweite Welle* vielleicht erspart bleiben würde. Leider kam es anders.
Was haben Sie in diesem Jahr am meisten vermisst?
Reiter: Normalität. Dass man nicht bei jedem Schritt überlegen muss: Darf ich das jetzt? Kann ich das jetzt? Dass man sich mit Freunden oder der Familie trifft, ohne nachzuzählen. Dass man ohne Maske* und ohne seinen Namen einzutragen in den Biergarten gehen kann – ins Kino, ins Theater, ins Konzert zu gehen, ohne nachzudenken. Die Spider Murphy Gang hat das Münchner Lebensgefühl mit dem Lied Es is wieder Sommer in der Stadt sehr gut beschrieben. All das gab es aber heuer nicht. Man hat das typische unbeschwerte Münchner Flair vermisst.
Jenseits von Corona wurde trotzdem Politik gemacht – mit einer neuen grün-roten Rathaus-Regierung. Welche Schulnote würden Sie der Koalition geben?
Reiter: Inhaltlich ist es sehr gut gelaufen. Die Themen, die im Koalitionsvertrag festgeschrieben wurden, haben wir angepackt. Kommunikativ und in der Zusammenarbeit ist noch Luft nach oben. Also in Schulnoten ausgedrückt: eine Zwei minus. Das ist aber keine große Überraschung, wenn ich an die ersten drei Jahre mit der CSU* zurückdenke. Da habe ich den ein oder anderen Strauß mit dem zweiten Bürgermeister ausgefochten. Die jetzigen Konflikte sind vergleichsweise harmlos. Und mit Bürgermeisterin Katrin Habenschaden pflege ich ein sehr konstruktives Verhältnis.
Nach einem guten Jahr Regierungszeit mit der CSU hatten Sie der Koalition eine glatte Zwei gegeben…
Reiter (lacht): Vielleicht sind meine Ansprüche gewachsen. Ich will in meiner letzten Amtsperiode als OB noch einiges bewegen – obwohl Corona vieles hemmt und enorme finanzielle Auswirkungen hat. Natürlich hätte ich mir lieber gewünscht, zum Beispiel darüber nachzudenken, wie schaffen wir es, dass der Platz vor der Oper für die Münchner so etwas wie eine Piazza in Italien wird. Aber das sind ja nun eher Wunschprojekte. Die finanzielle Situation ist aufgrund der Pandemie einfach eine andere. Deswegen bin ich nicht ganz zufrieden, deswegen eine Zwei minus.
Sind Wohnungsbau und Soziales für Sie trotz Finanzkrise unantastbar? Das haben Sie mehrfach betont…
Reiter: Auf jeden Fall. Wir werden bei den Sozialausgaben gar nicht sparen können. Denn die Auswirkungen der Corona-Krise werden auch nächstes Jahr noch viele Menschen treffen. Und trotz sinkender Einnahmen werden wir auch im Bildungsbereich mehr Geld ausgeben müssen. Zum Beispiel für Hardware, um den Distanzunterricht an Schulen für alle sicherstellen zu können. Auch um die älteren Menschen müssen wir uns kümmern.
Welche Corona-Auswirkungen machen Ihnen die größten Sorgen: wirtschaftliche, gesellschaftliche oder gesundheitliche?
Reiter: Ganz klar die gesundheitlichen. Gerade nachdem meine Mutter erkrankt ist, weiß ich, wie schnell einen das Thema Corona persönlich erreicht. Ich war ja nicht freiwillig in Quarantäne, sondern weil es sein musste. Die Stadt hat Dinge wie die Corona-Teststation auf der Theresienwiese eingerichtet und finanziert, oder auch die Contact-Tracing-Teams. Die Frage ist, wie viel Geld wir im Nachgang der Krise von Bund oder Freistaat wiederbekommen. Natürlich spielt auch die zunehmende Spaltung der Gesellschaft eine Rolle. Aber ich glaube, München ist sehr vom Zusammenhalt geprägt. Es wird hoffentlich eine schnelle Normalisierung geben, wenn die Menschen sich wieder frei bewegen können.
Sie haben sich in der Krise als Verfechter strikter Maßnahmen gezeigt. Sind Sie Münchens „Söder light“?
Reiter (lacht): Naaa. Klar ist, dass ich von Anfang an Maßnahmen*, die ich für notwendig und verantwortungsvoll empfunden habe, umgesetzt habe. Im engen Austausch mit Ministerpräsident Markus Söder, anderen Vertretern der Staatsregierung und natürlich auch meinen Gesundheitsexperten. Die Entwicklung zeigt doch, dass wir keine zu scharfen Maßnahmen ergriffen haben – im Gegenteil, wenn man sich die jetzigen Inzidenzwerte anschaut. Ein Lockdown light ist halt ein Lockdown light – mit offensichtlich zu vielen Ansteckungsmöglichkeiten.

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